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Kolumne der Redaktion

20.05.2016

Was Paul Huber soeben an der Trauerfeier für Toni Muheim sagte

Beim Abschied von alt Nationalratspräsident und alt SP-Regierungsrat Dr. Anton Muheim in der Luzerner Hofkirche hat soeben Dr. Paul Huber gesprochen. Muheim war von 1959 bis 1978, Huber von 1987 bis 2003 Mitglied der Kantonsregierung. Vorgängig hat Paul Huber lu-wahlen.ch das Manuskript seiner Rede zur Verfügung gestellt, wofür ihm auch hier gedankt sei.


Paul Huber strich in seiner Rede über Anton dessen Verwurzelung in der Arbeiterbewegung hervor und zeigte dessen starken Einfluss in der SP auf.

Arthur Schmid, früherer Aargauer Bildungsdirektor, viele Jahre Fraktionskollege Muheims im Bundeshaus und mehrere Jahre Präsident der SP Schweiz.

Regula Roth Koch, mehrere Jahre SP-Kantonsrätin und während vier Jahren Präsidentin des Bürgerrates, im Gespräch mit Sohn David Roth, SP-Kantonalpräsident.

Altnationalrat Hans Widmer (rechts) im Gespräch mit Altstadtrat Werner Schnieper.

Hugo Fessler war SP-Grossrat und Mitglied des Grossen Stadtrates, den er 1987/1988 präsidierte.

Maria Schnieper-Gut ist die Gattin von Altstadtrat Werner Schnieper; beide machen noch immer aktiv in der SP mit.

Eduard Belser war Baselbieter Regierungsrat und Ständerat. Er gehörte in der SP-Bundeshausfraktion wie Toni Muheim dem Gewerkschaftsfügel an, der damals noch als «rechts» galt.

Hanspeter Steiger aus Pfeffikon war anfangs der Siebziger Jahre bei den Luzerner Jungsozialisten aktiv und focht mit Toni Muheim manchen Strauss aus. Später wurde er im Aargau Sekretär der Gewerkschaft SMUV.

Geschätzte Trauerfamilie, FreundInnen und WeggefährtInnen von Anton Muheim

Liebe Genossinnen und Genossen

«Toni Muheim war die prägendste Figur der Luzerner Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert. 76 Jahre lang war er Mitglied unserer Partei. Sein Leben steht sinnbildlich für die Geschichte der Arbeiterbewegung und ihre Integration in den modernen Bundesstaat».

So die Würdigung des kurz vor seinem 100. Geburtstag Verstorbenen durch die Sozialdemokratische Partei des Kantons Luzern.

Was machte Anton Muheim prägend für eine ganze Epoche der Luzerner Arbeiterbewegung? Heute würde man sagen, der Luzerner Linken eine Bezeichnung, die aber nicht zum politischen Selbstverständnis von Anton Muheim gepasst hätte.  

Zum einen, weil er nie im heutigen Wortsinn ein Linker sein wollte. Er legte immer Wert darauf, ein Sozialdemokrat und nicht ein Sozialist zu sein; der in der Gewerkschaftsbewegung gebräuchliche Begriff des «Kollegen» stand ihm näher als der des «Genossen» oder der «Genossin».

Und zweitens und wichtiger, kein Linker im heutigen Sinn, weil seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung lagen. Für seinen Einsatz als junger Politiker aus einem engagierten sozialdemokratischen Elternhaus stammend hiess dies: sichere Arbeitsplätze, gerechter Lohn, eine bezahlbare Wohnung für alle, eine von der Gesellschaft solidarisch getragene Absicherung im Fall von Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit und im Alter. 

Ein einfaches, verständliches und umfassendes Programm, für dessen Umsetzung er sich in seinem ganzen politischen Leben auf verschiedensten Ebenen eingesetzt hat. 

 . Als Präsident der Sektion Luzern der Gewerkschaft VPOD bis zu seiner Wahl in den Regierungsrat; später im Nationalrat verankert im gewerkschaftsnahen Flügel der Fraktion;

. als Mitbegründer von Wohnbaugenossenschaften in Wikon und Horw;

. als Mitglied, Rechtskonsulent und Präsident des Mieterverbandes, an dessen Versammlungen er bis ins hohe Alter teilnahm;

. als Mitglied des Zentralvorstandes von Pro Infirmis;

. als Gründer und Präsident des Trägervereins Wohnheim Lindenfeld in Emmen, eines Wohn-Orts für Menschen am Rande der Gesellschaft;

. als Mitglied und Förderer von Kultur- und Sportverbänden der Arbeiterbewegung, wie Naturfreunde, SATUS und Harmoniemusik Luzern oder Kinderferienwerk der Luzerner Arbeiterbewegung.

Dies ist längst keine vollzählige Aufzählung seines zivilgesellschaftlichen Einsatzes für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der lohnabhängigen Bevölkerung, und ich entschuldige mich jetzt schon bei all jenen Anwesenden, deren Institutionen auch vom Wirken Anton Muheims profitiert haben und die hier nicht erwähnt wurden. 

Die engen Beziehungen, die er bei diesem Einsatz mit den Repräsentanten der Arbeiterbewegung knüpfte, bildeten die Basis für seine herausragende Stellung und sein erfolgreiches Wirken in der Sozialdemokratischen Partei bis in die frühen 80-er-Jahre des letzten Jahrhunderts.

Er war die dominierende Figur der Luzerner Sozialdemokratie, als im Nachgang zur 68-er Bewegung auch ich zur SP stiess. 

