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Kolumne der Redaktion

15.08.2015

Ergreifender Abschied von Georg Anderhub: alle Reden im Wortlaut

Selbst der Himmel weinte, als heute Samstag (15. August) um zehn Uhr die Glocken der Kirche St. Josef im Luzerner Maihofquartier zur Abschiedsfeier für Georg Anderhub läuteten. Etwa 500 Personen erwiesen dem am 19. Juli verstorbenen Fotografen, Journalisten, Kollegen und Freund die letzte Ehre.


Georg Anderhub, fotografiert an einem unbekannten Datum vom inzwischen ebenfalls verstorbenen Wajo Meyer.

Bild: Wajo Walter Josef Meyer / Stiftung Fotodok.

Siehe auch unter «Links».

Hansueli Steinemann.

Hans Beat Achermann.

Sylvia Egli von Matt.

Beat Bühlmann.

Urs Wigger.

Bilder: Herbert Fischer

Isa Wiss (Stimme) und Albin Brun (Schwyzerörgeli) umrahmten die Feier musikalisch.

Bild: Emanuel Ammon / AURA

Die Trauerfeier im «MaiHof» leitete Hans–Ueli Steinemann, früherer Pfarrer in der reformierten Luzerner Matthäuskirche. Es sprachen:

. Hans-Beat Achermann, der mit Georg Anderhub in den Sechziger Jahren das Gymnasium absolviert hatte und seither mit ihm seither eng befreundet war. Hans Beat Achermann war Redaktor der «LNN», beim «Regionaljournal» und ist einer der Mitbegründer des Luzerner Literaturfestes (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel»).

. Sylvia Egli von Matt, frühere Direktorin des Medienausbildungszentrums MAZ.

. Beat Bühlmann, früherer Redaktor der «LNN», wie Georg Anderhub anfangs der Achtziger Jahre Mitbegründer der Wochenzeitung «Die Region» und nachher des «Tagesanzeiger». Inzwischen leitet Beat Bühlmann bei der Stadt Luzern das Projekt «Luzern 60 plus», bei dem sich auch Georg Anderhub engagiert hatte.

. Urs Wigger, früherer Primarlehrer in Rothenburg und Freund von Georg Anderhub (Urs Wigger sprach zweimal).

Musikalisch umrahmten die Feier Albin Brun (Schwyzerörgeli) und Isa Wiss (Stimme).

Hier folgen alle Reden im Wortlaut. 

Herbert Fischer, Gründer und Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

---

Urs Wigger (1): «Jetzt wurde dir die Zeit entrissen»

Lieber Ge        

 

Von Zeit zu Zeit

sah man sich im Café «Mardi gras»

geriet sich in die Haare wegen «Die Zeit»

versöhnte sich aber umgehend

teilte dann «Die Zeit» durch zwei

und las eine lange Zeit «Die Zeit»

 

Jetzt wurde dir die Zeit entrissen

Deine Zeit beschnitten - radikal gekürzt

Deiner Zeit ein Ende angekündigt

 

Schwer für dich mit der Endlichkeit der Zeit umzugehen

Manchmal kommt sie dir unendlich lang vor

Manchmal denkst du nur an morgen oder übermorgen

Manchmal lebst du wieder ganz in der Gegenwart

Manchmal bezeichnest du eine Verschlechterung als Fortschritt

Und dann wünschst du dich wieder ins volle Leben

 

Ge ich träfe dich gerne wieder im «Mardi gras»

ich gäbe dir «Die Zeit» unaufgefordert

ungeteilt zu lesen

eine Unendlichkeit lang

ich schenkte dir ein Abo «Die Zeit»

lebenslänglich oder ewig

- wie du wünschst

wenn du nur wieder ins «Mardi gras» kämest

  

Hans Beat Achermann: «Brief an Ge»  

Natürlich sind die Erinnerungen an die letzten vier Monate vor deinem Tod im Moment noch die intensivsten: der Besuch im Spital einen Tag vor der Operation mit einem gemeinsamen Selfie und dem Austausch alter Erinnerungen bis zurück ins Jahr 1962, als wir uns erstmals begegnet sind im Klassenzimmer, Untergymi in der alten Kaserne an der Reuss. 

Dein Aufsatz zum Thema «Herbst», der mit dem Satz endete: «Der Nebel ist ein Dichter, solange er nicht dichter wird.»

