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Leserbrief von Hans-Jörg Weiss

04.04.2014

Wer im Westen stoppt Erdogan?

Es ist doch schon eigenartig, dass der gesamte Westen - also die EU, Amerika sowie auch die Schweiz - die Annektierung der Krim durch die Russen aufs Schärfste verurteilt haben und Sanktionen gegen die Regierung Putin beschlossen.


Gewiss, Putin hat ein seltsames Verständnis von Demokratie. Doch wo sind die Stimmen, die den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in seinem Diktatorengehabe endlich bremsen?

In keinem Land sitzen so viele Journalisten, Systemkritiker, friedliche Demonstranten sonstige Andersdenkende seit Monaten oder gar Jahren in Haft, ohne jemals von einem Gericht angehört zu werden. Geschweige denn, dass sie verurteilt worden wären.

Putin hat die Krim annektiert, Erdogan schon vor Jahren das eigene Land, das eigene Volk. Weshalb reagiert der West nur zaghaft, frage ich mich. Noch immer wird in der Türkei der Genozid an den Armeniern geleugnet. Das Erbe von Kemal Atatürk, die in den 1920-er-Jahren eingeführte Demokratie, wird mit Füssen getreten und durch eine Islamisierung in der Türkei abgelöst. 

Könnte es vielleicht damit zusammenhängen, dass Erdogan die islamische Religion missbraucht, um den Westen davon abzuhalten, gegen ihn vorzugehen? Weil er vermutet, dass die Staaten im Westen den «Religionsfrieden» wahren wollen? Und dass Europa immer noch schwer vom Holocaust belastet ist? Doch wann beginnt man sich zu wehren? Man lässt Erdogan offensichtlich gewähren und hofft, er beruhige sich, vielleicht, irgendwann. 

Doch Opfer des westlichen Schweigens sind die Menschen in der Türkei. Nach den Kommunalwahlen vom letzten Wochenende, denen Wahlbetrug vorgeworfen wird, verkündete Erdogan in kriegerischem Ton und Inhalt, er werde seine Gegner bis in ihre Höhlen verfolgen und ausrotten.

In Deutschland versuchte die Türkei ein Theaterstück, welches das Armenierdrama zum Inhalt hatte, mit Demonstrationen und Eingriff des türkischen Staates zu verhindern. 

Dazu ist in Deutschlands Medien zu lesen: «Erst schaltet der türkische Ministerpräsident im eigenen Land das soziale Netzwerk Twitter ab, dann schickt er seinen Generalkonsul los, das deutsche Theater zu zensieren.» 

Das sind zwei Ereignisse, die zwar nicht im gleichen Zusammenhang stehen, die für den Armenisch-Akademischen Verein 1860 e.V. (AAV) aber alarmierende Anzeichen sind, dass die Türkei sich mehr und mehr von den Werten westlicher Kultur entfernt und ganz offensichtlich die Annäherung an Europa endgültig aufgegeben hat.  

Mit massiven Protesten hat die türkische Regierung versucht, die Konstanzer Premiere des «Märchens vom letzten Gedanken» nach dem preisgekrönten Roman von Edgar Hilsenrath zu torpedieren. Das Theater hat sich in seinen Planungen nicht beirren lassen, woraufhin der türkische Generalkonsul in Karlsruhe verlangte, den Theaterbesuchern zumindest die türkische Sicht der Dinge nahe zu bringen. Wie aber soll man, fragt der AAV, deutschen Theaterbesuchern erklären, dass die Leugnung eines unvorstellbaren Menschheitsverbrechens, nämlich des türkischen Völkermords an den Armeniern, die Position eines zivilisierten und auf vielerlei Weise mit dem Westen verbundenen Staates sein kann? 

Zensur zu Hause und eine Kampagne gegen die Freiheit der Kunst in Deutschland: Das ist, so der AAV, das Bild, das die Türkei zurzeit den staunenden Beobachtern bietet. Indem Ankara versucht, ein Theaterstück über den Völkermord von 1915 zu hintertreiben, beweist die türkische Regierung einmal mehr ihren Unwillen, sich der eigenen Geschichte zu stellen und endlich einen Einstieg in eine längst überfällige Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in die Wege zu leiten. 

Hans-Jörg Weiss, Luzern


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