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Kolumne der Redaktion

18.12.2014

Weitere Bilder von der Weihnachtsfeier der Luzerner Originale (3)

Hier folgt die dritte und letzte Bilderserie von der Weihnachtsfeier der «Güüggali Zunft» am Mittwoch, 17. Dezember 2014 mit den Luzerner Originalen in der Bocciabahn von «Pro Ticino» beim Luzerner Eichwald. Dazu ein Text aus der Januar-Ausgabe 2015 des «Kulturmagazins».


Adolf Portmann, Vizepräsident und Stuben-meister der «Güüggali Zunft», war während Jahrzehnten Geschäftsführer des Kleiderge-schäfts PKZ am Kornmarkt. Er brachte zu-stande, dass diese Firma der Zunft bis letz-ten September an der Kapellgasse einen Raum für das Zunftarchiv zur Verfügung und die Luzerner Originale immer wieder unter-stützte. Wegen eines Umbaus musste im Sommer das Archiv ausziehen, wofür nun Jost Schumacher in Reussbühl einen geeig-neten Ersatz bietet.

Irma Stadelmann bot einen perfekten Auftritt als Marlène Dietrich.

Bannerträger Hans Ochsenbein musste heuer die Fahne dreimal über den offenen Gräbern verstorbener Originale senken: für «Blumen-Bürgi», «Güsel-Hans» und den «Schwanen-Vater».

Angelo Bühler (rechts) ist im Stadtbild viel weniger zu sehen, seit sein Hund tot ist.

Marco Malagoli als Präsident von «Pro Tici-no» (sowie) Barbara Lanni und Stefano Lanni erwiesen sich als perfekte Gastgeber der Originale, der Zunft und ihrer Gäste.

Liedermacher Ernst Schnellmann trug neben anderen auch seine Lieder über die Luzerner Originale vor.

Zünfter Leo Metzler (rechts) und Urs Liechti, der den ganzen Abend an seinen Freund Ruedi Bürgi denken musste, der im März verstorben ist und erstmals nicht dabei war.

Alfred Emmenegger («der Teufel») ist oft mit Zunft-Fähnrich Hans Ochsenbein unter-wegs, der Kriens wie kaum ein zweiter kennt,.

Wer in Luzern «Pfisterhans» hört, denkt automatisch an die «Güüggali Zunft» und die Luzerner Originale. Und umgekehrt.

Bilder: Herbert Fischer

In der Januar-Ausgabe 2005 des «Kulturmagazins» ist ein grosser Beitrag über die Luzerner Originale erschienen. Hier ist er im Wortlaut zu lesen. 

In der Bocciabahn von «Pro Ticino» beim Eichwald auf der Luzerner Allmend hat die «Güüggali Zunft» zu ihrer traditionellen Weihnachtsfeier geladen. Gäste sind wie eh und je ihre Schützlinge, die Luzerner Originale. Zwar ist der heutige Aufmarsch erneut ein aussagekräftiger Querschnitt durch all jene markanten Erscheinungen, die das Stadtbild so wohltuend färben: Mal schräg und schrill, mal erfrischend lustig oder mal nur laut – immer aber auf irgendeine Art auffällig und gleichzeitig von den allermeisten Luzernerinnen und Luzernern wohlwollend respektiert, vielfach gar mit Zuneigung verwöhnt. «Die Originale» – wie sie ansonsten wertfrei geheissen werden – wissen, was sie ihrem Ruf schuldig sind. Darum lassen sie sich nie zweimal bitten, wenn «die Zunft» zur Tafel lädt.

Wie allerdings schon so oft ist der illustren «Gaschtig» unterm Jahr wieder einer der ihren jäh entrissen worden – «der Emil». Er hatte sich in der Nacht zum 3. August inmitten der Stadt in die Fluten der Reuss geworfen. «Krebs – wählte Abkürzung in Himmel» hatte er – wie alle seine Botschaften – auf einen grossen Karton geschrieben, den er auf der Brücke zwischen Rathaus und Theater zuhanden der Nachwelt deponierte.