Das hat dir eine Sechs eingebracht, während ich mit einer Fünfeinhalb Vorlieb nehmen musste. Wir, die wir im Klassenalphabet immer gleich hinter einander aufgerufen wurden, ganz am Anfang – in der Mathematik belegten wie allerdings das Ende der Rangliste, abwechselnd mal du, mal ich. Die Matura schafften wir dann trotzdem in der Klasse «Acht C». 

Für die Maturafoto liessest du uns als römische Acht aufstellen, ein V und drei Striche, das gekrümmte C auf dem Asphaltboden am Alpenquai liegend ist Urs W. Studer (der später Luzerner Stadtpräsident wurde), als Schlusspunkt hast du dich selbst noch hineineinmontiert. Schon hier zeigten sich dein gestalterischer Witz und das technische Können.

Schon bald nach unserer ersten Begegnung im Klassenzimmer schlossen wir Freundschaft. Ich fuhr an einem Mittwochnachmittag nach Eschenbach, in die Bachhalde, in das Arzthaus, wo dein Vater und deine Mutter praktizierten. 

Die strenge Frau Doktor, die den städtischen Freund kritisch musterte und der leutselige Doktor, Vital mit Vornamen, der mir viele Jahre später das Du antrug, worauf ich lange sehr stolz war. Schon damals warst du in der Familie  der «Ge», sowie auch deine älteren Geschwister nur mit den Abkürzungen gerufen wurden, «E», «Ha» und «Be». Das «Ge» ist dir geblieben, du wurdest für alle der «Ge»

Und mich nanntest du immer Amigo, fünfzig Jahre lang. Beim letzten Abschied ist dir das Wort nicht mehr eingefallen.

Das erste Porträt von mir machtest du 1964 auf dem «Monorail» an der «Expo» in Lausanne, wohin uns eine Schulreise führte, das letzte am 27. Januar dieses Jahres, du hattest keine Speicherkarte in der Nikon, wir haben darüber gelacht und nochmals von vorne begonnen. «Kann jedem mal passieren», hast du gesagt.

Sprachbilder und Bildersprache: Sie begleiteten dich, waren für dich untrennbar und führten oft zu diesem überraschenden feinen Witz, der deinen Fotos (und oft den dazugehörenden Bild-Legenden) innewohnt.  

Auch für die Briefe, die du mir 1968 in die RS geschickt hast, verwandtest du Bilder: Aus Illustrierten herausgerissene Seiten mit Models, darauf mit blauem Filzstift deine witzigen Berichterstattungen über den Schulalltag und dazwischen dein ganz klar formulierter Wunsch, Fotograf zu werden. Dafür habe ich dich beneidet.  

Für dich war nichts anderes vorstellbar, und wir können uns dich auch nicht als etwas anderes vorstellen. So war es logisch und selbstverständlich, dass du in die Fotoklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule aufgenommen wurdest. 

Andere Bilder: Vor ein paar Jahren eine Wanderung ins Val Calneggia im Bavonatal, du schafftest es immer, gleichzeitig aufmerksam zu sein auf das Gegenüber und auf das, was da war. Zum Beispiel auf den unterspülten Lawinenkegel, der uns dann zur Umkehr zwang. Du sahst bestimmt immer etwas, was wir nicht sahen. Dein Blick komponierte und konstruierte Bilder, bevor du den Auslöser gedrückt hast. Du warst der Auslöser. 

Die gemeinsame Arbeit: Es war so beruhigend, dich bei Interviews dabei zu haben als Freund und als Fotografen. Und wenn ich mit meinen Interviewfragen zu Ende war, so hattest du bestimmt noch die Frage bereit, die dann den späteren Text mitprägte oder mitbestimmte. Der letzte gemeinsame Ausflug im Januar: ins «Toni» nach Zürich und dann ins Museum Rietberg, wo du mir deine liebste Maske zeigen wolltest. Ich werde sie mir noch einmal anschauen gehen.

«Es hätte ein paar Mal auch schon früher fertig sein können», hast du im Spital gesagt, bereits im Wissen um das nahende Ende und in Erinnerung an eine gemeinsame Schrecksekunde 1971 auf einer Autofahrt in Polen mit dem hellblauen VW-Käfer deiner Mutter, Luzern 2296. 

Der Satz ist uns kein Trost, auch wenn er dich vielleicht getröstet hat. Es hätte auch viel später zu Ende gehen können. 

Ich werde dich bis an mein eigenes Ende vermissen.

