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Kolumne der Redaktion

29.08.2015

Was Soziologe Ueli Mäder soeben am Fest der 30-jährigen Gassenarbeit sagte (1)

Zum Geburtstagsfest der dreissigjährigen Gassenarbeit Luzern sprach im Lukaszentrum soeben der Basler Soziologieprofessor Dr. Ueli Mäder. Er sprach zwar ohne Manuskript, umriss aber in einem Beitrag eigens für lu-wahlen.ch seine grundsätzlichen Betrachtungen zu diesem Thema und speziell zum Motto «Ausser Rand und Stand», das über dem Jubiläum steht.


Sprach soeben in der Lukaskirche: der Basler Soziologieprofessor Dr. Ueli Mäder.

Nach dem Festakt in der Lukaskirche bot der Garten vor dem Lukassaal das stimmungsvolle Ambiente für einen freudigen Tag: Renata Asal-Steger, Präsidentin des Vereins kirchliche Gassenarbeit, und Christian Fischer, der im «Paradiesgässli» arbeitet, einer der Instiutionen der Gassenarbeit.

Franz Zemp (links) übernimmt von Gassenarbeit-Gründer und -Pionier Sepp Riedener dessen Pensum als Seelsorger, eine Tätigkeit, welche Riedener nach seiner Pensionierung teilzeitlich weiter ausgeübt hat. Zemp bleibt aber zugleich Gemeindeleiter der Luzerner Pfarrei St. Josef im Maihof-Quartier.

René Baschung wirkt seit 16 Jahren als Betreuer in der Gassenküche.

Einer der vielen Besucher des Gassenarbeit-Festes: Apotheker Balthasar Schmid.

Journalist Harry Ziegler (links) leitete ein Podiumsgespräch zu Entstehung, Geschichte und Zukunft der Gassenarbeit in Luzern.

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Michael Birkenmeier (blaues Hemd links) und Sibylle Birkenmeier (rechts von ihm) traten als Kabarett-Duo beim Festakt auf.

Bilder: Herbert Fischer

Wer «Ausser Rand und Stand» googelt bekommt zur Antwort «Ausser Rand und Band». Und dann folgt gleich der Verweis auf die 1968er-Revolte. Sie ist nun schon bald fünfzig Jahre her, hat aber die Gassenarbeit mitinitiiert. Dies im Rahmen der verstärkt postulierten Gemeinwesenarbeit (GWA).  

Die GWA will, über die Arbeit mit Einzelnen und Gruppen hinaus, mehr projektorientiert auf öffentliche Strukturen einwirken. Dazu gehört auch eine aufsuchende Sozialarbeit. Ebenso eine Gassenarbeit, die sich für so genannte «Randständige» auch deshalb interessiert, weil sie viel von dem sichtbar machen, was sich inmitten der Gesellschaft tut. 

Damit sind nun schon drei Bereiche angesprochen: erstens 1968, zweitens die GWA und drittens die Gassenarbeit. Hinzu kommt viertens eine weitere Assoziation zu «Ausser Rand und Stand». Nämlich der Begriff «Stand». Er taucht sonst in Aussprüchen auf wie: «Weder Klasse noch Stand». Ich sage auch dazu etwas. Aber der Reihe nach. Und doch etwas verknüpft.

Soyez réalistes, demandez l’impossible

Ja, die Utopie ist Teil der Realität. Und unter dem Pflaster verbirgt sich der Strand. Diese Aussprüche erinnern an einen Aufbruch. Horizonte erweiterten sich.  Auch in der sozialen Arbeit. «Community workers» engagierten sich anno 1968 dafür, gesellschaftliche Strukturen zu demokratisieren. Sie taten dies etwas eifrig, was dann als Vorwand diente, der Gemeinwesenarbeit die Flügel zu stutzen. Sie durfte da und dort gerade noch Betonbauten etwas farbenfroher gestalten. 

Auch als Wissenschaft passten sich Teile der Sozialen Arbeit postmodern und systemkonform an, statt eigene Ansätze weiter zu kultivieren. Gut argumentiert, wer Luhmann zitiert! Die Soziale Arbeit tut gut daran, an ihre kritische Tradition anzuknüpfen.

Anleitungen zum mächtig sein

Vor hundert Jahren kooperierte die Soziale Arbeit im rasant wachsenden Chicago mit den sich institutionell etablierenden Gesellschaftswissenschaften. Es galt, brisante Probleme zu bewältigen. So entstanden interdisziplinär angelegte Projekte, die sich mit dem sozialen Wandel, der Migration, der Stadtentwicklung und abweichendem Verhalten befassten. Die Diskurse verknüpften Theorie und Praxis. Originelle methodische Zugänge entstanden aus spezifischen Problemlagen. Saul Alinsky initiierte beispielsweise Bürgerrechtsbewegungen. Er setzte sich für Marginalisierte und Migrierte ein. Immer wieder inhaftiert, publizierte er 1946 (anstelle seiner Dissertation) das Buch «Anleitungen zum mächtig sein».  Alinsky postulierte, das Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Geht hinaus zu den Leuten, so lautete seine Botschaft. Und setzt Euch selbstbewusst für die Interessen der so genannt Randständigen ein. 

«Wir scheitern nicht an den Niederlagen, die wir erleiden, sondern an den Auseinandersetzungen, die wir nicht wagen.» 

So lautet ein Graffiti, das an einer Berner Mauer zu lesen ist. Der Wandspruch ruft zu keiner neuen Omnipotenz auf. Er kontrastiert vielmehr Haltung, die weit verbreitet ist. Wenn immer ein guter Vorschlag aufs Tapet kommt, finden wir leicht viele Gründe, um ja nicht handeln zu müssen.