«Emil ist längst im Himmel» 

Auch wenn Minestrone, Braten, Gemüse, all die Desserts, Weine und Kaffees im Pro Ticino heute allseits Höchstnoten ernten, drücken doch Mansers Freitod und die Lücke, die er hinterlässt, während des ganzen Abends auf die Stimmung in der Bocciabahn. «Radio Müüsli» würdigt den «lieben Kollegen und Freund Emil» in bewegten Worten, die da und dort nachhaltig Tränen auslösen. Kapuzinerpater Friedrich Frey, der sich während Jahren um die Seelen der Originale sorgte, inzwischen aber für seinen Orden im Tessin wirkt, ist eigens von dort angereist; wohl auch, um zu versuchen, hier den Entschluss des Allmächtigen zu ergründen, seinen Diener Emil für immer zu sich zu holen. Manser nämlich – darin sind sich alle einig – ist längst im Himmel; «und schaut heute auf uns herab», wie «Müüsli» wissen will. Nichtzuletzt wohl, weil die Kernbotschaften auf seinen Plakaten immer wieder Toleranz, Solidarität, Gewaltlosigkeit und Frieden – mithin also schlicht und ergreifend Menschlichkeit und Liebe –  eingefordert hatten, dürfte er im ewigen Paradies willkommen und damit für immer glücklich sein. 

Er liess sich nicht biegen und schon gar nicht beugen

Bereits vier Monate zuvor, am 21. August, war das bislang bekannteste aller Luzerner Originale öffentlich gebührend gewürdigt worden. Es war auch damals die «Güüggali Zunft», die zur Feier in die Franziskanerkirche geladen hatte. Pater Friedrich Frey und auch der reformierte Pfarrer Gerit de Haan zeichneten liebevoll das wortgewaltige Wirken von Emil Manser nach. Dreimal unterbrach spontaner Applaus die Rede von Philosophielehrer und Nationalrat Hans Widmer, über «Manser, den Philosophen», den «Mitkämpfer für eine bessere und gerechtere Welt». Fast 600 Personen füllten das Gotteshaus, Junge und Alte, Einfache und Arrivierte, Linke und Rechte, graue Mäuse und bunte Vögel, geeint im Respekt vor einem, der sich nicht biegen und schon gar nicht beugen liess. Der ein Malergeschäft geführt hatte, dem es aber irgendwann «ausgehängt», «abgelöscht» haben, der seither «döre be rot» gewesen sein soll.

In der Kirche standen auch Plakate, wie sie Manser immer wieder herumgetragen hatte. Etwa: «Wer es zu edwas gebrachd hat, darf mir 45 Rappen geben». Oder: «Intelikenz ist gerechd verteilt. Jede(r) meint genug zu haben.» Oder: «Suche Leerstelle als Mezger. Möchte nachher zur Bolisei.»

Coop spendierte Mansers Bier-Marke

Mit solchen Affichen, die er sich als Sandwichman umgehängt hatte, lief Emil Manser durch die Stadt, meist in seinen eigenen, gleichen Revieren. Etwa vor dem Hauptsitz der Kantonalbank oder vor dem Coop an der Winkelriedstrasse. Er trug entweder eine weisse Berufsschütze oder - auch mitten im Sommer - eine Militäruniform, auf dem Kopf einen Adventskranz.

Mitunter schaukelte er auch eine Puppe in den Armen und liess ab einem Recorder Kinderlieder laufen. Dazu trank er Bier, meist die Marke Tell von Coop. Nach der Trauerfeier am 21. August 2004 in der Franziskanerkirche spendierte Coop rauhe Mengen dieses Gerstenstaftes, um sich gegenseitig zu Ehren Emils zuzuprosten. Und das nicht zu knapp.