 

Sylvia Egli von Matt: «Ein Abschied auf Raten»

Es ist der 19. Juli, ein heisser Sonntag-Nachmittag, kurz vor 15 Uhr in der Palliativabteilung des Eichhofs in Luzern. «Ge» liegt friedlich im Bett, Jonas öffnet das Fenster und fragt : «Georg, ready to go?  5,4,3,2,1... go»». 

So, wie bei einem Raketenstart. Pia, Barbara und Jonas schmunzeln, «Ge» vielleicht innerlich auch. Er atmet noch zwei Mal aus. Und ist dann, so mutmasst Jonas, vielleicht tatsächlich wie eine Rakete, Richtung Himmel davon gedüst. «Ge» war bereit. Er ging und lässt uns zurück. 

Georg, Pias Mann, Barbaras und Jonas Vater,  Annekätis und Beats Schwiegervater, Georg, der Familienmensch.

«Tschopa» – Bens Grossvater.

«Gezki», «Jorgo» oder einfach «Ge», unser Freund. Das sind die Themen, die mir Anderhubs gegeben haben.

Den «Schorsch», den lasse ich weg, den hat «Ge» gar nicht gemocht.

Die Anderhubs kenne ich, kennen wir, seit rund 35 Jahren. Erst kam Pia beruflich in unseren Kreis, Georg kannte ich nur aus den «LNN». Bald schon luden die Beiden uns ein zu sich in ihr verwunschenes Einfamilienhaus in Hergiswil. So entstand unsere Freundschaft. Sie blieb, auch als Anderhubs nach Luzern zogen. Wir folgten ihnen, auf Umwegen, bis wir Nachbarn wurden. 

Georg und Pia, eine Jugendliebe,  die mit den Beiden gereift ist. Eine Ehe, geprägt von Toleranz und Respekt, Offenheit und Vertrautheit, Harmoniebedürftigkeit und Wertschätzung. Damit ist auch Georg beschrieben. 

Georg, war ein Beziehungsmensch. Ein Beziehungstreuer.

Eintagsfliegen haben ihn nicht interessiert, seine verschiedenen «Grüppli» – das Velo-und Langlauf-, das Pfingstgemeinde-, das Lese-, das Iran-, das Jass und das Neujahrswandergrüppli: alle gibt es seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Mit «Ge» sind eben alle gern zusammen. Das hängt mit einer seiner anderen ausgeprägten Eigenschaften zusammen:

«Ge»,  stellte sich nie in den Mittelpunkt. Er bleibt, eben der Fotograf, lieber hinter der Kamera, beobachtet dafür umso schärfer und sieht so Vieles, was wir flüchtigeren BetrachterInnen nicht sehen.  Er diskutiert gern und bildet sich eine eigene Meinung, drängt diese uns anderen aber nie auf. Da ist sie wieder, die Toleranz. Und vielleicht die Harmoniebedürftigkeit. 

Sehr gern ging ich mit «Ge» auf Reportage. Denn, obwohl er zuständig ist für das Bild und ich für den Text, sucht er nicht einfach nach bestem Licht und guter Perspektive, nein, er agiert als Gesprächspartner, denkt mit und stellt kluge, wichtige Fragen.

Bei den Samstag-Kaffees, an denen wir uns über Jahre immer wieder zu viert treffen, will er wissen, welche Filme und Theater wir gesehen haben, welche Bücher wir lesen. Und wenn wir Pia und ihn dann umgekehrt fragen, werden wir reich beschenkt mit Hinweisen dieser zwei Kulturmenschen. 

Selbst bei unserer letzten Begegnung, bei der ich noch nichts von seiner Krankheit weiss, Ende Februar, am Abend vor seiner Abreise nach Paris, um Pia nach ihrem Kulturmonat abzuholen, will er genau wissen, wie es mir geht. Er scheint zwar etwas müder als auch schon, aber sein Interesse und seine Anteilnahme sind ungebrochen. 

Das ist der Georg, der sich so einlassen kann auf sein Gegenüber.  

Nur bei einem Anlass, da kneifte er immer. Ausgerechnet «Ge», der Familienmensch, ist nie dabei, wenn der Samichlaus kommt. Daran erinnern sich unsere Kinder bestens. Sie rätseln, weshalb er immer dann arbeiten muss. Die grosse Ähnlichkeit, die der Chlaus mit «Ge» hat, die sehen sie erst später. Einen besseren Samichlaus aber hätten wir uns eben nie vorstellen können.

