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Kolumne der Redaktion

28.10.2012

Kulturpreis 2012 (5): Laudator Pirmin Bossart über Christoph Erb

Mit den Anerkennungspreisen 2012 sind gestern im Luzerner Theater Radio 3fach und der Musiker Christoph Erb ausgezeichnet worden. Die Laudatio auf Christoph Erb hielt der Journalist Pirmin Bossart. Er hat lu-wahlen.ch sein Manuskript zur Verfügung gestellt.


Hier folgen Legenden.

Bilder: Herbert Fischer

«Das kann ja jeder.»

So heisst es oft, wenn ein Musiker den Anschein erweckt, er blase einfach wild drauflos. Wir haben es soeben selber hören können: Christoph Erb kann natürlich viel mehr, als der Ausspruch «jeder kann das» suggerieren würde. Aber es geht hier nicht um Können, und nicht einmal um Kunst. Kunst ist oft künstlich, Erb ist echt. Seine Musik ist weit mehr ein unmittelbares Energieding als ein akademisches Reflexionsobjekt. 

Was zeichnet den Preisträger Christoph Erb aus?

Ich möchte drei Qualitäten herausheben:

Erb übt

Erb spielt

Erb macht

 

1. Erb übt

Von nichts kommt nichts, lautete eine dieser Volksweisheiten. Auch eine scheinbar wild und regellos dahin treibende Musik wie die improvisierte Musik hat eine Sprache. Die Sprache der Improvisation will gelernt, vor allem geübt sein. Das merkt man spätestens, wenn tadellos geübte Klassiker improvisieren sollen. Sie sind in der Regel total verloren. Sie haben keinen Umgang mit dieser Leere der Notenblätter.

Üben ist das halbe Leben, ich möchte sogar sagen: das Ganze. Christoph Erb liebt das Üben. Ich einnere mich gut, als er von seinem Atelier-Aufenthalt in Chicago heim kehrte und auf die Frage, wie es ihm gefallen habe, sagte: Super. Endlich konnte ich wieder mal stundenlang am Stück üben. Hier in Luzern hat er seit Jahren ein winziges Probelokal im Untergeschoss der St. Karli Kirche. Dort feilt Erb an seiner Klanglichkeit, generiert neuartige Sounds, erfindet Strukturen. Er lotet das Instrument aus, übt es zu handhaben. Um dann auf der Bühne möglichst in jeder Situation gewappnet zu sein, das zu tun, was genau dann getan werden muss.

 

2. Erb spielt

Erb ist einer, der sich gerne spontan mit andern zusammen tut und spielt. Jammt, wie es im Jargon heisst. Bei einer unserer ersten Begegnungen, als Erb noch an der Jazzschule studierte, erzählte er mir am Tresen der Jazzkantine begeistert vom stundenlangen Jammen. Zum Beispiel in Amsterdam, wo er eigentlich ein Jahr lang eine Jazzschule besuchen wollte. Länger als ungefähr drei Wochen hielt er es nicht aus. Was tat er stattdessen? Jeden Tag nahm er an Workshops teil, spielte mit Anfängern, spielte mit Fortgeschrittenen, spielte in einer Big Band. Er hat gejammt, das war seine Schule. Zurück in Luzern, nun wieder an der Jazzschule, wurden John Voirol und Nat Su die wichtigen Lehrpersonen für ihn. 

Christoph Erb hat schon während seiner Ausbildung in Luzern seine erste eigene Band gegründet. erb_gut. Bald weitete sich der Kreis jener, die eine ähnliche Wellenlänge hatten. Junge Musiker wie Hans Peter Pfammatter, Achim Escher, Urban Lienert, Lionel Friedli, Vincent Membrez oder Julian Sartorius, die alle früher oder später die Jazzausbildung in Luzern gemacht hatten. Erb gründete mehrere Bands, für die er auch rege komponierte. Lila, Veto, Big Veto. 

 

3. Erb macht

Es ist deutlich geworden: Erb macht. Erb unternimmt. Erb nimmt das Heft gerne selber in die Hand. Seine Musik ist radikal und anspruchsvoll. Es wäre blauäugig, sie den vereinigten Marktkräften auszusetzen und zu meinen, die Massen würden sich drauf stürzen. Also schaut Erb, dass sie trotzdem zu den Leuten kommt. Dazu sind heutzutage alle Jazzmusiker/innen angehalten, wollen sie vom Fleck kommen. Erb macht das auf seine unspektakulär konsequente Weise. Er geht Risiken ein, probiert. Anbiederung war nie sein Ding.  

