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Kolumne der Redaktion

15.03.2014

EILMELDUNG: Luzerner Stadtoriginal Ruedi Bürgi ist tot

Luzerns bekanntester Blumenhändler, Charmeur, Operettenfreund, Heinrich Heine-Kenner, Gnagi-Geniesser und alt Politiker ist tot. Er starb im Elisabethenheim heute früh um 4 Uhr, wenige Tage nach seinem 86. Geburtstag und kurz nach einer schweren Operation. Dies erfuhr lu-wahlen.ch aus dem engsten Freundeskreis von Ruedi Bürgi.


Ruedi Bürgi nach der Trauerfeier für das Luzerner Stadtoriginal Marcel Schöngart alias «Radio Müüsli» Ende August 2012 in der Lukaskirche.

Bild: Herbert Fischer

Der Journalist Hanns Fuchs kannte Ruedi Bürgi seit Jahrzehnten. Aus dem Quartier, aus dem Stadtparlament, aus unzähligen Begegnungen mit ihm und Erzählungen über ihn. Fuchs hat im September 2013 über Ruedi Bürgi für «Luzern 60plus» (siehe unter «Links») ein Porträt geschrieben, das er lu-wahlen.ch im Gedenken an den populären Verstorbenen zur Verfügung stellt und wofür sich die Redaktion bei ihm bestens bedankt. Hier also der Text von Hanns Fuchs vom September 2013 über das am 15. März 2014 verstorbene Luzerner Stadtoriginal. 

Ungekünstelt-herzlich und fröhlich-gebildet

Ruedi Bürgi ist nicht mehr gut zu Fuss. Unterwegs ist er trotzdem noch immer und gern. Unterwegssein ist eines seiner Markenzeichen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Dabei hat Bürgi schon vor Jahrzehnten in Luzern sein Zuhause gefunden. Hier ist er verwurzelt. Und hier wurde, war und ist er ein Unruhegeist im besten Sinn des Wortes.

Dank TV-Sendung ins Stadtparlament gewählt

Den «Blueme-Bürgi» kannte man an der Zürichstrasse, im Hochwachtquartier und in wichtigen Luzerner Kultur- und Gesellschaftsvereinen, seit er seinen Blumenladen eröffnet hatte. Es war seine ungekünstelt-herzliche, fröhlich-gebildete Art, die ihm Sympathie quer durch alle Gesellschaftsschichten und -hierarchien  brachte. Man ging nicht ohne ein «Blüemli extra» aus Bürgis Laden. Das war kein «Kundengeschenk» sondern ein ehrliches «Blüemli vo Härze».

Und plötzlich war der «Blueme-Bürgi» eine nationale Berühmtheit. In Mäni Webers Wissens-Quiz-Sendung «Wer gwünnt?» räumte der Blumenhändler von der Zürichstrasse in Luzern den Fragen- und Gabentisch mit seiner profunden Kenntnis über den widerborstigen deutschen Dichter Heinrich Heine (1797 – 1856) ab. Im Bürgi, schwante es nun auch im Luzerner Polit-Establishment, steckt mehr, als mancher zu wissen meinte. Und da 1975 auch grad Wahlen anstanden, fanden es die CVP-Strategen schick, ihre Liste für den Grossen Stadtrat mit dem Namen «Rudolf Bürgi» zu schmücken.

Immer am Puls des einfachen Volkes

Das dürften die Parteimenschen nachhaltig bereut haben. Denn Bürgi wurde gewählt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und nicht nur als Listenfüller, sondern mit Bestresultaten. Schlimmer noch: Bürgi wurde kein Parteigänger. Er blieb der «Blueme-Bürgi» und er setzte sich für Bürger-Anliegen ein, die ihm selber wichtig waren, oder die ihm in seinem Blumenladen an der Zürichstrasse zugetragen wurden: öffentliches WC am Löwenplatz; gegen höhere Hundesteuern; Erhaltung des Hirschparks. 

Bürgi war für die CVP zunehmend ein Ärgernis, denn Parteiparolen und Fraktionsmeinungen hielten ihn nicht vom eigenen Denken ab. Sein kulturpolitisches Husarenstück lieferte er im Theaterstreit mit dem damaligen Intendanten Horst Statkus (1988 bis 1999 Direktor Luzerner Theater). Statkus wollte die Operette aus dem Spielplan streichen – Bürgi sorgte mit einem Vorstoss im Parlament für eine inhaltliche Theaterdebatte in Parlament und Öffentlichkeit. 

Mehrmals Bestresultate erreicht 

Die Operette blieb. Und Statkus qualifizierte Bürgi als schwachsinnig ab - «schwachsinnig, dabei war ich mit der höchsten Stimmenzahl in der Stadt gewählt worden», erinnert sich Bürgi nicht ohne Stolz. 

Nach drei Amtsperioden hatte die CVP genug von Bürgi, ihrem Dissidenten, der auch mal während einer Debatte im Rat seine Meinung ändern konnte. Sie spedierte ihn von der Liste. Der «Blueme-Bürgi» blieb der Politik dennoch erhalten. Durch seine Wahl ins Stadt- und ins  Kantonsparlament hielt er die serbelnden Christlichsozialen (CSP) noch ein paar Jahre am Leben. Doch als Ein-Mann-Partei schaffte es Bürgi bei seiner letzten Wahl 2000 nicht mehr ins Parlament. Seither ist sein einziges öffentliches Amt das des «Gnagivaters», Obmann der Gnagi-Zunft, Schirmherrin des «Gnag-Essens». 

Ein ungewöhnlicher Lebensweg

Ein Original ist der «Blueme-Bürgi» zweifellos. Er ist unverwechselbar. Er sprengt den Rahmen des Gewöhnlichen. Er ist echt. Das hat, vermute ich, mit seinem Lebensweg zu tun. Er sei einer Mesalliance von Fabrikant und Serviererin im damals streng katholischen Wohlen AG entsprungen. Daraus gab es kein Elternhaus, aber eine Pflegefamilie, die mit dem Balg auch nicht wirklich froh wurde. Ruedi muss ein aufsässiges Kind gewesen sein. Weder das «Kollegi» Disentis noch jenes in Sarnen noch eine Zürcher Privatschule wurden mit ihm, beziehungsweise er mit ihnen glücklich. 

Bürgi machte seinen Weg als Gärtner und Blumenhändler. Und als fürsorglicher Familienvater – seine Frau stand ihm im Geschäft bei, er ist rührend besorgt um die behinderte Tochter. Aus seinen wenig erfolgreichen Mittelschulzeiten behielt er die Freude an humanistischer Bildung und Idealen. Wenn «Blueme-Bürgi» von seinen Reisen zu den Klassikern in Dresden und Berlin schwärmt, wenn er «seine» Klassiker rezitiert und von seinen aufmüpfigen Interventionen in der städtischen und der kantonalen Politik erzählt, blitzen seine Augen. Und man kann verstehen, dass er den aktuellen Mitte-Links-Konsens in der Luzerner Politik etwas langweilig und öde findet. 

Hanns Fuchs, Luzern 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/