«Ge» ist gelassener, weniger kritisch seinen Kindern und Pia gegenüber als sie. Pia hat es gern möglichst perfekt – wischt ihm deshalb auch immer mal wieder ein Haar  vom Kragen, ist skeptischer, macht sich mehr Sorgen. «Ge» zuckt dann leise mit den Achseln oder den Mundwinkeln – er ist meistens zuversichtlich und positiv. So erleben wir zwei Menschen, die unterschiedlich sind, sein dürfen. Sich ergänzen.

In den letzten sechs Jahren nahm Ben einen wichtigen Platz ein in Anderhubs Leben. «Ge» und ihn verband Vieles – der Gütschwald, wo die beiden, der «Tschopa» und der Enkel,  experimentieren und entdecken;  Beide aber haben auch die wunderbare Versponnenheit, die Kindern eigen ist, Erwachsenen aber leider oft entgleitet. «Ge» konnte sie bewahren, wie auch das Staunen über Kleines, das sich vergessen.

Diese Nähe schafft dann wohl auch die Voraussetzung zu Bens klaren, oft überraschenden Worten in den letzten Wochen von «Ge.» Etwa, wenn er so ganz direkt sagt: «Gäll Tschopa, du stirbst»,  oder wenn er den Erwachsenen anhand einer Ameise begreiflich machen will, nicht zu weinen. Denn «alles Läbigi muss sterben  - auch die Ameisen - und „Tschöpeli“ kommt dann später im Traum zu mir – zu euch auch!»

Es gäbe noch so viel zu sagen, über die einzigartigen Ansichtskarten, die kreativen Geburtstagsgeschenke – wo  fast immer auch etwas aus dem Brockenhaus dabei ist; über die kurzen Gespräche die es gibt, weil «Ge» praktisch immer spontan anhält und von seinem gelben und dann roten Velo absteigt, wenn wir uns zufällig kreuzen.

«Beerdigt nicht schon wieder einen Heiligen», sagte mir diese Woche eine Kollegin. Ich denke, sie hat Recht, es gibt kaum Langweiligeres als all die heiligen Toten. Doch bei allem Bemühen, Kritisches ist kaum zu finden bei «Ge.» Ausser, ja ausser, dass er Pia am Schluss einmal vorwarf, sie betreibe Fürsorgeterror.  

Tatsächlich dominierte in den letzten Wochen die Fürsorge. «Ge’s» langer Abschied war ein Abschied auf Raten. Am Anfang war es selten, später fast täglich, dass etwas von ihm wegbrach. Sein Entdeckergeist, sein Interesse schwindet zuerst: «Alles ist weit weg, aber es ist schön so», sagte er im März. 

Seine Leutseligkeit kommt ihm etwas später abhanden. Seine direkte Sprache, seine Wortlust aber, die uns alle immer wieder so begeistert, die behält er fast bis zuletzt. «Grüezi», sagt er beispielsweise, über die Theke gelehnt, als Pia und er sich vor kurzem die Palliatiavabteilung anschauen, «Grüezi, ich bin ein heisser Kandidat für Ihre Abteilung». 

Seine «Nachtsätze», Gedanken, die «Ge» nachts aufschrieb, die er aber am Morgen nicht mehr selbst lesen kann, sind eine eigentliche Schatztruhe:

. «Zu allem Übel beginnt mir jetzt sogar noch das Sterben kurzweilig vorzukommen.» Oder:

. «Immer vom Sterben reden ist anstrengend, aber leider nicht tödlich.»

Liebe Pia, liebe Anderhubs, ihr habt uns mit eurer Offenheit an «Ge’s» Sterben teilhaben lassen. Es war ein sehr, sehr schmerzhafter Abschied. Und gleichzeitig eine unglaublich intensive Zeit – und ein Glück im Unglück, sich überhaupt verabschieden zu können. 

Dank euch haben wir uns in den letzten Wochen auch viele Fragen zu unserem eigenen Leben und Vergehen stellen und Antworten überlegen können. Ich danke euch für eure Nähe und Freundschaft. 

Georg, «Tschopa», «Jorgo», «Ge», hat unsere Leben bereichert. Nun fehlt er uns allen so. Was bleiben wird sind Erinnerungen und Bilder. Zum Beispiel das letzte: 

Ben hat «Ge» am Tag, bevor er starb, ein «Iseli» in den Eichhof gebracht und versprochen, seine Sammlung der kleinen verrosteten Kunstobjekte, die er jeweils am Strassenrand gefunden hat, weiter zu führen. «Ge» hält dieses letzte Geschenk seines geliebten Enkels, dieses «Iseli», ganz ganz fest in seinen schon kalten Händen zwischen Daumen und Zeigfinger.

