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Kolumne der Redaktion

28.02.2015

Der Abschied von Otti Gmür: Reden, Leute, Bilder (1)

Etwa 400 Personen haben sich heute Samstagnachmittag (28. Februar) in der Luzerner Maihofkirche eingefunden, um Otti Gmür die letzte Ehre zu erweisen. Die stimmige und würdige Feier zeigte mittels mehrerer Reden ein eindrückliches Gesamtbild dieser grossen Persönlichkeiten, die weit über ihre Kernthemen Architektur und Städtebau hinaus profiliert und pointiert auch zu anderen wichtigen Fragen der Zeit Stellung genommen hatte.


Diese Aufnahme von Otti Gmür entstand im Frühjahr 2012 an der Pilatusstrasse in Luzern.

Bilder: Herbert Fischer

Claus Niederberger (Oberdorf/NW): «Wir haben einen wachen Geist verloren.»

Patrick Gmür, einer der beiden Söhne von Otti Gmür, ebenfalls Architekt und Direktor des Amts für Städtebau in Zürich.

Hans Lauber, in Luzern Geschäftspartner und Freund von Otti Gmür.

Otti Gmürs Bruder Max Gmür (Luzern) erzählte aus der Jugend der acht Gmür-Buben mit einer Schwester.

Hardy Fünfschilling (Zürich) arbeitete während Jahrzehnten im Schweizerischen Werkbund SWB eng mit Otti Gmür zusammen.

Die Altgrossstadträte Alex Schönenberger (links) und Hugo Fessler arbeiteten in der SP der Stadt Luzern mit Otti Gmür zusammen.

Die frühereren Bürgerrätinnen Regula Roth-Koch (Mitte) und Monika Portmann mit Markus Mugglin (Bern), dessen ältester Bruder Eugen ein Schwager von Otti Gmür ist.

Thomas Held aus Zürich, der zusammen mit Franz Kurzmeyer als eigentlicher Umsetzer des Mega-Projekts KKL gilt, im Gespräch ...

... mit Peter Bischof, der während mehrerer Jahre Geschäftsführer des KKL war und heute Geschäftsführer der Katholischen Kirchge-meinde der Stadt Luzern ist.

Der Architekt, Publizist und Dozent war am 2. Februar im 83. Altersjahr gestorben. 

Es sprachen heute neben Anderen der Architekt Claus Niederberger aus Oberdorf NW, während Jahrzehnten im Kanton Luzern Denkmalpfleger-Stellvertreter. Und Hardy Fünfschilling vom Schweizerischen Werkbund SWB. Hier folgen deren Redetexte. 

Als engagierter Bürger und Demokrat war Otti Gmür seit der ersten Stunde dieser Plattform vor vier Jahren ein Freund und Förderer von lu-wahlen.ch, wofür ihm auch hier und jetzt Dank gebührt.

Fürs erste also die Texte von Claus Niederberger und Leonhard Fünfschilling.

Siehe auch unter «In Verbindung stehende Artikel».

Herbert Fischer, Gründer und Redaktor lu-wahlen, Luzern

 

Er konnte mitreissen und überzeugen

Liebe Familien Gmür, liebe Freundinnen und Freunde von Otti Gmür, liebe Anwesende

Wir trauern gemeinsam um Otti Gmür. Das Leben einer herausragenden Persönlichkeit des kulturellen Lebens in der Zentralschweiz ist erloschen. 

Wir haben einen wachen Geist, einen unermüdlichen Kämpfer für Baukultur, einen engagierten Bürger und einen lieben Freund verloren.

Ich werde versuchen, in vier Abschnitten das Kulturschaffen dieses bedeutenden Architekten unserer Region zu charakterisieren: 

1.  Der Architekt 

Ernst Bloch schrieb in seinem grossen Werk «Das Prinzip Hoffnung» im Jahr 1985 unter anderem, ich zitiere: «Architektur insgesamt ist und bleibt ein Produktionsversuch menschlicher Heimat», Ende des Zitats. 

