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Kolumne der Redaktion

21.09.2012

Der Abschied von Otto Stich (2 - mit Bildern): Die Rede von Ständerat Roberto Zanetti

An der Trauerfeier in der katholischen Kirche Dornach würdigt Ständerat Roberto Zanetti den verstorbenen SP-Bundesrat, Genossen und Freund Otto Stich. Er stellte www.lu-wahlen.ch das Redemanuskript zur Verfügung.


Ständerat Roberto Zanetti - hier auf dem Friedhof beim Interview mit dem SF - hielt eine Trauerrede, die viel Respekt und Sympathie erntete.

Bilder. Herbert Fischer

Der Bundesrat liess sich durch Simonetta Sommaruga und Alain Berset vertreten.

Die Altbundesräte Ruth Dreifuss und Christoph Blocher.

Oswald Sigg war unter Otto Stich und weiteren Bundesräten Kommunikationschef und später Vizebundeskanzler.

Fritz Leuthy, früherer Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und einer der profundesten Kenner des Schweizerischen Sozialversicherungssystems.

Der St. Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner ist Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).

Sehr geehrte Trauerfamilie

Sehr geehrte Trauergäste

Auf Wunsch der Trauerfamilie will ich versuchen, ein Bild des politischen Otto Stich zu zeichnen. Nicht des Bundesrates und Staatsmannes, auch nicht des liebevollen Gatten und Familienvaters Otto Stich, sondern ein Bild des rundum politischen Menschen Otto Stich.

Es ist ein persönliches Bild und es erhebt keinen Anspruch auf Objektivität und erst recht nicht auf Vollständigkeit. 

In seinem Buch «Ich blieb einfach einfach» schildert Otto Stich seine ersten Kindheitserinnerungen. 

Otto Stich beschreibt, wie er als Fünfjähriger seinen verzweifelten Vater erlebt hat. Sein Vater sei aufgrund einer Fabrikschliessung arbeitslos geworden und habe nicht gewusst, wovon die Familie künftig leben solle.

Fast achtzig Jahre später erwähnt Otto Stich diese prägende Erinnerung auf der allerersten Seite seiner Autobiographie. 

Damals gab es noch keine Arbeitslosenversicherung. Arbeitslosigkeit bedeutete deshalb soziale Not und Armengenössigkeit. Armengenössigkeit hiess Verlust des Stimm- und Wahlrechts. Das wollte Ottos Vater, ein engagierter Sozialdemokrat und Gewerkschafter, unter allen Umständen verhindern. Ottos Vater verdingte sich deshalb an einen Bauern, um so Armengenössigkeit und den Verlust der politischen Rechte verhindern und die Familie ernähren zu können. 

Die «Verdingarbeit» des Vaters und der grosse Garten der Familie sicherten in der Folge die nackte Existenz der Familie.

Diese Erfahrungen erklären vielleicht das ambivalente Verhältnis des späteren Politikers Otto Stich zur schweizerischen Landwirtschaftspolitik.

Zweifellos haben aber diese frühen Erinnerungen den Freiheits- und Würdebegriff von Otto Stich geprägt.

Freiheit bedeutet nicht einfach, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche einkaufen zu können. Freiheit bedeutet zuallererst mal, überhaupt über die nötigen Mittel zu verfügen, um das Lebensnotwendige einkaufen zu können. Freiheit setzt eine minimale ökonomische Basis voraus.

Otto hat damals gelernt, dass Armut, Selbstachtung und Würde sich nicht ausschliessen müssen. Er muss aber geahnt haben, dass nackte Not und akute Existenzangst die Selbstachtung zerstören und an die Substanz der Menschwürde gehen können.

Das wollte Otto nie mehr erleben.

Um dies zu verhindern, hätte er schnell Karriere machen und zu persönlichem Wohlstand und materieller Sicherheit kommen können. Das Zeug dazu hatte er und aufgrund seiner Erfahrungen als Kind hätte ihm das niemand verübeln können.

Otto Stich wählte den zweiten Weg. Die Verhältnisse sollten verändert werden. Und zwar so, dass nirgends und nie mehr irgendjemand unverschuldet von nackter Not und lähmender Existenzangst bedroht werden sollte. 

Sein künftiges Engagement galt also nicht der Maximierung des eigenen Nutzens, sondern der Mehrung und gerechteren Verteilung des kollektiven Wohlstandes.

Anstoss und Motivation seines politischen Engagements waren seine frühen Erfahrungen, gepaart mit einem grossen Herzen und weniger intellektualistische Analysen und kühne Visionen.