 

Beat Bühlmann: «Georg war der diskrete Beobachter, der sich seinen eigenen Blickwinkel suchte» 

Ich habe Georg auf der Redaktion der Luzerner Neusten Nachrichten kennengelernt. Unsere erste gemeinsame Reportage erschien am 28. April 1972 in den «LNN»; da war Georg 23-jährig und ich gut 20 Jahre alt. Ich habe den Artikel damals ausgeschnitten und auf ein inzwischen ziemlich vergilbtes Blatt geklebt. Es ging um die umstrittene Strassensanierung der «Lohren» in Emmenbrücke. Bebildert ist die fast seitengrosse Reportage mit drei Fotos von Georg, und sie sagen mehr aus als die vielen Worte des Jungreporters: ein Bachtobel mit gefällten Bäumen; der idyllische Rotbach, der in ein künstliches Bachbett gezwängt wird; Autos, die über die bestehende Strasse um die Kurve rasen. 

Georg, der nach der Matura das Handwerk an der Fotoklasse der  Kunstgewerbeschule Zürich lernte, hat immer genau hingeschaut. Er war kein Knipser und schon gar kein Paparazzo. Kein rasender Fotoreporter, der sich vor Publikum selber inszenieren musste. Georg war der diskrete Beobachter, der sich seinen eigenen Blickwinkel suchte.  

Ich weiss nicht, wie viele Reportagen, Porträts, Interviews wir gemeinsam gemacht haben – für die «LNN», für die Zentralschweizer Wochenzeitung Die Region, für das «Tagi-Magazin», den «Tages-Anzeiger» oder in den letzten vier Jahren für die Webseite von «Luzern 60plus». 

Georg schaute nie nur kurz vorbei und war dann wieder weg. Er war dabei, ohne sich in den Vordergrund zu rücken: empathisch, neugierig, zugewandt. Wenn das Wort nicht etwas abgegriffen wäre, würde ich sagen: Er war ein achtsamer Mann, auch beim Fotografieren. 

Und er wollte sich immer selber ein Bild machen. Als ich nach seinem Tod nach Spuren unserer Zusammenarbeit suchte, kam mir ein Bogen mit Fotoabzügen in die Hand; es waren Fotos von der Unwetterkatastrophe 1997 in Sachseln. Wir waren Tage danach zu den Aufräumequipen in den Berg hinauf gestiegen, im totalen Dreck. Es war verwüstetes Land, und Georg hat das eindrücklich dokumentiert. Seine Bilder waren oft dem Tagesjournalismus geschuldet, sie waren aber nie Schnellschüsse oder Schnellbleichen. Sie wirken über den Tag hinaus. 

Zum Jahresende hat mir Georg damals eine Foto vom verwüsteten Berg mit persönlicher Widmung geschickt. «Danke - s'war schön mit dir im Wetter draussen! Und es beruhigt zu wissen, dass du auch Stürmen im Wasserglas mit Haltung begegnest.» Ich weiss nicht mehr, welche Stürme damals im Wasserglas tobten (es wird wohl irgendein Krach auf der «Tagi-Redaktion» gewesen sein). Doch diese kleinen Gesten machten unsere Freundschaft aus. 

Auch seine unverwechselbare Schrift, mit der er uns mit seinen Karten oder Notizen beglückte. Ende Mai, er war von der Krankheit schon schwer gezeichnet, hat er uns nach Morcote, wo sich eine kleine Freundesgruppe jeweils an Pfingsten trifft - Georg und Pia waren diesmal nicht dabei -, nochmals eine Karte geschickt: schräg abfallend, mit zittriger Hand geschrieben, doch unverkennbar seine Schrift. Dieser Lebensmut, diese Lebensfreude – trotz allem. Unbedingt wollte er noch einmal mit seinem Velo fahren. Unbedingt noch einmal Wienerschnitzel im «Helvetia» essen. Und noch einmal im Sempachersee eine kleine Runde schwimmen. 

Georg Anderhub verstand sein Handwerk. Das belegen seine Arbeiten über die Rösslimatt, das Friedental, die Dorfporträts zu Perlen und Ettiswil – ich kann nicht alles aufzählen. Mit seinen Fotoarbeiten hat er während über 40 Jahren unsere Zeit dokumentiert. Das gilt insbesondere auch für das Lucerne Festival, die ehemaligen Internationalen Musikfestwochen, die er seit 1973 fotografisch begleitet hat.  