Otti Gmür hat, wie kaum ein anderer Architekt unserer Zeit, diesen anspruchsvollen Leitsatz in der Region Zentralschweiz mit Leben erfüllt. Als Architekt hat er, meist im Team mit Berufskollegen, mit Sorgfalt eine Reihe interessanter Bauwerke in der Sprache der Nachkriegsmoderne geschaffen. Schon eines seiner ersten Häuser, das Doppelhaus Obmatt in Adligenswil, beeindruckt als Bauwerk in seiner funktionalen Konzeption und seiner schlichten Architektursprache. Sein architektonisches Lebenswerk war es im Kleinen, wie im Grossen Beiträge für menschliche Heimat zu schaffen. Solchen Grundsätzen ist er in seinen mitverantworteten Bauwerken treu geblieben. 

Das Mitarbeiten als Architekt für Baulöwen und Spekulanten interessierte ihn wenig und wenn, dann primär für einen kritischen Kommentar. 

Sein Berufsverständnis für Architektur beschränkte sich nicht auf den traditionalen Schaffensbereich, dem Planen und Gestalten von Bauwerken, sondern er setzte sich auch mit der gesellschaftlichen und kulturellen Umwelt auseinander.

2.  Der Aufklärer
Neben dem Bauen war für ihn Aufklärung zu vertiefter Baukultur ein weiterer Eckpfeiler seines beruflichen Wirkens. Immanuel Kant schrieb 1784 zur Frage «Was ist Aufklärung» unter anderem, ich zitiere: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner … Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. … Dass ein Publikum sich selbst aufkläre, ist, wenn man ihm die Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende … finden, … (die) den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, verbreiten werden.» Ende des Zitats.  

Otti Gmür war im Sinn von Kant ein überzeugender «kritischer Selbstdenker» und er ist zu einem aussergewöhnlichen «Aufklärer» der Förderung von Baukultur in unserer Region geworden. Mehr Mündigkeit war für ihn Voraussetzung für mehr Baukultur in der Demokratie und Aufklärung dafür eine Notwendigkeit. Seine Schaffensbeiträge dazu waren entsprechend vielfältig. Er hat während Jahrzehnten Kolumnen und Artikel über Architektur und Städtebau in der regionalen Presse verfasst und so einer breiten Bevölkerung beispielhaft Baukultur vermittelt. Er hat mehrere Ausstellungen, Dia- und Filmbeiträge zu diesen Themen konzipiert. Er hat sich als Juror in zahlreichen Architekturwettbewerben für die besten Projektlösungen eingesetzt. Er hat unzählige Architekturführungen organisiert und spannende Vorträge gehalten. Er hat Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten und auch Seniorinnen und Senioren auf die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge von Architektur und Städtebau ihre Lebensräume aufmerksam gemacht. Er hat mehrere eindrucksvolle Buchpublikationen verfasst, die uns die Bedeutung von Baukultur und der Stadt als Heimat erklären. 

3.  Der Bürger 

Der griechische Philosoph Perikles schrieb 430 vor Christus, ich zitiere: «Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und um unsere Stadt. Wenn wir auch verschiedenen artigen Tätigkeiten zugewandt sind, so ist doch in den Dingen der Stadt keiner ohne Urteil. Bei uns heisst einer, der an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.»  Ende des Zitats.  

Otti Gmür war auch in diesem Sinn nicht ein stiller, sondern ein aktiver Bürger. Für ihn beinhaltete Architektur eine umfassende und differenzierte Auseinandersetzung mit Aufgaben, die nicht nur im individuellen, sondern auch im öffentlichen Interesse der Gesellschaft und der Baukultur zu lösen sind. 

Er war ein ganzheitlich denkender und ein ganzheitlich handelnder Mensch mit fester gesellschaftlicher Verankerung in den Grundwerten der Demokratie. 

