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Kolumne der Redaktion

10.04.2015

Hans Erni war ein politischer Künstler

An der heutigen Feier im Verkehrshaus trat auch Altbundesrat Moritz Leuenberger auf. Wie Reto Wyss, Stefan Roth und Peter Fischer hat auch er seinen Redetext lu-wahlen.ch zur Verfügung gestellt.


Moritz Leuenberger...

... und Erni-Freund Emil Steinberger sind sich heute auf dem Weg ins Verkehrshaus im Trolleybus begegnet.

Ebenfalls seit Jahrzehnten mit Hans und Doris Erni befreundet: Franz Kurzmeyer, Stadtpräsident von Luzern von 1984 bis 1996.

Bilder: Herbert Fischer

Hans Erni war ein politischer Künstler.

Das ist eine heikle Beschreibung, weil unter politischer Kunst zuweilen Agitationskunst verstanden wird. Es wird zu Kunst erklärt, was sich kaum unterscheidet von einer rein politischen Aktion. Einer etwas provokativ platzierten Plastik, etwa einem Hafenkran, wird das Etikett Kunst und ein politischer Titel, etwa Kranich des Friedens, verliehen und schon ist ein politische Kunstwerk geschaffen. 

Umgekehrt läuft die gesellschaftspolitische Empfindung eines Künstlers oft Gefahr, von den Betrachtern oder Zuhörern ganz anders interpretiert zu werden, als es seine Intension war. So erging es dem Buch «Ferdinand, der Stier». Es stammt von Munro Leaf, einem Zeitgenossen von Hans Erni, und erschien 1936 während des spanischen Bürgerkrieges und es wurde sowohl als kommunistisch, als pazifistisch, als subversiv und als faschistisch interpretiert. 

Hans Ernis Bilder waren in diesem Sinn weder mehrdeutig noch politische Agitation. 

Er vermittelte seine Kunst (nicht nur, aber auch) auf Plakaten, Briefmarken, auf Wandbildern in Ausstellungen oder Schulen. Seine Medien waren nicht nur Museen und Galerien und so wurden seine Botschaften auch von Menschen gesehen, die nicht darin geschult waren, Kunst zu interpretieren, so wie wir das zuweilen an Vernissagen vermittelt bekommen – und dann gar nichts mehr verstehen. Seine Botschaften wurden verstanden, ohne dass verschraubte Interpretationshilfen, nötig waren. 

Darüber puristisch die Nase zu rümpfen, ist mit einer Haltung zu vergleichen, die Philosophie oder Soziologie im Elfenbeinturm einschliessen will, statt den demokratischen Diskurs zu suchen und zu wagen.  

Im Leben von Hans Erni spiegelt sich die politische Geschichte der Schweiz in den letzten hundert Jahren und in der Geschichte der Schweiz spiegelt sich das Leben von Hans Erni.

Seine Kunst ist zunächst politisch enthusiastisch vereinnahmt und dann ebenso vehement verstossen worden. 

Die Schweiz nahm in den 30-er-Jahren, als die geistige Landesverteidigung vor allem gegen den Nationalsozialismus gerichtet war, den aufstrebenden Avantgardisten Hans Erni zunächst in ihren Schoss. 

Er, der schon als junger Künstler mit Picasso, mit Kandinsky und Mondrian bekannt war, erhielt den Auftrag, für die Landesausstellung von 1939 mit einem monumentalen, 100 Meter langen Wandbild die Schweiz darzustellen. 

Er sei damals, so konnte man an den Geburtstagsfeiern der letzten Jahre oft hören, damals gewissermassen zum Staatskünstler geworden. 

Später aber richtete sich die geistige Landesverteidigung gegen Sozialismus und Kommunismus. Wer die falsche Gesinnung hatte, geriet ins Visier der offiziellen Schweizer Politik. 

So ging Hans Erni einen kurzen  Weg vom Staatskünstler zum Staatsfeind. 

«Wenn sich die Politik einmischt, ist die Katastrophe schon da», warnte Hans Liebermann und er hatte Recht. 

Die Politik hat sich in das künstlerische Schaffen von Hans Erni eingemischt und die Katastrophe ist tatsächlich gekommen. 

Bei der Mobilmachung, wurde er vom Tarnungsmaler zum Munitionsnachschub umgeteilt (also ins so genannte Todesbataillon). Das war eine erste politische Abstrafung. 

Wäre Hans Erni Tarnungsmaler geblieben, könnten heute Panzer und Bunker als Kunstwerke verkauft werden. Oder Teile der Armee stünden unter Denkmalschutz. 

Im kalten Krieg setzte sich die Ausgrenzung fort: 1944 beschimpfte ihn ein Bundesrat öffentlich als «Kryptokommunisten». Bürgerliche Zeitungen bezeichneten ihn in grossen Lettern als Staatsfeind.

Es wurde ihm der Auftrag für die neue Schweizer Banknotenserie entzogen, obwohl er bereits mehrere Jahre daran gearbeitet hatte. Bereits gedruckte Noten wurden eingestampft. Noch 1950 erklärte der Bundesrat, Hans Erni werde keine staatlichen Aufträge mehr erhalten. Eine Einladung an die Biennale von Sao Paolo wurde verhindert.

Zwei Jahrzehnte wurde Hans Erni von der Schweiz regelrecht geächtet.

Ihm wurde vorgeworfen, zu den Idealen des Sozialismus zu stehen. Sein eigenes Umdenken wurde vorerst überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Wie viele andere vollzog er es aber, nachdem er vom realen imperialistischen Sozialismus enttäuscht und verraten wurde, weil dieser so gar nichts mehr mit seinen Visionen zu tun hatte. 