Legendär sein Porträt aus dem Jahr 1983 des Pianisten Artur Rubinstein. Ein Abzug dieser Foto hing bis vor ein paar Wochen im Schaufenster seines Ateliers an der Gibraltarstrasse. Das Atelier ist geräumt, es wird nun für «Rechtsberatung & Brocante» genutzt. Mich hat das beim Vorbeigehen irritiert, ihn hätte die ungewohnte Mischung amüsiert – vielleicht wäre ihm das neue Schaufenster eine Foto wert gewesen.  

Am schlimmsten ist, ihm nicht mehr telefonieren zu können. Kein «Anderhueb», der sich meldet. Der für spontane Treffen zu haben ist, für kurzfristige Aufträge, für neue Ideen. Was uns fehlen wird, ist sein Blick für das Nebensächliche, das Versponnene, auch das Skurile. Die Querdenker und Originale wie Lödu, Radio Müsli, Bahnhofjules hatten es ihm seit jeher angetan. 

Und natürlich der Luzerner Strassenphilosoph Emil Manser, für dessen Hommage er am Buch «Ist mir grosse Ehre von gleicher Sorte zu sein» mit viel Herzblut mitgewirkt hat.

Überhaupt das Herzblut! Als wir in geselliger Runde an Silvester 1980 nach dem «LNN»-Debakel überlegten, eine eigene Wochenzeitung zu gründen, war Georg sofort dabei. Er lieferte viele Ideen zur grafischen Gestaltung, portierte fürs Werbeplakat seinen Sohn Jonas - samt Cinellen und dem Slogan «Der neue Ton». Er war für die meisten Titelseiten und für die letzte Seite zuständig, dort wo die «Region» auch ironisch sein konnte. Witzig, sprachspielerisch, manchmal unglaublich quer. 

Er war nicht laut bei unseren unendlichen Selbstverwaltungsdiskussionen, aber voll jugendlichem Übermut bei Kontroversen und spontanen Aktionen, oder wie Ruedi Leuthold damals in einer Hausmitteilung schrieb: «… Da steigt er ein und fährt ab, im Gepäck diesen satirischen Ernst, der auch über sich selber lachen kann.»

Dieses Spielerische hat er in den letzten Jahren bei «Luzern60plus» eingebracht, zum Beispiel bei seiner letzten, typischen «Ge-Idee»: Jung und Alt für den Marktplatz 60plus zu gemeinsamen Selfies zu animieren. Er hat diese Idee nicht mehr selber ausführen können. Aber er kam mit Pia in der «Kornschütte» vorbei und schaute sich das alles an. Das war Mitte Mai. 

Georg ist viel gereist. Seine fast naive Neugier galt Menschen, Städten, anderen Kulturen – und Büchern in Antiquariaten. Er war in Polen, in den USA, in Mexiko und immer wieder im Iran. Für die letzte seiner über 20 Fotoausstellungen, im letzten November in Sursee, brachte er Fotos von seiner Iranreise im September 2014 zurück. 

Wir hatten ihn angefragt, ob er ihm Rahmen des Filmfestivals mit Schwerpunkt Iran eine kleine Kabinettausstellung gestalten möchte. Er zögerte, sträubte sich fast und war sich nicht sicher, ob er das schaffen könne. War es seine übliche Bescheidenheit – oder bereits die Angst, nicht mehr alles bewerkstelligen zu können? 

Georg war keiner, der sein Schaffen an die grosse Glocke hängte. Umso mehr freuten wir uns, als er 2001 als Stipendiat der Zuger Kulturstiftung Landis&Gyr einige Monate in Berlin verbringen durfte. Wir haben ihn damals mit unserem «Jassgrüppli» an der Auguststrasse besucht – Georg war ein verwegener und manchmal unorthodoxer Jasser! Zum Glück hatten wir damals keine Jasskarten im Gepäck, er hatte uns in Berlin viel zu sagen und zu zeigen.  

Das grosse Bild, das bei uns im Wohnzimmer hängt, entstand bei diesem Berlin-Aufenthalt. Georg hat das Treppenhaus im «Hamburger Bahnhof», dem Museum für zeitgenössische Kunst, fotografiert. Schwarz-weiss, eigentlich völlig unspektakulär, ein Spiel von Licht und Schatten. Dieses Bild hatte Georg während seiner letzten Tage vor Augen; seine Familie hatte es ihm ins Sterbezimmer in der Palliativ-Abteilung des Betagtenzentrums Eichhof gebracht. 

