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Kolumne der Redaktion

07.02.2013

Warum sich Menschen verkleiden und maskieren - mit Bildern zum Start der Luzerner Fasnacht (1)

Die unbeschreibliche Vielfalt von Bildern, welche die Fasnacht auch am heutigen Schmutzigen Donnerstag bot, sind das eine. Das andere ist die Frage, warum eigentlich sich Menschen verkleiden und maskieren. Der Zürcher Psychoanalytiker Peter Passett, in Luzern aufgewachsen und vom Virus infiziert, hat dazu interessante Antworten.


Bilder: Herbert Fischer

Herbert Fischer: Sind Sie selber Fasnächtler?

Peter Passett: Nicht mehr. Aber während der Mittelschule in Luzern. Damals bin ich zusammen mit Kollegen einer Guggenmusik beigetreten. Die Schulleitung hat das nicht gerne gesehen. Aber wir haben es gleichwohl - oder erst recht - gemacht, weil es attraktiv war. Und zwar bis am Aschermittwoch. Dann hockten wir wieder in der Schule, hatten einen dummen Grind und mussten leiden. Ich bin nachher, bis ich etwa 30 war, regelmässig wegen der Fasnacht nach Luzern gefahren und habe mitgemacht.

War das ein Ausbrechen?

Peter Passett: Ja. Vor allem aus den Grenzen des eigenen Ichs. Ich glaube ohnehin, dass darin der eigentliche Reiz all jener Feste besteht, in denen es um Verkleidung geht. Bei denen man sich verkleidet, um ein Anderer zu werden; darum, eine andere Seite kennen zu lernen, die man weder auslebt noch preisgibt. 

Allerdings wird mit dem Ausbrechen auch oft verbunden, die Sau rauszulassen, sich völlig jenseits zu benehmen.

Warum bereitet es Menschen Freude, in die Rollen des Anderen zu schlüpfen?

Peter Passett: Das Ich des Individuums ist eine der Grundlagen der menschlichen Kultur. Dieses Zentrum der Psyche unterscheidet uns Menschen von den Tieren. Nur so können wir als Subjekte einer Welt gegenüberstehen. Aber dadurch wiederum erfahren wir auch eine Eingrenzung. Ich kann nur als der, der ich bin, der Welt gegenüberstehen. Das hat den Effekt, dass ich nicht nur mich selbst erlebe, sondern sehe, dass es auch tausend andere Möglichkeiten gäbe, die mir aber verschlossen bleiben, weil ich eben ich bin. Spielerisch kann ich einige dieser Möglichkeiten für beschränkte Zeit realisieren, indem ich mich verkleide.

Die Fasnacht ist somit eine Möglichkeit des Andersseins?

Peter Passett: Das ist sie bestimmt. Früher gab es sehr viele Feste, andere Feste als die Fasnacht, aber sie waren auch Brauchtümer. Man sieht dies noch heute in den so genannten primitiven Gesellschaften, deren Jahr meistens strukturiert ist durch Feste wie das «Fest des Schafes» oder das «Fest des Frühlingsanfangs» und so weiter. Sie strukturieren den Jahresablauf, und während sie gefeiert werden, gelten andere Gesetze; gewissermassen die umgekehrten als sonst. 

In unserer heutigen und hiesigen Kultur ist das anders: Immer ist irgendwo Party, wird ein «affengeiler» Film gezeigt, werden Drogen konsumiert. Gerade der Drogenkonsum war ja früher viel mehr und meist in Zusammenhang mit Festen ritualisiert. In unserer Kultur haben Feste an Bedeutung verloren, weil heute alles viel individualisierter ist. 

Früher, als eine strengere soziale Kontrolle herrschte, war ausbrechen auch bei uns nur erlaubt und damit auch nur dann möglich, wenn es alle machten und wenn dies vom Jahresablauf her vorgesehen war.

Ist die Fasnacht somit ein zeitlich genau definiertes, kollektives Ausbrechen, das allerdings salonfähig ist?

Peter Passett: Das könnte man so sagen. Wobei ich sie in Luzern so erlebt habe, dass die Fasnacht über die Stadt hereinbrach und es gar kein Entrinnen gab. Das ist hier im Kanton Zürich ganz anders. Die Fasnacht spielt niemals jene Rolle wie in der Zentralschweiz, in der Ostschweiz oder in Basel. Deswegen muss sich der Einzelne hier viel mehr und damit aktiv darum bemühen, an der Fasnacht mitmachen zu können.

Fasnacht ist immer und überall ein sozialer Vorgang. Kein Mensch kann für sich allein Fasnacht machen.

Peter Passett: Auf jeden Fall. Das ist ja auch der Grund, warum der Frage, wie sich ein Mensch an der Fasnacht und damit vor anderen präsentiert, so viel Aussagekraft über seine eigene Person zukommt. Der Frage nämlich, was er den anderen mitteilt. Es braucht andere, die mich sehen und reagieren, wenn ich verkleidet bin. Sonst würde die Verkleidung keinen Sinn machen. Ich brauche eine Rückmeldung für meinen fasnächtlichen Auftritt.

Was sagt die Art und Weise, wie sich Menschen verkleiden, über ihr Selbstverständnis, ihren Charakter, ihre Wünsche, vielleicht sogar über ihre Sehnsüchte aus?