Manser, der Kommunikationsprofi

Für Hans Widmer - Doktor der Philosophie, ausgewiesener Bildungs- und Kulturpolitiker, SP-Nationalrat und ein seit Jahrzehnten genauer und präziser Beobachter der Gesellschaft - hat sich Emil Manser von anderen Originalen dadurch abgehoben, dass er sich zwar ebenfalls querlegte, gleichzeitig jedoch vor der Gesellschaft nicht kapitulierte: «Er hat sich - dank seiner enormen intellektuellen Qualitäten - die Mühe genommen zu sagen, was aus seiner Sicht zu sagen war. Das allerdings hat er mit einer öffentlichen Wirkung getan, um die er sehr genau wusste.» Emil Manser beherrschte die Sprache, verknappte komplizierte Botschaften auf wenige Worte und erzeugte so eine Aufmerksamkeit, die er mit langen Texten niemals erreicht hätte. So würzte er seine packenden Parolen mit Orthografiefehlern, die offenbar den Eindruck erwecken sollten, er sei Legastheniker. Zweifelsfrei jedoch war Manser durch und durch ein Kommunikationsprofi.» 

Emil Mansers letzte Inszenierung war seine wirkungsvollste. Sie erreichte, dass die Polizei einen Freitod mittels Medienmitteilung der Öffentlichkeit kundtat, was sie sonst nicht macht; dass sich seinem Abgang selbst auswärtige Medien ausführlich widmeten; und dass «die Originale» und damit auch ihre Zunft ein mediales Interesse erregten wie noch nie zuvor in ihrer 26-jährigen Geschichte.

Hexen, Huren und Halunken 

Werner Fritschi, beobachtet seit Jahrzehnten die Entwicklung der Gesellschaft und vor allem ihren Umgang mit Minderheiten. Darüber hat er mehrere Bücher geschrieben, er referiert im In- und Ausland und schreibt Analysen und Kolumnen. Fritschi lässt sich eine Begriffsdefinition für die Originale nicht einfach so - «husch-husch» - entlocken, holt aus im Mittelalter: «Die Denkstruktur unserer abendländischen Kultur hat gegen abweichendes Verhalten eine spezifische, jahrhundertealte Reaktion entwickelt: Was negativ auffällt, als krank, krankhaft erscheint: Dort soll eingegriffen werden. Da muss man einschreiten, helfen, heilen – oder im Notfall ausmerzen, zerstören.» 

Nährboden für grässliche Reaktionsmuster  

Die ganze Geschichte des Mittelalters ist für Werner Fritschi «geprägt von fixen Feindbildern. Man dachte, rebellische Einzelgänger stünden mit dem Teufel in Verbindung, besonders die Frauen hätten als Hexen ihre Seele Luzifer verschrieben. Deshalb galten sie als "des Teufels" und sollten bei lebendigem Leib verbrannt werden. Unter dem Motto: Wenn diese Leute nicht einsichtig sind, ihr "böser Geist" nicht ausgetrieben wird und sie sich nicht ändern, schaden sie uns allen.» So gesehen haben Originale eine dunkle Geschichte. Fritschi: «Wenn wir das Verhältnis der Gesellschaft zu ihnen betrachten, lässt sich definieren: eigenwillige Aussenseiter(innen), eher als nicht so intelligent etikettiert, nahe bei neurotischen und krankhaft pathologischen Verhaltensweisen – dies galt als Gefahr. Ich befürchte, dass dieses Feindbild-Denken mitunter auch heute noch unter der Oberfläche glimmt. Die Ideologie des Neo-Faschismus schafft wieder einen Nährboden für solche Reaktionsmuster.»

Andere verkünden bloss sich selbst 

Manser setzte manche Message meisterhaft um, inszenierte sich gekonnt und erntete dafür Bewunderung. Zwar ragen andere Originale ebenfalls aus dem Weichbild des öffentlichen Raumes heraus – sie verkünden hingegen kaum mehr als sich selbst. Sie stehen einzig für ihr ureigenes Outfit, ihren Aktionismus oder irgendwelche besonderen Eigenschaften. Womit sie allerdings nicht - wie eben Manser während vieler Jahre - zu tiefschürfenden Reflexionen animieren. Meist liegen bloss ein Schmunzeln, Flunkern oder ein Schwätzchen mit ihnen drin.  