So distanzierte sich Hans Erni 1956 und 1968 ausdrücklich von den Invasionen in Ungarn und der Tschechoslowakei. 

Doch die Differenzierung zwischen klarer Verurteilung der Realität und dem ungebrochenen Glauben an einen Humanismus, der politisch doch umzusetzen sein müsste, wollte man damals offiziell nicht zur Kenntnis nehmen. 

Das war die Ideologie der politischen Inquisitoren von damals, unter der nicht nur Hans Erni litt.  

Man wollte und konnte nicht unterscheiden zwischen dem Glauben vieler Schweizer Patrioten an eine solidarische Welt und setzte diesen kurzerhand gleich mit dem real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion. Wer Kontakte zu kommunistischen Kreisen pflegte und wer an internationalen Friedenskongressen teilnahm, wurde bereits als Bedrohung wahrgenommen. Das war eine ungerechte Verkürzung und sie produzierte viel Unrecht und viele Opfer. 

Hans Erni war eines von ihnen. 

Die Aufdeckung der Fichenaffäre zeigte das wahre Ausmass der Ungerechtigkeiten, denen Hans Erni und andere ausgesetzt waren. 

Die politische Rehabilitation begann Mitte der 60-er-Jahre, als an einer Erni-Ausstellung in Schaffhausen zwei Bundesräte sowie die versammelte Armeespitze teilnahmen.  

1989 entschuldigte sich Ruth Dreifuss im Namen des Bundesrates für dessen frühere Rolle. 

Aber, und das ist das Schöne, so schmerzhaft diese Zeit für ihn war, so sehr er sein ganzes Leben lang darunter litt, so sehr streckte er die Hand zur Versöhnung aus. Die Wunden verheilten. Gewiss, es blieben die Narben, jedoch keine Verbitterung. 

Er selber hat gesagt: Sich treu bleiben kann nur, wer sich verändert. 

«Alles Lebendige erfüllt sich nur in der steten Überwindung des Bestehenden.»  

Er kippte jedoch nicht, wie man das von Menschen, die den Mut haben umzudenken, oft erwartet, ins Renegatentum und er fröhnte fortan nicht einer nationalkonservativen Haltung.

Weiterhin setzte er sich sein ganzes Leben für den Frieden ein,

. den Frieden zwischen den Völkern, 

. den Frieden zwischen den Menschen, 

. den Frieden zwischen Mensch und Natur

. für Solidarität zwischen den Generationen.  

Er war ein Humanist, der seinen Grundüberzeugungen stets treu blieb, der nie einem Dogma verfiel, nie einer Ideologie. 

Sein Humanismus beruht auf der Einsicht, dass der einzelne Mensch angewiesen ist auf seine Umwelt. Aus dieser Abhängigkeit leitet sich eine menschliche Verantwortung ab, nämlich der Umwelt etwas zu geben, sie mitzugestalten. Der hat diese Verantwortung wahrgenommen: Er hat sich für die Natur eingesetzt, für die Menschen, und auch für unseren Staat. 

Er flüchtete sich nicht in ästhetizistische Beliebigkeit, sondern er mischte sich weiterhin als Bürger ein, mit Kunst als politischem Mittel. 

Mit seinen Bildern, Briefmarken und Plakaten hat sich Hans Erni 

. für die AHV

. gegen die atomare Aufrüstung, 

. für das Frauenstimmrecht, 

. gegen die Klimaerwärmung, 

. für Behinderte eingesetzt, 

. für Ziele, die wir heute stolz als Errungenschaften betrachten, 

. den öffentlichen Verkehr mit SBB, Postauto und  unsere Wanderwege. 

. Hans Erni warb für den Schutz des Waldes, für den Schutz unserer Gewässer und für unseren Beitritt in die UNO. 

. Hans Erni  war ein früher  Botschafter der Nachhaltigkeit und der globalen Solidarität.

Auf Hans Ernis Plakaten stand die Würde im Vordergrund, die Würde des Menschen, die Würde der Natur. 

Hans Erni orientierte sich immer wieder neu. Während der Retrospektive von 2009 hier in Luzern schaute er bereits unbeirrt nach vorne: 

. Er gestaltete ein langes Wandbild für die UNO, 

. er schlug so den Bogen von der Landi zur Staatengemeinschaft und weist uns damit einmal mehr den Weg:

Nur als Teil der Völkergemeinschaft kann die Schweiz mit dafür sorgen, dass Kriege und Klimakatastrophen verhindert werden. 

Die Schweiz ist nicht unbeschränkt souverän, sondern vernetzt mit der ganzen Welt, profitiert davon und soll deswegen auch solidarisch sein. 

Hans Erni hat mit seiner Kunst die Schweiz stets mitgestaltet,

Er war ein Citoyen, der die Verbundenheit der Menschen und die Liebe vorlebte. 

Wie Hans Erni sein Alter unermüdlich, hellwach und mit einer geistigen Präsenz, durchlebte, nötigte uns allen Bewunderung ab.

Ich, der ich anfänglich beim Ausdruck alt Bundesrat regelmässig zusammenzuckte, muss mir sagen: Wenn das Alter so gelebt werden kann, bleibt es sozial und hat so immer noch eine politische Relevanz. 

Und es bleibt damit lebenswert. 

Auch da wird Hans Erni ein Vorbild sein. 

Moritz Leuenberger, SP Bundesrat von 1995 bis 2010, Zürich

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Die weiteren Reden: siehe unter «In Verbindung stehende Artikel».


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/