Der kleine Lichtstrahl verbindet für mich nun Leben und Tod; er ist ein kleiner Trost zu einem allzu frühen Abschied. 

 

Urs Wigger (2): «Sein Lächeln blieb ihm bis zu seinem letzten Atemzug erhalten» 

Lieber Ge    

 

Da fehlt einer

im Kunstmuseum und in den Galerien

ein Betrachter

ein Neugieriger

ein Feinsinniger

ein Kunstsinniger

 

Da fehlt einer

im Kleintheater

wenn «Der alte König» über sein Exil monologisiert 

wenn zwei Stumme «Ohne Rolf» dialogisieren

einer der vorlacht oder vorschmunzelt

weil er die Pointe erahnt 

 

Da fehlt einer

im KKL-Konzert

der höchst konzentriert auf die Bühne linst

Sätze lang oder ganze Konzerte

um ja nicht unter 1000 Momenten den einzig richtigen zu verpassen

 

Da fehlt einer

in der «Ente»

wenn Freunde miteinander das Wochenende einläuten

von Abwahlen und Verabstimmungen reden

glauben dass die Luzerner Welt besser würde

wenn es mehr Gleichgesinnte gäbe

 

Da fehlt einer

in der Stadt

ein meist Schwarzgewandeter

die Kamera geschultert

auf der Suche nach Bildern 

von Unscheinbarem und Belanglosem

ein Bildfinder ein Bildkomponist

 

Da fehlt einer

im Veloland Schweiz 

der mit dem postfarbenen Rad

der mit dem gleichmässigen Tramp

der mit dem Lächeln auch bei 10prozentigen Aufstiegen

 

Schön für uns und typisch für ihn

Dass ihm sein Lächeln erhalten blieb

auch an diesem letzten Berg

bis zu seinem letzten Atemzug

  

Hansueli Steinemann: «Georg hat sich nichts vorgemacht»

Liebe Freundinnen und Freunde

Georg zeigte vor acht Jahren während der Sommermonate in der Matthäuskirche grosse Fotoarbeiten zum Thema «abseits». Es war ein kreativer, ein schillernder Titel. Man wurde beim Betrachten der Bilder abseits geführt. Georg, der Fotokünstler, holte dieses Abseits herein, das wenig Schöne, nicht ganz Passende, Unordentliche, Subversive. 

Abseits kann wunderbar idyllisch oder auch höchst unangenehm sein. Man ist zum Beispiel froh, abseits der Landstrasse eine paradiesisch gelegene Herberge zu finden, möchte aber gerne verhindern, sich mit seinen Worten oder Taten ins Abseits zu stellen. Und das ist schnell geschehen. Es gibt die Abseitsfalle, und weh’ dem, der reingerät. 

Das Abseits lauert sogar auf einem hell ausgeleuchteten Fussballfeld. Was ist abseitig? Was übersehen wird. Was unbeachtet bleibt. Was jenseits unserer Wahrnehmung liegt. Was wir ausblenden. Abseits kann das Entlegene, Verwunschene, Ursprüngliche sein. Und wir nennen etwas abseitig, was den guten Sitten, dem Verstand oder irgendeiner anderen Ordnung zuwiderläuft. Wir bewegen uns – zumal in unserem Land – bevorzugt in der Mitte, und verpassen es dabei, am Rand, auf der Seite, eine Trouvaille zu heben. Ich denke an Georgs kostbare Sammlung von Alteisenstücken. Abseits kann man seine Wunder erleben. Georg hat das wohl gewusst.

Und es lässt sich als eine Annäherung an seinen Lebensstil, an dieses Achten auf das Abseitige, verstehen, wenn heute zu seinem Abschied Verschiedenes etwas abseitig, etwas schräg anmuten kann. Dass wir in einem Saal sind, der ehedem ausschliesslich für Gottesdienste reserviert war. Dass hier zum Abschied des katholischen Freundes ein reformierter Pfarrer steht. Dass also der christliche Glaube, von dem sich Georg nicht abgewendet hat, Thema wird. Dass der christliche Glaube von einem Toten spricht, der wieder lebendig wurde. Jesus Christus, von den Toten auferstanden, ist das Thema einer Theologie des Abseits, die noch zu schreiben wäre. Darin wäre nicht vom jenseitigen, sondern vom abseitigen Gott die Rede. 

Jesus starb abseits, auf einem Hügel der üblen Gerüche. Der Glaube an ihn war und ist etwas Abseitiges; in meinen Augen stärkt das seine Attraktivität. Denn gerade abseits ist der Ort, wo Schätze darauf warten, entdeckt zu werden. 

