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Kolumne der Redaktion

21.09.2012

Der Abschied von Otto Stich (4 - mit Bildern): Die Rede von Professor Dr. Urs Niggli von der Stiftung für biologischen Landbau

Während mehrerer Jahre präsidierte Otto Stich nach seiner Bundesratszeit die Stiftung für biologischen Landbau. Deren heutiger Direktor Prof. Dr. Urs Niggli würdigt in seiner Rede eben die Verdienste Stichs unter dem Titel: «Otto Stich: Realpolitiker und engagierter Visionär».


Wenn die Schweizerische Eidgenossenschaft und ihre Stände einen früheren Bundesrat zur letzten Ruhe geleiten, ist grosses Kino garantiert.

Bilder: Herbert Fischer

Die Erinnerung an die zwölf Jahre, in denen Otto Stich im Bundesrat wirkte, ist vom Ringen um einen ausgeglichenen Bundeshaushalt geprägt. Wie heute die europäischen und amerikanischen Staatschefs im täglichen Kampf gegen die Defizite, war Otto Stich in den Schweizer Medien damals omnipräsent. Noch heute gilt er als der Sparonkel der Nation. Eine erste Lektion im Haushalten erteilte er mir als Bittsteller – eine Rolle, in die man bei jedem Finanzminister automatisch gerät – vor exakt 20 Jahren. Sparen, so meinte er, heisse nicht, kein Geld mehr ausgeben. Es heisse, klare Prioritäten zu setzen. Dort zu investieren, wo die Zukunft liege, alte Zöpfe abzuschneiden dort, wo mit Privilegien keine gesellschaftliche Hebelwirkung mehr erzielt würde. 

Er redete lange über Landwirtschaft und wie notwendig es wäre, radikal über eine Ökologisierungsstrategie nachzudenken. Seine Gedanken überraschten, kamen sie doch von einem trockenen Finanzmann. Otto Stich war zwar ein leidenschaftlicher Bergsteiger und Wanderer. Er liebt seine Bienen. Und die alljährliche Kirschenernte in seinem Garten zelebrierte er. Manchmal, so munkelt man, schauten seine engsten Mitarbeitenden im Finanzdepartement besorgt zu, wie er auf der Leiter herumturnte. 

Doch gerade, weil er Entwicklungen mit der Brille des Ökonomen und Volkswirtschaftlers analysierte, kam er zu überraschenden Einsichten. Mit unserer Subventionspolitik würden die Blumen aus den Wiesen verschwinden, kritisierte er, und mit ihrem Verschwinden seien auch die Bienen bedroht. Die Milchmengen würden ständig ansteigen und damit die Verwertungskosten für den Bund. Die Hochleistungskühe blieben nur noch mit regelmässigem Einsatz von Antibiotika gesund und damit hole man sich auch Probleme mit Resistenzen in der Humanmedizin. 

Otto Stich übernahm deshalb mit grosser Überzeugung 1997 das Präsidium des Stiftungsrates des Forschungsinstituts für biologischen Landbau und förderte dieses während vielen Jahren. Unter seinem Präsidium wuchs die Institution stark. Sie entwickelte ein profundes wissenschaftliches Profil und arbeitete zusammen mit Bauernfamilien an einer zukunftsfähigen Ökologisierungsstrategie. 

Daraus ist heute auch ein gutes Beispiel eines grünen Wirtschaftszweiges geworden, welcher mit Innovation Arbeitsplätze schafft. Den Biobauern bedeutete das Engagement von Otto Stich gesellschaftliche Anerkennung für ihre Pionierleistungen. Der ‚Büezer‘ und die Bauern zogen für einmal am gleichen Strick.

Manchmal taten mir die Volkswirtschaftsminister und die Direktoren des Bundesamtes für Landwirtschaft leid. Sie hatten es nicht leicht, ihr Budget gegenüber den hartnäckigen Fragen des Finanzministers zu verteidigen. Aber seine Fragen waren richtig! Mit der Diskussion um die Agrarpolitik 2014 bis 2017, welche dieser Tage aktuell ist, wird ein weiterer wichtiger Schritt getan, um insgesamt fast 14 Milliarden Franken noch stärker auf Ökologie, Landschaftspflege und Tierwohl auszurichten. Oder, wie Otto Stich zu sagen pflegte: «Öffentliche Geldmittel sollen dem Gemeinwohl und den Zielen der Gesellschaft dienen.»

Bundesrat Otto Stich wird wohl als strenger und erfolgreicher Finanzminister in die Geschichte eingehen. Er war aber auch ein sehr engagierter Vordenker zu Themen, wo ihm die tatsächliche Entwicklung Recht gegeben hat. Er war ab und zu ungeduldig, so sagte er an Anlässen oft: «Wenn der Referent etwas zu sagen hätte, würde er sich kürzer fassen». 

Packte ihn jedoch das Interesse, dann blieb er dran und suchte auch den Widerspruch. Das sei seine Pflicht als Staatsbürger, pflegte er zu sagen. Auch gerade deswegen wurde er von sehr vielen Menschen geschätzt und mit grossem Respekt behandelt.      

Prof. Dr. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick (AG)


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch.


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1. Dezember 2021: Hanns Fuchs schreibt über Herbert Fischer:
http://www.luzern60plus.ch/aktuell/artikel/ein-strurbock-im-medienzirkus

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:
www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/