«Diese Typen – wie auch Manser – verkörpern unsere eigene Zerbrechlichkeit», weiss Werner Fritschi: «Alle tun wir oft etwas gross, führen uns in unserer beruflichen oder finanziellen Sicherheit in einer Art auf, die morgen zerplatzen kann. In dieser Brüchigkeit sind wir ganz nahe bei diesen Leuten und an dem, was sie sagen, wie sie sich verhalten, was sie vordemonstrieren. Nämlich: auf die Meinung anderer Menschen pfeifen; an einem anderen Ort Akzeptanz suchen; sich ein eigenes Umfeld schaffen; sich nicht mehr anpassen; nicht mehr einfach nur funktionieren».

Gradmesser für liberales Klima

Franz Kurzmeyer wirkte von 1984 bis 1996 als Stadtpräsident von Luzern, davon neun Jahre auch als Vormundschaftsdirektor. Seine enorme Popularität und breite Akzeptanz, die er auch Jahre nach seinem Rücktritt noch immer geniesst, gründen unter anderem im vergleichsweise liberalen Klima der Stadt gegenüber Randständigen, das stark seine Handschrift trägt. 

Franz Kurzmeyer, der sich auch in seinem Unruhestand noch immer sozial und kulturell engagiert, war zwar ebenfalls begeistert von Mansers tiefgründigen Botschaften: «Wir sollten aber auch an all die anderen denken», mahnt er mit Blick auf weniger herausragende Originale. Und er erinnert an den Dauerspagat, in dem sich Behörden im Umgang mit solchen Existenzen immer befinden; erinnert auch daran, «dass sie manchmal auch ganz schön nerven können.» Kurzmeyer hält es aber für eine der Qualitäten einer Gesellschaft, sich in genau diesem heiklen Punkt zu bewähren. Er zitiert Aristoteles, der im Menschen ein gesellschaftliches Wesen erkannt hatte, das sich nur im Zusammenleben mit seinesgleichen entwickeln kann.

Begriff der Freiheit wird strapaziert 

Bereits den Jus-Studenten Franz Kurzmeyer hatte der Staatsrechtler Werner Kägi beeindruckt, der ihn gelehrt hatte, «dass jeder Bürger ein Individuum bleibt mit seinen Ansprüchen auf Freiheit und auf Individualität. Und auf der anderen Seite muss der Einzelne die Pflichten der Gemeinschaft übernehmen und sie einhalten. Nur das sei ein gutes Rechtssystem, das diesen beiden Seiten des Menschen Rechnung trägt». Der frühere Stapi sieht allerdings im heutigen Umgang mit dem Begriff Freiheit Entwicklungen, die ihn nachdenklich machen: «In letzter Zeit wird mir der Begriff der Freiheit und der Eigenverantwortung etwas zu stark betont und jener der Mitverantwortung etwas zu wenig. Ich finde es ganz wichtig, dass wir diese Mitverantwortung auch tragen.» Vor allem jene, die dies dank ihrer Begabungen oder Vorteile, die sie haben, auch tatsächlich können, sollten jenen helfen, die weniger dotiert sind. 

«Viele Leute brauchen das Wort Original bereits, wenn einer hinkt – falls er gut hinkt», witzelt Godi Hofmann, bis 1999 Dozent an der Kunstgewerbeschule Luzern (heute HGK). Hofmann ist gebürtiger Zuger, lebt seit mehr als 50 Jahren in Luzern und ist ein genauer Kenner der Stadt und ihrer Bevölkerung. Er hat ganze Generationen angehender Gestalterinnen und Zeichnungslehrer ausgebildet. Als er diese Schule noch selber besucht hatte, standen im Figurenzeichnen beim legendären Lehrer Max von Moss, dem grossen Surrealisten, fast immer Originale Modell. Hofmann  erinnert sich: «Das waren allwöchentliche Begegnungen, die mir unvergesslich sind. Etwa "d`Ölfarb": Er sah aus wie ein Buddha mit Glatze und Schlitzaugen. Und auch der "Schniiderli". Diese Beiden motzten sich gegenseitig unablässig an, während wir sie abzeichneten. Aber eigentlich waren sie liebe Menschen, ausser eben, wenn sie zusammen waren.»