Vor zwei Wochen überquerten meine Frau und ich von Bivio aus den Septimerpass hinunter nach Maloja. Mainstream wäre der Julier gewesen; eine Zeitlang hörten wir noch den pausenlos dröhnenden Verkehr, aber als die Strasse ausser Sichtweite war, wurde es ruhig. Ein Bauer, der am steilen Gegenhang Heu erntete und von einem kleinen Buben begleitet war, johlte zu uns herüber, und wir zurück. Ab und zu gellte ein Pfiff durch die Landschaft; ein Murmeltierwächter witterte Gefahr. Weiter oben trafen wir auf einen Hirten; er sass mit zwei Hunden am Wegrand und schaute durchs Fernglas zu seinen dreihundert Kühen, die er am nächsten Tag in ein neues Gebiet, näher zur Passhöhe gelegen, bringen musste.

Auf dem Septimerpass oben bot sich zur Südseite hin eine frappante Aussicht auf die Bergeller Berge. Noch ging es aber ein paar hundert Meter hinauf bis zum Lunghinpass, und dort, welche Überraschung: Die einzige dreifache Wasserscheide Europas. Die Julia führt das Wasser in den Rhein und zur Nordsee, die Maira in den Po und die Adria, der Inn in die Donau und das Schwarze Meer. Das kann man alles wissen, auch wenn wir es nicht sehen, aber wohin es mit uns geht, wenn wir auf der Passhöhe unseres Lebens stehen, wissen wir nicht. Wohin Georg gegangen ist und wo er jetzt ist, wir wissen es nicht. Geht es zum Himmel, zur Hölle – nein, in Abrahams Schoss oder an den runden Tisch der Agnostiker? Wer kann es und wer will es wissen?

Die letzte Reise ist eine Reise ins jenseitigste Abseits, das man sich denken kann. Vielmehr: Niemand kann es sich denken, man kann nur hoffen, und man kann den Glauben wagen. Paulus schreibt im Philipperbrief (1,21): «Christus, der ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn

Das ist gewiss abseits vom allgemein akzeptierten Verständnis von Leben und Sterben. Nach aktuellem Lebensgefühl – in dem das Sterben gar keinen Platz hat – gibt es nichts Wertvolleres und Wichtigeres als mein eigenes, mein ganz persönliches Leben. 

Aber der Glaube behauptet: Nicht doch! Dreh dich nicht immer und ausschliesslich um dich selbst. Nimm dich nicht so entsetzlich wichtig. Schau dich um. Was ist dir wichtig im Leben? Wo verkörpern sich deine Werte? Und was ist dann wichtig, wenn das Sterben zum Thema wird, wenn ich sagen muss: Sterben ist mein Gewinn? Denn das hier, das ist kein Leben mehr. Christus, der ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn. Christus als jener, der das Sterben schon erlitten hat. Aber die Ideale, für die er gelebt hat, sind noch immer nicht verblasst. Sich dafür einzusetzen, das ist Leben. Und insofern gilt: Christus, der ist mein Leben.

Georg hat sich nichts vorgemacht. Als er die ersten Anzeichen der Erkrankung wahrnahm, wird er zwar kaum ans Schlimmstmögliche gedacht haben. Aber als die Diagnose feststand, ist er nicht ausgewichen, hat das Sterben ins Auge gefasst. Stück für Stück hat er aus der Hand gegeben; wenn das Lesen nicht mehr ging, hat er sich gefreut, dass ihm die Musik blieb, wenn das Zeichnen nicht mehr ging, hat er pointilliert. «Das gute Sterben muss erst noch erfunden werden», hat er gesagt und hat’s über einige Zeit selbst vorgemacht.  

Georg hat gesagt: «Ich sitze im Wartesaal und warte, bis endlich eine Tür aufgeht.»

Am 19. Juli war es soweit. Georg ist durch die Tür entschwunden – wir sind noch eine Weile hier. Mit den vielen zärtlichen, kostbaren Erinnerungen an den Freund, den Bruder, Mann, Vater und Grossvater.  

Wir wurden nicht gefragt, ob sein Tod an der Zeit sei. Wir sind gefragt, heute zu leben, und vielleicht doch das Fest zu feiern, das er sich gewünscht hat.  

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Siehe unter «Links»: Weitere Voten über Georg Anderhub auf der Website Luzern60plus.ch


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/