2006 bekam Christoph Erb einen Werkbeitrag von Stadt und Kanton Luzern. Mit den 15.000 Franken startete er kurzerhand sein eigenes Label, Veto Records. Inzwischen sind gut ein Dutzend CDs erschienen, dazu fünf weitere CDs auf dem Unterlabel Exchange, wo Erb Projekte mit amerikanischen und andern internationalen Musikern dokumentiert. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich die Veto-Veröffentlichungen in den entsprechenden Szenen recht schnell beliebt gemacht haben. Davon zeugen Bestellungen und wohlwollende bis begeisterte Reviews auf deutsch, englisch, französisch, spanisch, portugiesisch, holländisch und schwedisch. So hält die bekannte Jazzplattform Allaboutjazz fest: “Erb is becoming a notable force within the freer realms of jazz-tinged improvisation.” Und Vital Weekly schreibt über die CD mit Baker und Zerrang: «I was immediately into it from the very first moment and stayed so. A very captivating and communicative work.»

Erb macht. 2009 hat er im Südpol sein eigenes Festival lanciert. Das Veto Festival war überraschend gut besucht – vor allem auch von jungen Leuten, die neugierig auf Erb’s undogmatische Mischverhältnisse von Jazz, Rock, Free Music und Elektronik waren. Mit dem kleinen Überschuss und zusätzlicher Unterstützung doppelte er bald nach und organisierte im Mullbau die Impro-Tage: Drei Abende mit Solos, Duos und Trios. Schliesslich ist Erb auch an der städtischen Musikschule als Dozent aktiv, wo er neben Einzelunterricht Workshops gibt und eine Big Band führt. 

Die Beispiele zeigen: Erb macht für sich, aber er macht auch für andere. Mit dem Label dokumentiert er das Schaffen der aktuellen Jazz-Generation. Er wirkt gemeinschaftsbildend. Das alles formt seine Musik und bringt sie weiter.

 

Die Musik

Seine Musik: Wie lässt sich darüber sprechen, was lässt sie in uns anklingen?

Ich gebe Ihnen zum Abschluss einen Eindruck, wie das die Kritiker sehen. Dabei habe ich mir erlaubt, einigermassen heftig in das Material der Rezensionen einzugreifen, die über seine jüngsten ziemlich radikal und robust klingenden Chicago-CDs geschrieben wurden. Ich habe die Worte in andern Mischverhältnissen neu montiert, um die herkömmliche Wahrnehmung ein bisschen zu sprengen. Ganz im Sinne der literarischen Cut-up-Technik. Es ist sozusagen der zerschnittene und wieder vereinigte, verdichtete Befund dessen, was nachklingt, wenn Erb und seine Musiker ins Horn gestossen und auf die Tasten und Saiten gehauen haben. 

 

Ein Solo-Avantgardist

mit Luft und Spucke

Bratzelt impulsive Sinnesreize

Wunderbar alone

In metallischen Überblasungsexzessen

Wild scharf unhierarchisch –

transatlantischer Kreativitätsclash

 

Drei Freigeister fauchen,

Selbstverständliche Disharmonie

Seelenbefriedet

in Zenstimmung 

 

Im Beinahenichts

Quäkt vulkanisch

Ein aggressives Veto,

Fast tonlos

Der bizarre Dschungel,

Elektronische Vögel,

In wilder Erregung

Gehen Gäule durch

Danach wieder 

Plinkplonkpoesie

 

Freies Zusammenspiel

Von Klassik und Realismus

Mit dem Materialbewusstsein

Von Brötzmann,

Reibung foltert

Reibungshitze, 

Zerklüftete Narben

Mundmalen den Spielfluss

Rumorend

Folgerichtig

Sexy wunderbar

 

In träumerischer Ruhe

trommelt

Die Brotlosigkeit der Klangforschung

Den Mut himmelweit

Ins komplett Wunderbare

 

Dunkle Basspizzicatos 

Zartbitter summend

klöppeln das Tenorsaxophon

zum Gespensterfischen,

Reinkultur der Schnatterorgien

Klangestus der Städtepartnerschaft

mit elektrifizierten Sinnesreizen,

Auf pelzigen Pfoten

Hütet Minimalmusik den Purismus,

Näselnd die Zentrale der Improvisation,

Popverwöhnt,

Ins Kontrast Sein geraten

 

Mitunter sirren Soundpartikel und

bassklarinettistische Kraterlandschaften

präventiv und eindeutig expressionistisch

den Richtungspfeil

über ominöse Verwerfungen,

Räuber-Bande

Quietscht holzig am Spiess

das Spielerische schlabbert

Zwischen Geräuschen und Overdubbings,

Jemand kirrt,

Schnörkellinien

Hinabkreiselnd

kullerig

Knabbern Blechdeckel

An Kanten tockend,

Erdplasmischer Spielfluss

bringt

Virtuositäts-Fetischisten

Zum Schwänzeln

 

Horny Fortgeschrittene 

elefanten und meckern

über den Tellerrand von Chicago,

das Mögliche schnaubt

das Spielerische sprudelt

fischige Pianokeys

klangkleisten

und klimpern

Session Dinge,

Rasend ratscht Erb

Durch Escher-Raum und Synthiegeblubber

Während schroffe Kostproben

Von Soundgewittern

Paläozoisch gefurcht

im globalen Schrill

Seeboden berühren.

 

Pirmin Bossart, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/