Agnes und die Ruderer

Die «Ölfarb» erhielt ihren Namen bei der Aushebung. Der Aushebungsoffizier hatte auf einen Punkt auf einer Landkarte gezeigt und ihn – den angehenden Rekruten Franz Lustenberger – gefragt, was das sei. Worauf dieser schlagfertig erwiederte: «Das ist Ölfarb». 

Legenden sind auch das«Eierrösi» oder – in späteren Jahren – Agnes, die zwangspensionierte Primarlehrerin mit einer unglaublichen Oberweite. Sie konnte ihre Bewunderung für schöne junge Männer nie zügeln und lief spätestens dann zur Hochform auf und hatte dementsprechend Hochsaison, wenn die Ruderregatta bevorstand und die Sportler aus aller Welt ihre perfekten Bodies präsentierten. 

Für Godi Hofmann gibt es «Originale, die lieb und harmlos und nett sind. Und es gibt solche, die auch sehr stören und nerven können. Es gibt da beispielsweise einen jungen Mann, der ist auf der Strasse in ständigem Dialog mit Nietzsche. Und es kommt vor, dass er sich im Restaurant mir gegenüber absetzt, wenn ich Kaffee trinken und in Ruhe Zeitung lesen will. Er merkt nicht, dass ich diese Dialoge nicht hören will. Für mich ist auch er ein Original, eines allerdings, das mich nervt.» Wie auch immer Originale sich sozial verhalten – Godi Hofmann ist wohl nicht alleine, wenn er erkennt: «Sobald einer von der Gesellschaft abhängig ist, ist es schwieriger, ein Original zu sein.» 

Genau dafür gibt`s die «Güüggali Zunft» Luzern. Sie war am 31. Januar 1978, am Tag der Uusgüüglete, gegründet worden – also zwei Tage vor dem Schmutzigen Donnerstag, als sich vier Kollegen – alle von Beruf Eisenbahner – zünftig auf die Fasnacht einstimmten. Sie befanden, was in Luzern Rang und Namen habe, gehöre doch eigentlich einer Zunft an. Also gründeten sie eine eigene Zunft, für die sie auch bald einen Namen fanden, zumal sie ja ab und zu gemeinsam «eis güüggelet», also die Geselligkeit feuchtfröhlich pflegen. Ein «Güggel», ergaben hochstehende Debatten weiter, eigne sich zudem als Wappen hervorragend. 

Zunft gegründet, Zweck gesucht 

Ausgerüstet mit derlei Ein- und Aussichten, vollzogen die Zunftherren den formellen Gründungsakt und da geschah, was zuvor niemand wirklich gemerkt hatte: Die Zunft brauchte auch noch eine Zweckbestimmung. Die zu finden war nun allerdings absolut kein Problem und so tauchte die spontane Idee auf, es wäre doch eine schöne Aufgabe, sich der Stadtoriginale anzunehmen. 

Die «Güggali Zunft» widmet sich rührig um diese Leute, hilft ihnen etwa im Umgang mit Behörden. Und sie veranstaltet Ausflüge und Feste mit den Originalen wie eben jenes vor Weihnachten im «Pro Ticino». Dort geht es jeweils vergleichsweise gesittet zu, zumal die Medien und vor allem ihre Fotografen präsent sind und ihres Amtes walten; der traditionelle Sommerausflug geht demgegenüber ganz «en famille» ab...

