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Kolumne der Redaktion

03.04.2015

«Ökumenischer Kreuzweg 2015» der Luzerner Christen fragt: «Was ist genug?»

Die Katholische Kirche und die Reformierte Kirche der Stadt Luzern veranstalteten heute Karfreitag zum elften Mal einen «ökumenischen Kreuzweg». Er thematisierte die diversen Überflüsse des hiesigen Lebens und fragte: «Was ist genug?»


Seelsorger Sepp Riedener (73) trug das schwere Holzkreuz während der ersten Etappe des «ökumenischen Kreuzweges». Er gilt schweizweit als Pionier in der Gassenarbeit. Für sein jahrzehntelanges und erfolgreiches Wirken ist er unter anderem mit der Ehrennadel der Stadt Luzern und durch die renommierte Herbert Haag-Stiftung ausgezeichnet worden.

Der reformierte Pfarrer Beat Hänni verwies zum Auftakt auf dem Kapellplatz auf das ...

... Kanalrohrkaleidoskop, das eine verblüffende Vielfalt von Formen und Farben vermittelte, als Symbole der österlichen Freude.

Franz Zemp, Gemeindeleiter der Pfarrei St. Josef im Maihofquartier und Nachfolger von Sepp Riedener in der Gassenarbeit, hat den heutigen Marsch zusammen mit Beat Hänni und Florian Flohr konzipiert und umgesetzt.

Zwischen Migrosmarkt Hertensteinstrasse und Matthäuskirche ...

... kritisierte Florian Flohr den verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln.

«genuuuug»: das Motto der heutigen Aktion als freistehendes, einziges Wort auf Plakaten, die zur Teilnahme aufriefen.

Bilder: Herbert Fischer

Es waren wohl etwa 200 Leute, mittelalterliche und ältere, die dem Aufruf der katholischen und reformierten Christen Luzerns folgten und sich um 12h von der Peterskapelle am Kapellplatz versammelten und nachher vor den Migrosmarkt an der Hertensteinstrasse, das «Bourbaki» am Löwenplatz, das Café Sowieso am Wesemlimrain und vor den «MaiHof» liefen, um inne zu halten. Bei diesen Zwischenstationen hielten Exponenten beider Kirchen und sozialer Institutionen kurze Reden. 

Der Aufruf der Reformierten und der Katholischen Kirche der Stadt Luzern zur elften Auflage dieses Anlasses hatte folgenden Wortlaut und umreisst, was auch heute das Thema war: 

«Wir haben genug. Genug von den Bildern der Gewalt und des Grauens, des Hungers und des Elends, die jeden Tag über unsere Bildschirme flimmern – aber immer noch nicht genug, um Abhilfe zu schaffen. 

Wir haben genug. Genug zu essen, zu trinken, Wohnraum, Ferien, Lohn, Wohlstand, Vermögen – oder sogar zu viel im Vergleich mit denen, die nicht genug haben.

Wir genügen den Ansprüchen, Erwartungen und Wünschen – der Partnerin, des Partners, der Familie, des Chefs, der Freundinnen und Freunde – ist das genug?

Was ist genug? Und können wir mit genug leben, statt immer mehr zu wollen? Könnten wir loslassen, wenn es genug ist?» 

Der reformierte Pfarrer Beat Hänni begrüsste vor der Peterskapelle die Mitwirkenden mit dem Hinweis auf ein riesiges «Kanalrohrkaleidoskop», das auf dem Kapellplatz stand und zur Benutzung einlud: «Die Künstlerin Claudia Weber hat es gebaut aus einem alten Kanalrohr. Es hat ausgedient. Jahre und Jahrzehnte lang haben Menschen ihr Abwasser durch dieses unbeachtete Stück Gusseisen weggespült und entsorgt. Da sind viele Lasten und Sorgen mitweggeflossen!» Wer in das Rohr äugte, entdeckte eine Vielzahl vom Farben und Formen, Synonyme für die frohe Osterbotschaft oder auch für die Hoffnung auf «Licht am Ende des Tunnels». Mehr über das «Kanalrohrkaleidoskop» siehe unter «Dateien».

Beim ersten Halt des Fussmarsches an der Hertensteinstrasse zwischen Matthäuskirche und Migrosmarkt äusserte sich Florian Flohr zur Ignoranz der Wegwerfgesellschaft, vor allem dem verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln, der in den hiesigen Breitengraden skandalöse Dimensionen angenommen hat, während anderwärts noch immer tagtäglich Menschen hungers dahinsiechen und sterben. 

Vor dem Bourbaki Panorama, wo bis im Mai die «Monate der Mitmenschlichkeit» stattfinden (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel»), sagte Beat Hänni unter anderem: «Wir stehen vor der Installation „Leuchtturm für Lampedusa“ des deutschen Künstler Thomas Kilpper. Er erinnert damit, unterstützt von Studentinnen der Hochschule für Kunst und Design, an das Schicksal der Flüchtlinge von Afrika und Syrien, die unter höchster Lebensgefahr übers Mittelmeer fahren. Martina Gerber, Leiterin des Asybewerberzentrums Hirschpark in Luzern berichtete über Erlebnisse von Flüchtlingen, die dort vorübergehend Schutz und Zuflucht fanden 

Das Café Sowieso am Wesemlinrain, der nächste Halt des heutigen «ökumenischen Kreuzweges», bietet Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung Beschäftigungsmöglichkeiten. Laut Franz Zemp stellt sich für viele Menschen die Frage: «Genüge ich der Welt? Kann ich den Ansprüchen gerecht werden?»

Und folgerte: «Können wir in Beziehung treten mit Menschen, die anders sind, den Leistungsansprüchen nicht genügen? Oder werden diese Menschen immer mehr isoliert und ausgegrenzt? Als Jesus am Kreuz starb, löste sein Tod für die einen Isolation und Abschottung aus. Anderen, so wird überliefert, brachte der Tod neue Beziehungen unter seinen Verwandten und Freundinnen. Maria, seine Mutter, Johannes, sein Freund gaben einander Schutz und neue Beheimatung.» 

Der Fussmarsch endete vor dem «MaiHof», wo seit Wochen eine Skulptur aufgestellt ist. Franz Zemp: «Einige sehen ein Vogelnest, andere einen Radarschirm, andere einen Brotkorb. Mukta Gonzalez und Damian Meyer schufen die Dachlattenskulptur zum Thema: „Weniger für uns, genug für alle.“

Dazu tauchen Fragen auf: Wäre nicht Leben genug da für alle? Warum leben einige im Überfluss, während andere leer ausgehen? Die Schale, die fast kippt, könnte auch unsere Hände sein.» 

Ein fraglos ebenso hintersinniger wie ausdrucksstarker Schlusspunkt dieser heutigen Aktion der beiden christlichen Stadtluzerner Kirchen. Künftigen Folgen dieses Karfreitags-Auftritts sind jedoch mehr Teilnehmende zu gönnen, denn das Potential von EmpfängerInnen der eben vermittelten Botschaften ist mit der heutigen Publikumsgrösse mit Sicherheit nicht ausgeschöpft. 

Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/