«Euse Toni», so wurde er von der grossen Anhängerschaft in der Bewegung häufig liebevoll und bewundernd genannt. Er hatte mit seiner Wahl zum Regierungsrat in einem konservativ geprägten Kanton die SP ein Stück respektierter und hoffähiger gemacht; in der Zeit des Kalten Krieges, der Konfrontation zwischen Kommunismus und Kapitalismus; in einer Zeit, wo den SP-Genossen von den Gastwirten auf der Landschaft oft nicht einmal ein Versammlungslokal vermietet wurde. 

Toni Muheim genoss diese Zuneigung und als intelligenter, selbstbewusster, führungsstarker und auch machtbewusster Mensch nutzte er diese unangefochtene Stellung nach innen und nach aussen. 

Nach innen, indem er weit über seine Zeit als Parteipräsident hinaus , durch intensive Einflussnahme auf die Personalpolitik und die Programmatik der Kantonalpartei sein Verständnis von sozialdemokratischer Politik durchsetzte. 

Mit Beginn der 70-er-Jahre führte das immer öfter zu heftigen Diskussionen mit einer neuen Generation von links engagierten Männern und Frauen. Diesen, aufgewachsen in der Zeit der Hochkonjunktur und von bitterer Armut weniger betroffen, blieben die Ziele der Arbeiterbewegung zwar wichtig. Aber neue Fragen harrten der Lösung: Gleichstellung der Geschlechter (da hatte auch die traditionelle Arbeiterbewegung Nachholbedarf), Umweltschutz, Grenzen des Wachstums, Befreiung von einengenden gesellschaftlichen Zwängen und Normen im Zusammenleben, undsoweiter. 

Für diese 68-er-Bewegten war Anton Muheim nicht mehr «euse Toni», der «es» schon wusste und der «es» dank seiner Erfahrung und seiner Vernetzung in breite bürgerliche Kreise hinein «scho rächt» machte. Toni galt den  Jungsozialisten und ihren Verbündeten als zu pragmatisch, zu kompromissbereit, zu abgeschliffen. 

Für diese Generation von Sozialdemokraten war Toni Muheim nicht mehr «euse Toni». Er war «Sir Anton», eine Bezeichnung, welche gleichzeitig auf seine immer makellose Kleidung und Körperhaltung abhob, wie eben auch auf seine gegenüber den Opponenten in der Partei reservierte und distanzierte Einstellung. «Sir Anton» war auch Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit von politischen Anfängern. Lange mussten wir Jungen an Parteitagen unser «Wärchen» packen und als Geschlagene vom Felde ziehen. Denn Toni, gewiefter Taktiker, der sich nach erschöpfter und erschöpfender Diskussion häufig noch als Letzter zu Wort meldete, hatte sich mit seinen Argumenten wieder einmal auf seine jahrzehntelang aufgebaute treue Gefolgschaft verlassen können. Das blieb so bis in die Mitte der 80-er-Jahre.  

Anton Muheim nützte seine starke Stellung in der Bewegung aber auch nach aussen

Toni hatte eine Linie, und von der wich er auch in seiner erfolgreichen 20-jährigen Karriere als Nationalrat nicht ab. Helmut Hubacher, damals Parteipräsident und dauerbeschäftigt, die widerstreitenden Interessen in der Bundeshaus-Fraktion zum Nutzen der gemeinsamen Sache zusammenzuhalten, hat es gestern am Telefon so ausgedrückt: 

Die Partei brauchte zum Fliegen immer beide Flügel, den linken und den rechten. Toni Muheim habe zweifellos zum konservativ-pragmatisch-gewerkschaftlichen Flügel der Fraktion gehört. 

Dort sei er ein Meinungsmacher gewesen. Anton Muheim habe es geschafft, zusammen mit bürgerlichen PolitikerInnen Kompromisse zu erarbeiten, denen die eigene Fraktion am Schluss zustimmen konnte; denn, jeder Schritt sei von Bedeutung, wenn er in die richtige Richtung gehe. 

Fazit: Anton Muheim sei ein sehr wertvolles Mitglied der Fraktion gewesen und habe die Sache der Sozialdemokratie in vielen Bereichen wie Raumplanung, Mieterschutz, AHV und IV entscheidend vorwärts gebracht. Seine Wahl zum Nationalratspräsidenten war diesen Verdiensten geschuldet.

Eine prägende Figur der Arbeiterbewegung ist mit Anton Muheim, «eüsem Toni», von uns gegangen. 

In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens hielt sich unser Kollege und Genosse Toni aus der Politik heraus. Nicht aus dem gesellschaftlichen Mitgestalten. Natur- und Landschaftsschutz wurden zu seinem wichtigen Thema und er hinterlässt auch da Spuren über seinen Tod hinaus. Er initiierte den Wanderweg rund um den Vierwaldstättersee und setzte sich vehement für die Sanierung eines der Herzstücke dieses Weges ein: den Felsenweg am Bürgenstock. Und wenn demnächst in Stadt und Kanton über den Standort einer allfälligen Salle Modulable gestritten wird: Anton Muheim wird mit von der Partie bleiben. Denn der von ihm gegründete Schutzverband Vierwaldstättersee wird da ein gewichtiges Wörtchen mitreden wollen.

Danke, lieber Toni. 

Paul Huber, als SP-Regierungsrat von 1987 bis 2003 Nach-Nachfolger von Anton Muheim, Luzern

Unter «In Verbindung stehende Artikel»: Was Regierungspräsident Reto Wyss heute sagte.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/