Warum «Müüsli» einen Kinderwagen stosst

Stammgäste sind da zum Beispiel Ludwig Läubli, der klein gewachsene alte Mann aus Horw mit der Sporttasche und den drei Uhren am Arm. Von denen allerdings läuft nur eine und auch die tickt nicht richtig. Ludwig übrigens weiss «eigentlich auch nicht, was das ist, ein Original». Aber er weiss, «dass Pfisterhans immer sagt, ich gehöre auch zu ihnen». Oder Rolf Buff, der magere Mann mit den nervösen Zuckungen im Gesicht, der seit 40 Jahren Lose verkauft. Oder «das Rottannli», der diesen Namen nicht gerne hört, sondern lieber als «Bieriseppi» angesprochen wird, wie er auch wirklich heisst.

«Radio Müüsli» ist in Tat und Wahrheit Marcel Schöngarth. Er lebt von einer IV-Rente, seit er sich als Kellner die Beine kaputt gemacht hat. Marcel: «Wenn man ein Original werden will, muss man einfach etwas erfinden. Ich kam 1981 nach Luzern, nachdem ich zuvor auf Hochsee gefahren bin. Ich fand die Leute hier komisch. Ich fragte mich, was man dagegen tun könnte. Ich packte einen Radio, liess ihn laufen und lief so durch die Strassen. Am Anfang schauten die Leute komisch und fragten sich, was das wohl wieder für ein Spinner sei. Ich beschloss, mit einem grösseren Radio herumzulaufen, damit mich noch mehr Leute noch komischer anschauen würden. Das geschah dann tatsächlich».

«Ich beisse mich durchs Leben und habe meine Freude»

Schöngarth entschied, zwecks besserem Kundenservice, an seinen Radio einen Lautsprecher anzuschliessen – «wodurch ich mehr Material zu transportieren hatte. Also brauchte ich dafür einen Kinderwagen. Dann richtete ich darauf eine Stereoanlage ein – ich verbesserte mich also ständig. Ich mache auch immer Witze und Sprüche. Ich bin halt ein Mensch, der das ganze Jahr immer gleich gut aufgelegt und fröhlich ist. Nicht alle Leute ertragen dies gleich gut. Aber ich beisse mich so durchs Leben und habe meine Freude».

Präsident der «Güüggali Zunft» ist «Pfisterhans», inzwischen selber eine stadtbekannte Persönlichkeit mit höchster Prominenz. Es vergeht inzwischen kein Ereignis rund um das Thema Stadtoriginale, zu dem er nicht kontaktiert und zitiert wird. Erschöpfende Auskünfte über einzelne Biografien lebender oder verstorbener Orginale kann er deshalb so gut geben, weil die Zunft in der Altstadt inzwischen ein stattliches Archiv aufgebaut hat, in dem sich so hochkarätige Exponate finden wie eine Original-Melone des sagenumwobenen «Bahnhof-Jules», der Karren von «Koffer-Hans» oder das «Sennechotteli» von Theodor Zemp («Zämpptedööri»), des grandiosen «Handörgelers» mit zuletzt noch drei Zähnen. Hans Pfister - einer der seinerzeit vier Eisenbahner und Zunftgründer - arbeitet bei einer Krankenkasse und lässt sich nächstes Jahr vorzeitig pensionieren. Damit er sich noch mehr den Originalen widmen kann. «Irgend jemand muss sich doch um diese Leute kümmern. Wer tut das denn, wenn nicht unsere Zunft?», fragt er, natürlich rein rhetorisch.

Herbert Fischer

Dieser Text ist in der Januar-Ausgabe 2005 des «Kulturmagazins» erschienen. Die Bilder rechts hingegen stammen von der Weihnachtsfeier vom Mittwoch, 17. Dezember 2014, die ebenfalls in der Bioccabahn von «Pro Ticino» beim Luzerner Eichwald stattfand. 