Peter Passett: Zunächst: Jede Handlungsweise, auch seine Sprache, seine Schrift, sein Aussehen, seine Kleidung, seine Ausdrucksfähigkeit, was er isst und was er trinkt – alles sendet über einen Menschen Informationen aus. Es braucht allerdings eine gewisse Intuition oder spezielle Kenntnisse, um diese Informationen richtig zu verstehen. Beim Verkleiden glaube ich, dass es verschiedene Grundtypen gibt. Allein daraus aber würde ich keine Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des oder der Verkleideten ableiten.

«Grundtypen»?

Peter Passett: Ich gehe davon aus, dass beim einen Typus der Verkleidung die Menschen, die sich verkleiden, eine Art Ideal, das sie sein möchten, darzustellen versuchen. Sie wollen etwa schöner, kräftiger, jünger, älter, reicher sein. Dies ist eine Art Grundtyp von Verkleidung. Ein anderer, gerade umgekehrter Grundtyp ist der, dass man das, was man nur dunkel in sich ahnt und was einem Angst macht, darstellt: Das Unheimliche, das Böse, das Düstere in sich, das man normalerweise zurückzuhalten versucht. Ich nehme an, dass es möglich wäre, noch weitere solche Verkleidungstypen zu definieren.

Was signalisiert, wer im wirklichen Leben ein ganz gewöhnlicher Büezer ist, an der Fasnacht jedoch als Bonze auftritt?

Peter Passett: Das ist ganz offensichtlich eine Wunschvorstellung. Wer sich als Mächtiger verkleidet, signalisiert damit, gerne so sein zu wollen, wenn auch nur vorübergehend. Er lebt also eine Illusion aus, im Wissen selbstverständlich, dies nicht wirklich zu sein. Allerdings wird er vom Umfeld dann vorübergehend als das wahrgenommen. Man kann sich dann versuchsweise so fühlen, wie man sich das vorstellt, und das bereitet Lust.

Und der Spiesser, «die graue Maus», die sich als Indianer, als Eskimo, als Schwarzer verkleidet?

Peter Passett: Darin zeigt sich eine Art umgekehrter Rassismus. Der Eskimo, der Schwarze, der Indianer sind etwas Fremdes, Exotisches. 

Sie dienen als Projektionsfläche, der Vorstellung, sie seien beispielsweise vitaler, stärker, triebhafter; darum beneidet man sie. Aber wenn man sich verkleidet, ist es, als ob man diese Eigenschaften selber hätte.

Es gibt auch Leute, die verkleiden sich als Nonnen oder als Mönche.

Peter Passett: Auch das ist ein Spiel mit dem Gegenteil. Eine Nonne zu verführen, gilt Männern mitunter als besonders attraktive Fantasie. Oder gar, als Mönch der Verführer zu sein. Das akzentuiert nochmals den Überschreitungscharakter der Verführung. 

Dies ist in einer bestimmten Hinsicht umso lustvoller, je verpönter das ist. Eine Nonne und ein Mönch - das sind nun mal Figuren, die nach allgemeiner Vorstellung an einer Fasnacht gar nichts zu suchen haben. 

Hingegen habe ich eben erst gelesen, dass früher Eremiten aus ihren Einsiedeleien eigens in die Städte reisten, um dort an der Fasnacht zünftig Gas zu geben. Auch da sehe ich eine Form von Ausbrechen, wobei sie dann wohl kaum in ihren Mönchskleidern auftraten...

Und was erkennen Sie darin, wenn sich Männer als Frauen verkleiden?

Peter Passett: Eine der wichtigsten Kategorien des Ichs ist die Geschlechterrolle. Als Mann ist mir alles unzugänglich, was nur eine Frau erleben kann. Es hat einen besondern Reiz, dies umzukehren: «Wie wäre es, wenn ich eine Frau wäre?» Es gibt Menschen, für die das weitaus mehr ist als nur ein Fasnachtsjux. Für sie gehört das zur sexuellen Identität und damit auch zu deren Befriedigung.

Nun dient ja die Fasnacht auch dazu, andere Leute auf die Schippe zu nehmen, was meist nicht nur verkleidet, sondern auch maskiert erfolgt. Wer andere «zöiklet», kann nicht erkannt werden. Ist es Feigheit, dass man die Maskierung braucht, um sich überhaupt zu getrauen, anderen die wirkliche Meinung zu sagen?

Peter Passett: Das ist eine sehr moralisierende Optik. Ich glaube das nicht. Tatsächlich kann man gewisse Sachen nicht sagen, weil unsere sozialen Normen das nicht erlauben. An der Fasnacht sind solche Normen teilweise aufgehoben. Die Verkleidung, die ja in aller Regel nicht so perfekt ist, dass einen einer, dem man etwas zu sagen hat, nicht erkennen könnte, ist dann so etwas wie ein Code, der signalisiert: «Hier und heute darf ich das, und du musst es dir gefallen lassen.»

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Peter Passett (*1943) hat in Zürich Psychologie studiert. Dort arbeitet er als Psychoanalytiker in freier Praxis und ist er seit 1961 auch wohnhaft. Dieses Interview von Herbert Fischer mit Peter Passett ist am 22. Februar 2007 im «Tagesanzeiger» erschienen.

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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/