Oben und unten

In wichtigen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit verlagert sich der Fokus von der gesellschaftlichen Dynamik zur individuellen. Wie bei der Konfliktforschung. Ältere Ansätze betonten beispielsweise strukturelle Ursachen der Gewalt. Neuere konzentrieren sich mehr darauf, Konfliktdynamiken zu dekonstruieren. Sie verabschieden frühere Konzepte der Verteilungsgerechtigkeit und vertreten einen radikalen Konstruktivismus, der das Relative stark betont. Heute verbreitet sich eine Kritik an der Kritischen Theorie. Sie will «normativ aufgeladene» Begriffe «von emanzipatorischen Inhalten befreien». Sie interessiert sich mehr für situative Dynamiken, denn für Ursachen. Damit gerät auch das soziale Engagement aus dem Blick. 

Ein Diskurswandel ist auch bei der sozialen Ungleichheit feststellbar. Es geht dabei um die Verteilung von Wohlstand, Ansehen und Macht. Was einst als Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung diskutiert wurde, wird heute im sozialen Mainstream eher selten thematisiert. Der Blick verlagert sich von der vertikalen Ebene (oben und unten) zur horizontalen. Modelle sozialer Milieus betonen die Lebensauffassung, den Lebensstil und die Wertorientierung. Die Lagen- und Milieuanalysen weisen auf wichtige Differenzierungen hin. Sie vernachlässigen aber die gesellschaftlichen Gegensätze, an der sich eine Kritische Soziale Arbeit orientiert, die widerständig konstruktiv ist und auch das einbezieht, was sich gesellschaftlich tut.

Paradigmenwechsel

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte in der Schweiz ein politisch liberaler Kompromiss. Er harmonisierte das Verhältnis von Kapital und Arbeit. Der angestrebte soziale Ausgleich sollte den sozialen Zusammenhalt fördern und dem Arbeitsfrieden dienen. Breite Bevölkerungskreise konnten in dieser Zeit ihre materielle Lebenssituation verbessern. Die Beatles sangen: «Ist’s getting better all the times.»

Seit Ende der 1980er-Jahre kommt indes ein anderes Verständnis auf. Ein finanzgetriebener  Wirtschaftsliberalismus verbreitet sich.  Er nimmt rigoros an, der Markt bestimme den Wert der Arbeit. Dieses Credo überlagert hegemonial Konzepte der (rheinisch) sozialen Marktwirtschaft. So kommt eine neue Gläubigkeit auf. Sie ist stark (angelsächsisch) neo-liberal indoktriniert und finanzgetrieben. Seither verstärken sich Tendenzen, auch alle sozialen Fragen ökonomisieren. Und damit nimmt erstens die strukturelle Erwerbslosigkeit zu. Zweitens halten Teile der nominell steigenden Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt. Drittens orientiert sich das System der sozialen Sicherheit einseitig an der Erwerbsarbeit. Und viertens erhöht sich die soziale Kluft bei den privaten Vermögen.  

Handlungskonzepte

Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dominierten alte behavioristische Konzepte. Sie gingen von Reiz-Reaktions-Schemen aus und prägten die Sozialisation. Man klopfte den Kindern auf die Finger. Dann wussten sie, wo es lang geht. Das ist heute undenkbar. Heute müssen auch Lehrpersonen einen Grund angeben, wenn sie etwas verordneten. Es genügte nicht mehr zu sagen, es sei einfach so. 

Als Segen erwies sich 1968. Da verbreiteten sich Schriften von Erich Fromm (1900-1980). Wie «Vernunft und Revolution» (1962) oder etwas später  «Haben oder Sein» (1976).  

Sie plädierten für eine andere Motivation: Hört auf, den Menschen zu sagen, was sie alles nicht können. Knüpft an ihre Kompetenzen an, statt ihnen ständig Defizite vor Augen zu führen.  So öffneten sich Welten. 

Heute gibt es indes Rückschritte. Mechanische Konzepte kommen auf. «Input-Output» lautet die Formel. Sie arbeitet gerne mit  Anreizen: «Wenn Du das machst, bekommst Du mehr Lohn». Oder Kreditpunkte. Studierende lesen dann Bücher, um Punkte zu ergattern. Aber so geht die intrinsische Motivation verloren. Auch in einer funktionalistisch ausgerichteten sozialen Arbeit.    

Neue Verbindlichkeit

Am 31. Januar 2015 verstarb Soziologe Ulrich Beck. Er ging davon aus, dass wir uns im Übergang zu einer reflexiven Moderne befinden und zunehmend in der Lage sind, Zukunft zu antizipieren. Das könnte bedeuten, dass wir vermehrt Korrekturen einleiten. Die Individualisierung führt laut Beck auch zu einer sozialen Strukturierung jenseits von Klasse und Stand. Trotz erheblicher sozialer Ungleichheiten!   

Die industrielle Moderne kennzeichnet Beck als zweckrationale. Vordergründige Klarheiten prägen das ultimative Entweder-oder-Denken. Anders verhält es sich in der  reflexiven Moderne. Hier realisieren Menschen, was passiert, wenn es so weiter geht. Und diese Einsicht fördere die Bereitschaft, sich zu engagieren. Das ist eine zuversichtliche Option. Die Individualisierung basiert, so Beck, auf einer dynamischen Pluralisierung. Diese bringt mehr Ambivalenzen mit sich. Sie sucht das verbindende Und sowie das  Sowohl-als-auch. Und sie fördert eine «neue Identität», die Widersprüche zulässt. Zudem veranlasst die Anonymität immer mehr Menschen dazu, soziale Verbindlichkeiten aus freien Stücken einzugehen. Schön wär’s. 

Soweit eine Zuversicht. Hoffentlich lässt sie sich verwirklichen. Das käme auch der Gassenarbeit zugute. 

Ueli Mäder, Basel 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/