Seine Heimatstadt hat ihn dafür 2012 mit dem grossen Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern ausgezeichnet. Die Behörden unserer Region haben einzelne Publikationen finanziell unterstützt. Doch seine Ideen und Vorstellungen zu einer humaneren Weitergestaltung von Raum, Stadt und Landschaft blieben Worte und wurden nicht Bestandteile der politischen Entwicklungsentscheide.

4. Schlussgedanken im Sinne von Otti Gmür

In einem Interview mit der Architekturzeitschrift Karton hat Otti Gmür 2007 unter anderem folgendes gesagt, ich zitiere: «Was kann Architektur leisten? Ich habe früher gedacht, sie kann mehr leisten. Macht Architektur glücklich? Nein, aber meine aktive Beschäftigung damit ist die Quelle des Glücks. Sie animiert mich, meine Wahrnehmung zu differenzieren und zu präzisieren. Daraus entwickle ich immer wieder neue Bezugsfelder, die auch angereichert sind mit Erinnerungen und Erwartungen. Architektur ist nicht das Glück, aber sie kann die Basis für glückliche Momente bilden.» Ende des Zitats. 

Wo immer wir stehen, er hat zu uns allen gesprochen. Mit seinem Schaffen hat er uns animiert. uns als Bürger vermehrt für die gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Entwicklung von Raum, Stadt, Landschaft und Natur einzusetzen. Unsere Region Zentralschweiz entwickelt sich leider nicht primär nach weitsichtigen öffentlichen Interessen, wie dies auf der Basis der modernen Erkenntnisse möglich wäre. Trotzdem sich viele kritische Denker und Mahner immer wieder dafür engagieren. Zu ihnen gehörte auch Otti Gmür. 

Er war ein Vertreter für die bewegende Kraft der Ideen. Er konnte andere mitreissen, ihre Köpfe und Herzen bewegen und sie davon überzeugen, dass man sich in der Demokratie engagieren muss und nur so etwas verändern kann. Nichts kommt von selbst. Und wenig ist von Dauer.  Es liegt deshalb an uns, dieses grossartige berufliche Lebenswerk von Otti Gmür weiterzuführen. Nur so kann es uns vielleicht doch noch gelingen mehr Inhalte für eine qualitätsvollere Entwicklung in der Gesellschaft und im Raum der Zentralschweiz zu verwirklichen.

Claus Niederberger, dipl. Architekt, Oberdorf NW
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Sein Wissen, seine Erfahrung und nicht zuletzt seine umgängliche Art wurden geschätzt

Liebe Trauerfamilien, geschätzte Trauergemeinde

Im SWB fühlte sich Otti wohl. Der Schweizerische Werkbund war und ist kein Berufsverband, sondern eine kulturelle Vereinigung von Menschen aus verschiedenen gestalterischen Berufen. Diese Interdisziplinarität entsprach Ottis vielfältigen Interessen.

An eine Aktion aus seiner aktiven Zeit in Luzern erinnere ich mich besonders gut. Es ging darum, einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Altstadtplätze bedeutend mehr bieten könnten, als nur dem Abstellen von Autos zu dienen. Dabei half eine beeindruckende Publikation, die deutlich Ottis Handschrift verriet. Die Aktion war ein grosser Erfolg. Die Plätze in der Altstadt werden seit längerem sinnvoller genutzt.

In den Siebziger Jahren, in denen sein Buch «Stadt als Heimat» erschien, waren manche der darin behandelten Fragen auch im SWB aktuell. Man analysierte die als bedrohlich empfundenen städtischen und landschaftlichen Veränderungsprozesse, hinterfragte das Bodenrecht, die Planung und die Planungsinstrumente, formulierte politische Forderungen, wie namentlich die, dass es in den Städten mehr Partizipation der Bewohner bis hin zur Selbstverwaltung der Quartiere brauchte, um die Dinge zum Besseren zu wenden.