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Hans Widmer über Emil Manser

Im Buch «Ist mir grosse Ehre von gleicher Sorte zu sein» über Emil Manser (erschienen 2005 im db-Verlag, Horw / Luzern) steht auch ein Text, den Hans Widmer an Emil Manser geschrieben hat. Hans Widmer - inzwischen pensionierter Philosophielehrer an der Kanti Alpenquai in Luzern und alt SP-Nationalrat - hatte bereits im August 2004 an der Abschiedesfeier für Manser in der Luzerner Franziskanerkirche eine Rede gehalten. 

Lieber Emil,

oft blieb ich auf meinen meist abgezweckten und zielorientiert geschäftigen Gängen in die Stadt stehen, weil einer Deiner fragmentarischen Sprüche mich zum Innehalten einlud. Immer wieder haben Deine Kürzestwortspiele mir ein inneres Lachen entlockt, oder sie haben ein assoziatives Nachdenken ausgelöst. Manchmal brachten sie mich sogar ins Grübeln. Wie auch immer: Deine Engramme kamen mir meist vor wie Spitzen von Eisbergen. In ihnen wurden tiefer liegende Bilderprozessionen‚ oder Gedankengänge‚ auf den Punkt gebracht oder auf die Spitze getrieben: auf jene Spitze eben, welche wohl nicht nur bei mir, sondern bei vielen Vorübergehenden das Lachen, das Nachdenken oder das Grübeln anzukitzeln vermochte.

Du wusstest wohl ganz genau, dass jede vorübergehende Person, die sich von Deinen Wortspitzen kitzeln liess, auf ihre je eigene Weise entweder gelacht, nachgedacht oder gegrübelt hat: Du hast ihnen auf offener Strasse bloss einen Raum gegeben, in dem ihre Reaktionsfreiheit stets gewahrt blieb. 

Sicher hättest Du Deine helle Freude gehabt an all den Gedankenvarianten, die durch Deine wortspielerischen Provokationen in den vielen bei Dir innehaltenden Köpfen und Herzen  ausgelöst worden sind. 
 
«Lieber Vernunft als Radieckal»: Was Du mit diesen Wortfetzen sagen wolltest und was die seltsame orthografische Verwandlung des Wortes radikal‚ in «Radieckal»‚ bedeuten soll, bleibt für immer Dein Geheimnis. Was mit der Engführung dieser vier Wörter hinein in die vorliegende Wortspitze bei mir ausgelöst wird, das teile ich Dir gerne mit. Ich nehme zwar an, dass Du über meine Philosophielehrer-Gelehrsamkeit schmunzeln wirst, wenn ich auf den grossen Philosophen Kant zurückgreife, aber ich tue es trotzdem, weil Du jedem die ihm eigene Interpretationsweise belässt. 
 
Wer die Fähigkeit, seinen Blick auf das Ganze zu richten, verkümmern lässt, verzichtet mit der Zeit auf etwas Urmenschliches, eben auf  die Vernunft. Zwar mag er oder sie in einzelnen Bereichen «drauskommen», in einer einzelnen Wissenschaft etwa, oder in einem bestimmten Dossier, aber im einseitigen Spezialistentum entschwindet der grosse Horizont immer mehr. Am Schluss kann er oder sie nur noch mit einigen seiner Mitspezialisten kommunizieren. Jedoch hört auch das bald einmal auf, denn vor lauter Fixierung auf das eigene Wissen, auf die eigene Welt geht nicht nur der ganz grosse Horizont‚ verloren, sondern auch der mittelgrosse, derjenige, welcher uns mit den Insidern verbindet. 

Am Schluss gibt es nicht einmal mehr den ganz kleinen Horizont‚, welcher uns die Welt des Nächsten zu zeigen vermag. Ja, und wenn es dann einmal so weit kommen sollte, dann ist man radikal allein. Nur noch die eigenen Vorstellungen zählen. In Frage gestellt werden sie nicht und wenn man dann die Bühne des Handelns betritt, ist man radikal. Drum «Lieber Vernunft als Radieckal», weil wir uns nur im ganz grossen Horizont‚ der Vernunft dessen bewusst werden, dass wir zum Grossen Ganzen gehören.

Hans Widmer, Luzern    


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/