Das mag zwar unspektakulär und unromantisch gewesen sein – aber wirkungsvoller und handfester.

Eher eine Randepisode in Otto Stichs Autobiographie, aber doch wichtig und prägend genug, um sie mehr als 50 Jahre später aufzuschreiben, lässt schon früh eine typische Charaktereigenschaft von Otto Stich erkennen. 

Otto Stich schildert, wie er 1957 als junger, frischgewählter Gemeindeammann von Dornach eine Aussprache bei der Direktion der damals allmächtigen Metallwerke verlangt hatte. Er wollte der Direktion eine überfällige Steuererhöhung schmackhaft machen. Das brauchte eine gehörige Portion Mut. 

An der Fabrikpforte sei er von einem leitenden Angestellten angegiftelt worden, sie bräuchten keine Hilfsarbeiter.

Die Absicht war klar: Mit einer demütigenden Unverschämtheit sollten dem jungen Ammann der Schneid abgekauft und die Herrschaftsverhältnisse im Dorf in Erinnerung gerufen werden!

Man hätte es verstanden, wenn er eingeschüchtert gewesen und unverrichteter Dinge abgezottelt wäre. 

Man hätte auch verstanden, wenn er ausgerastet wäre und dem leitenden Angestellten ein paar Takte Umgangsformen und Respekt vor demokratisch legitimierten Amtsträgern beigebracht hätte. Er konnte nämlich durchaus sehr energisch werden, unser Otto Stich.

Aber nichts von alledem. Otto Stich hält in seinem Buch lapidar fest: «Ich liess mich nicht aus der Ruhe bringen.» Punkt. Schluss.

Dieses Bild hat sich im kollektiven Gedächtnis der Schweiz eingeprägt: Otto Stich, wie er sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen lässt.

Arroganz, Provokation, Demütigungen und läppisches Herrschaftsgehabe können das Rückgrat brechen und das Selbstwertgefühl zerbröseln lassen.

Otto Stich hat uns gezeigt, dass man darauf auch mit trotziger Entschlossenheit und einem selbstbewussten Lächeln auf den Lippen reagieren kann. Das war gut für Otto, das war gut für die Gemeinde Dornach und später war es gut für unser Land.

Einigen Zeitgenossen muss das offenbar als störrisch in Erinnerung geblieben sein. Otto Stich konnte mit diesem vermeintlichen Vorwurf bestens leben.

Hin und wieder war dieser Charakterzug auch für seine politischen Freunde recht anstrengend. Aber mit der Zeit hat man sich damit arrangiert und zu guter Letzt ihn genau deswegen ins Herz geschlossen.

So wird mir und wohl vielen von Ihnen unser Otto Stich in allerbester Erinnerung bleiben:
Als mild lächelnder aber immer engagierter Kämpfer für mehr soziale Sicherheit und mehr Gerechtigkeit. Wenn nötig (und es war häufig nötig), kämpfte er durchaus auch störrisch und trotzig aber immer mit viel Sachverstand und grosser Entschlossenheit. 

Denn mit warmen Worten allein lässt sich die Welt nicht verbessern. Und schliesslich wollte Otto Stich die Welt ein bisschen besser machen. Das ist ihm gelungen und dafür sind wir ihm alle dankbar.

Übrigens: Es überrascht nicht. Im Jahr 1958 sind die Steuern in Dornach mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Metallwerke erhöht worden. Das war Ottos Gesellenstück! Ein paar Meisterleistungen sollten später noch folgen.

Ich entbiete Ihnen, liebe Trauerfamilie, die tiefempfundene Anteilnahme der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der SP Kanton Solothurn, der SP Dorneck-Thierstein und insbesondere der SP Dornach.

Im Namen des Präsidenten des Ständerates, der Vizepräsidentin des Nationalrates und der Vertretung des Bundesrates sowie der Vertretung des Kantonsrates und des Regierungsrates des Kantons Solothurn und der Einwohnergemeinde Dornach darf ich Ihnen die aufrichtige Anteilnahme der Behörden aller staatlichen Ebenen übermitteln.

Sie werden Otto Stich in bester Erinnerung behalten und danken ihm für seine immense Arbeit in zahllosen Gremien des Bundes, des Kantons und der Gemeinde.

Ich bin mir sicher, dass sich weite Teile des Schweizer Volkes diesem Dank anschliessen.

Sie, liebe Trauerfamilie verlieren einen ausgesprochen gütigen und liebevollen Gatten und Vater. Wir verlieren einen verlässlichen Freund und tapferen Kämpfer. 

Wir sind mit Ihnen sehr traurig.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ständerat Roberto Zanetti, Gerlafingen


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/