Bei all dem redete Otti im Zentralvorstand mit. Sein Wissen, seine Erfahrung und nicht zuletzt seine umgängliche Art wurden geschätzt. Ebenso sein Engagement in kulturpolitischen Fragen.

Als 1975 der Bericht der Expertenkommission für Fragen einer Schweizerischen Kulturpolitik erschien, war für Otti klar, dass man sich damit auseinandersetzen musste. Dies vor allem deshalb, weil darin kaum die Rede war von der kulturellen Bedeutung der Umweltgestaltung – dem Kernthema des SWB. Diese Auseinandersetzung ergab eine Reihe kritischer Kommentare, die in der Folge auch an einer von Otti geleiteten Tagung mit Fachleuten aus dem In- und Ausland diskutiert wurden, bevor sie in eine Stellungnahme zuhanden des Bundes einflossen. Der heute geltende Kulturartikel in der Bundesverfassung entspricht zwar bei weitem nicht dem, was sich Otti gewünscht hatte, schliesst aber fördernde Aktivitäten des Bundes auch auf Gebieten wie Architektur oder Design zumindest nicht aus.

Von 1981 bis 1987 war Otti Erster Vorsitzender des SWB. Unsere Zusammenarbeit wurde so noch enger, als sie es vorher schon gewesen war. Sein Interesse galt in jenen Jahren vor allem ökologischen Fragen. Wieder war es ein äusseres Ereignis, das dazu besonderen Anlass gab. 

In den frühen Achtzigerjahren hegten bekanntlich offizielle Stellen die Absicht, im Zusammenhang mit der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft erneut eine Landesausstellung zu veranstalten. Otti hielt nichts von solchen Plänen.

Sie erschienen ihm in vieler Hinsicht nicht mehr zeitgemäss. Und er war überzeugt, dass die in der Zentralschweiz noch relativ intakte Landschaft unter dem Ansturm eines derartigen Spektakels irreparablen Schaden nehmen würde. Dargelegt wurde dieser Standpunkt in der stark beachteten Publikation «Landesverkleidung 1991 – Warnung vor der Rückkehr einer verbrauchten Idee». Die darin formulierte Kritik an den offiziellen Plänen trug zweifellos dazu bei, dass der Projektkredit in den Kantonen der Zentralschweiz vom Volk verworfen wurde. Das Projekt war damit vom Tisch, die Zukunft gleichsam wieder offen. 

Otti hat sich immer für Zukunftsfragen interessiert, sogar dann, wenn er sich Vergangenem zuwandte. Wie in der Ausstellung «Um 1930 in Zürich – Neues Denken, Neues Wohnen, Neues Bauen», die er mit Margit Staber im Kunstgewerbemuseum Zürich realisierte. Im gleichen Jahr übrigens, in dem sein Buch «Stadt als Heimat» erschien. Das mag ein Zufall gewesen sein. Man mag daraus aber auch ersehen, welch grossen Respekt Otti für den Geist der Moderne hegte, der in den Siebziger Jahren nahezu vergessen zu sein schien und den wieder zu beleben ihm wichtig war. Denn wenn es – um es mit dem Untertitel seines Buches zu sagen – darum ging, die Stadt zu schaffen, in der wir leben möchten, dann hatten dazu nicht zuletzt auch die Ideen der Pioniere der Moderne noch immer einiges beizusteuern.

Wir haben uns nie aus den Augen verloren, Otti und ich; wir trafen uns oft an Tagungen des SWB oder wir besuchten uns gegenseitig in Zürich und Luzern. Das letzte Mal sah ich und traf ich ihn im Spital.  

Die Gespräche mit Otti werden mir fehlen. 

Leonhard Fünfschilling, Geschäftsführer des Schweizerischen Werkbundes SWB von 1973 bis 2002, Zürich  


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/