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Kolumne der Redaktion

30.04.2012

Luzerner Strassenstrich: Vier Fachfrauen alarmieren Parlament

Drei Institutionen, die seit Jahren soziale Angebote und Beratung für Sexarbeiterinnen anbieten, gelangen wegen der gegenwärtigen Situation auf dem Strassenstrich ans Stadtparlament. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) und alle Fraktionchefs haben einen Offenen Brief erhalten, unterzeichnet von vier Fachfrauen, welche diese Szene und ihre Gefahren genau kennen.


Der Brief, den lu-wahlen.ch soeben erhalten hat, ist bereits am 20. April abgeschickt worden. Er hat folgenden Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren

Als Institutionen, die seit Jahren soziale Angebote und Beratung für Sexarbeiterinnen anbieten, möchten wir Ihnen unsere Besorgnis über die aktuelle Entwicklung auf dem Strassenstrich sowie unsere Haltung zum Entwurf eines Strichplanes unterbreiten.

Seit dem Inkrafttreten des neuen Reglements Strassenprostitution ist das Strassenstrichgewerbe auf neue Standorte ausgewichen. Teilweise bieten die Sexarbeiterinnen ihre Dienste an Orten an, die laut dem Reglement nicht mehr erlaubt sind, mehrheitlich werden die Dienstleistungen aber im Gebiet Ibach und an der Riedstrasse (alter Friedhof Friedental) angeboten. 

An diesen beiden abgelegenen Standorten sind die Sexarbeiterinnen grossen Risiken ausgesetzt. Die soziale Kontrolle der Öffentlichkeit fehlt gänzlich, ebenso die Möglichkeit, im Notfall Hilfe von Passanten oder Anwohnern zu holen. 

Die Frauen, die an diesen Orten anschaffen, sind vermehrt auf Hintermänner angewiesen. Männer, die ihnen den erlaubten Platz ausfindig machen, und sie dorthin chauffieren und ihnen einen gewissen Schutz anbieten. Solche abgeschiedenen Plätze können von Hintermännern einfach kontrolliert werden und die Frauen können zunehmend weniger selbstbestimmt arbeiten. Die Dienstleistungen dieser Männern sind natürlich mit Abgaben verbunden.

Die Verlagerung des Strassentrichs auf viele neue Standorte, die sich zum Teil jede Woche verändern, macht die Situation für alle Beteiligten sehr unübersichtlich. Für die niederschwellige Betreuung vor Ort ist dieser Zustand äusserst schwierig und den Frauen fehlt dadurch der Zugang zum Beratungsangebot. Unter diesen Bedingungen kann die Präventionsarbeit zu Themen wie Gesundheit und Gewalt nicht gewährleistet werden.

Wir hoffen, dass der Stadtrat mit dem Entwurf eines Strichplans dieser Situation ein Ende setzt und klarere, verantwortbarere Verhältnisse schafft. Nur dann können die Probleme entschärft und eine erträgliche Lösung gefunden werden.

Für die Sicherheit und das Wohl der Sexarbeiterinnen ist grundsätzlich ein Strassenstrich in einem belebten Gebiet mit Absteigemöglichkeiten in der Nähe vorzuziehen. Die Suche nach einem solchen Ort soll unserer Meinung nach aus diesem Grund sorgfältig und mutig weitergeführt werden.

Zusätzlich zum Strichplan müssen flankierende Massnahmen getroffen werden, um Sicherheit, Sauberkeit und den Zugang zur Beratung zu gewährleisten und zu fördern.

Wo keine soziale Kontrolle stattfinden kann, müssen andere Sicherheitsmassnahmen getroffen werden zum Schutz der Frauen, der aufsuchenden Beratung und der Freier.  Überlässt man die Kontrolle dem Gewerbe selber, können sich sehr heikle Zustände entwickeln.

Es braucht eine einfache Infrastruktur vor Ort. Sanitäre Einrichtungen und genügend Abfalleimer sorgen für Sauberkeit. Dies ist eine Voraussetzung für die Quartierverträglichkeit des Strassenstrichs.

Es braucht eine niederschwellige und spezialisierte Betreuung vor Ort, zum Beispiel  einen Beratungsbus. Die mehrheitlich ausländischen Sexarbeiterinnen sind in der Regel nur kurze Zeit in der gleichen Stadt und in keiner Art und Weise informiert oder vernetzt. Der Bedarf an Information bezüglich gesundheitlichen und rechtlichen Fragen ist gross. Es braucht Unterstützung bei Gewalt und Zwang. 

Die erwähnten Massnahmen müssen auch ohne einen Strichplan dringend getroffen werden. Definierte Zonen machen die Umsetzung solcher Massnahmen  aber einfacher und sparen Ressourcen.

Wir bitten die zuständigen politischen Gremien, Ihre Verantwortung gegenüber allen Beteiligten wahrzunehmen und insbesondere im Bereich der Sicherheit keine Kompromisse einzugehen.

Bei  Fragen oder bei Bedarf an weiterem Austausch zum Thema können Sie uns jederzeit gerne kontaktieren. 

Unterschrieben ist der Offene Brief von:      

- Nicola Neider Ammann, Leiterin Bereich Integration Migration, Katholische Kirche  Luzern
- Doro Winkler, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising, Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration
- Marie-Alice Blum, Bereich Integration-Migration, Katholische Kirche Luzern
- Brigitte Snefstrup, Leitung APiS (Aidsprävention im Sexgewerbe), Aids Hilfe Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/