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Kolumne der Redaktion

31.07.2014

Hat die Luzerner CVP keine anderen Probleme als die Schweizerpsalm-Diskussion?

Die grösste Partei des Kantons bespielt im Sommerloch ein Thema, das in weitesten Teilen der Bevölkerung keines ist, schweigt dafür bei wichtigen Fragen oder gibt sich dazu erstaunlich wortkarg.


Der Begriff Sommerloch meint die ereignisarme Zeit der Sommerpause; also, wenn so gut wie nichts geschieht, was die Öffentlichkeit, vor allem die politisch interessierte, zu bewegen verspricht. Falls sie das kleine ABC der Kommunikationsstrategie kennen, was erstaunlicherweise allerdings weiss Gott nicht selbstverständlich ist, nutzen die politischen Parteien diese Flaute mitunter, um Themen zu setzen und sich so ins Gespräch zu bringen.  

Ein diesbezügliches Paradebeispiel, wenn nicht gar ein Glanzstück, lieferten 1995 Bundesrat Otto Stich und die SP-Führung, die zu Beginn des Sommerlochs verkündeten, der eidgenössische Kassenwart trete zurück. Prompt füllten über die folgenden Wochen hinweg Berichte über Stichs denkwürdige Wahl zwölf Jahre zuvor – die eigentlich mehr eine Nichtwahl der Zürcher Nationalrätin Liliane Uchtenhagen war –, Huldigungen an seine knorrige und kantige und kämpferische Persönlichkeit und Gradlinigkeit, Kommentare zu seinem Wirken und Spekulationen über mögliche NachfolgerInnen die Inland-Seiten der gedruckten Medien; in ihm, den sie 1983 noch wutentbrannt als Verräter ins Pfefferland gewünscht hatte, erkannte inzwischen auch die diesbezüglich kleinlaut gewordene Abteilung Klassenkampf seiner Partei einen Sympathieträger, was sich mobilisierend auf das SP-Elektorat auswirkte. 

Stichs Glaubwürdigkeit, die Palette möglicher Nachfolgerinnen und damit auch die anhaltende und flächendeckende Kolportage sozialdemokratischer Kernbotschaften während des Sommerlochs 1995 zahlte sich aus. Die Partei unter dem straffen und treffsicheren Lead des ebenso instinktreichen wie umstrittenen Wallisers Peter Bodenmann, legte bei den Nationalratswahlen 1995 zu. 

Ein Beispiel, wie das Sommerloch nicht genützt werden sollte, liefert gegenwärtig die CVP des Kantons Luzern. 

Was ist geschehen?

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft ist eine löbliche Institution mit freisinnigen Wurzeln, seit Jahrzehnten getreu ihrem Namen glaubwürdig engagiert und akzeptiert und immer wieder mit hoch angesehenen Persönlichkeiten an ihrer Spitze. Sie lancierte die Debatte, ob der «Schweizerpsalm» nicht etwas gar frömmlerische und altbackene Botschaften vermittle («... Dich, Du Hocherhabener, Herrlicher...») und somit, vor allem auch melodisch, zu ersetzen sei. 

Das wäre eigentlich eine spannende Diskussion, denn bekanntlich ist eine Nationalhymne eine Visitenkarte, die idealerweise eine satte Mehrheit hinter sich weiss; oder jedenfalls wissen sollte. Genau das aber ist mit «Trittst im Morgenrot daher» nicht der Fall; weder vor Fussballländerspielen, an Siegerehrungen im Sport, an Bundesfeiern und anderlei besonders würdevollen, eidg. dipl. Zeremonien. 

Die Fragen zum Beispiel, welcher Text welchen Zuspruch findet, ob die Anrufung des Allmächtigen gemäss Reinheit christlicher Lehre oder vielleicht nicht doch der Respekt auch gegenüber anderen Religionen gemäss liberalem Staatsverständnis Kernbotschaften sein sollen, wären eine breite und animierende Debatte wert.

Wären, denn die Schweiz und auch der Kanton Luzern haben gegenwärtig ganz andere Probleme, die dank tiefgründiger Diskussionen mit mehrheitsfähigen Lösungen zu krönen wären. 

Sollte man meinen. 

Doch der CVP des Kantons Luzern war die Nationalhymnen-Frage eine öffentliche Umfrage wert (siehe unter «Dateien»). Und man höre und staune: nur sechs Tage später lag – «schwuppdiwupp» – bereits das Resultat der umwerfenden empirischen Erhebung vor (siehe ebenfalls unter «Dateien»).

Die Entdeckung dieses nun wirklich nicht bewegenden Themas durch die CVP erstaunt vor allem vor dem Hintergrund ihrer Schweigsamkeit oder zumindest Wortkargheit in den letzten Monaten zu ganz anderen, zu wichtigen Fragen. So hatte die CVP zwar die Nein-Parole zur Initiative der Abschaffung der Liegenschaftssteuer beschlossen, war aber im eigentlichen Abstimmungskampf weit und breit weder sicht- noch hörbar; so blieb sie erstaunlich stumm, als am 16. Juni die Luzerner Regierung die Ergebnisse einer Bevölkerungsumfrage vorstellte, die beim besten Willen nicht als Liebeserklärung «an den Kanton» interpretiert werden können; so erschöpfte sich am 27. Juni ihre Reaktion auf das Sparpaket «Leistungen und Strukturen II» in einer lauwarmen Kritik, ohne aber ehrlicherweise in christlicher Demut zu bekunden, dass sie als grösste Partei und kantonsrätliche Fraktion die gegenwärtige Alarmstimmung klar mitverantwortet. Weitere Beispiele besagter Schweigsamkeit oder Wortkargheit können jederzeit geliefert werden. 

Es ist doch etwas gar mager, wenn die stärkste Partei des Kantons Luzern gegenwärtig einzig und allein als Bewahrerin der Nationalhymne der Schweizerischen Eidgenossenschaft wahrgenommen wird; vorausgesetzt, es interessiere sich dafür überhaupt jemand.

Jetzt, da sie dank des ereignisarmen Sommerlochs die Chance hätte, Themen zu setzen, die ihr Profil – das bloss vermutete oder ein allenfalls tatsächlich vorhandenes – mit Blick auf die Wahlen am 28. März 2015 zeigen könnte, zeigen sollte, zeigen müsste. 

Ausgerechnet jetzt aber reduziert sich ihre öffentliche Wahrnehmung auf ihre Umfrage «Schweizerpsalm: Ja oder Nein?». Und auf einen von Aggressivität strotzenden Kommentar zu ihrer Umfrage (siehe unter «Dateien»). Solche befremdlichen Töne ist man sich von dieser Partei absolut nicht gewohnt, sie fällt ansonsten gerade dadurch auf, dass sie stets Anstand, Stil und Würde bewahrt.

Das ist etwas gar wenig für die grösste Partei im Kanton Luzern. 

Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch - das ganze meinungsspektrum, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/