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Kolumne von Sepp Riedener

10.05.2013

Sepp Riedener über die Bedeutung von Kontinuität im Umgang mit Randständigen

An der Generalversammlung des Vereins Jobdach Luzern hielt Sepp Riedener ein Referat zum Thema Kontinuität in der Randgruppenarbeit. Er stellt sein Manuskript lu-wahlen-ch zur Verfügung. Sepp Riedener gilt schweizweit als Pionier in der Drogenpolitik und der Gassenarbeit. Dafür ist er unter anderem durch die renommierte Herbert Haag-Stiftung ausgezeichnet worden.


Lieber Vorstand, liebe Mitarbeitende vom Verein Jobdach, liebe Gäste,

Das Wort Kontinuität hat für mich einen zwiespältigen Klang. Kontinuität hat zwei Seiten.

Einerseits denke ich an Sesselkleber im Ständerat, im Nationalrat, in Gremien oder Kommissionen. Das kommt auch in der Sozialarbeit vor. «Wann endlich nimmt er den Hut?», heisst es dann. Oft ist es noch ein Absitzen und Abwarten. Es gibt kaum mehr Innovation.

Es kann auch um Machterhalt gehen. Ein klassisches Beispiel ist Berlusconi in Italien. Da geht es um viel Geld und um viel Selbstgerechtigkeit, um Erhalt von mafiösen Strukturen und um eine Vetterliwirtschaft sondergleichen. Kontinuität wird zu einem Hemmschuh und verhindert neue, wichtige Perspektiven.

Ich denke bei Kontinuität auch an eine festgefahrene Routine, die in einen Trott mündet, der tödlich ist: keine Ausstrahlung mehr, keine Energie mehr, die Arbeitszeit abhocken, das innere Feuer ist ausgelöscht. Null Bock zu nichts. Und hier kann sich dann eine tragische Lethargie entwickeln. 

Diesen Zustand kenne ich bestens auch in der Sozialarbeit. Meine Aufgabe als Personalverantwortlicher bestand dann darin, diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren, einen andern Job zu suchen. Denn es gibt wohl kaum eine schlechtere Voraussetzung für die Randgruppenarbeit als die persönliche Demotivation und menschenverachtende Routine. Wie wollen wir unsere Klientinnen und Klienten zu einem suchtfreien Leben motivieren, wenn wir selber in der Apathie stecken bleiben?

Andererseits ist Kontinuität ein wichtiges Grundelement für eine fruchtbare Begleitung von Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Ihr habt diese Kontinuität sogar zu Eurem Jahresmotto gemacht. Im Jahresbericht hat Annemarie Käch kurz zusammengefasst, worum es bei Kontinuität wesentlich geht: «Bei der agogischen Arbeit mit den Menschen, die sich uns anvertrauen, spielt die Kontinuität unserer Bemühungen eine bedeutende Rolle. Sowohl die Bewohnerinnen und Bewohner des „Obdach“ und des „Wohnhuus“ wie auch die Teilnehmenden der „Wärchstatt“ sind Menschen, die vielen unberechenbaren Faktoren wie Krisen, gesundheitlichen Störungen oder äusseren Schwierigkeiten ausgesetzt sind. Mit kontinuierlichen Angeboten können wir ihnen die dringend nötige Sicherheit und Stabilität im Leben vermitteln und ihnen auf einer guten Vertrauensbasis Lernschritte für die Alltagsbewältigung ermöglichen». 

Diesen Text möchte ich verdeutlichen. In der Überlebenshilfe haben wir es wesentlich zu tun mit Frauen und Männern, die in ihrem Leben fast nur Dis-Kontinuität erfahren haben. Ich denke an S., der in seiner Kindheit wie eine heisse Kartoffel herumgereicht wurde in sechs Pflegefamilien, bis er endlich in einer Familie landete, in der beide Elternteile massive Alkoholprobleme hatten.

Seine «Mutter», wenn sie besoffen war, hat ihn sexuell missbraucht, indem sie ihm Senf auf seinen Penis strich, den Senf aufschleckte und erwartete, dass es ihm auch gefallen hat. Schläge waren an der Tagesordnung, mit Gürtel oder Kabel. So, und noch viel drastischer, hat S. seinen Lebenslauf geschrieben, den ich nach seiner tödlichen Überdosis in seinem Zimmer gefunden habe.

Wenn wir in unserem sozialen Auftrag auf solche und ähnliche Lebensgeschichten Antwort geben wollen, dann reicht es nicht, grosse Reden zu halten, lieb über den Kopf zu streicheln, billig zu trösten, die Menschen zu verwalten. Als Voraussetzung braucht es eine tragende Vertrauensbasis, das heisst Gespräche auf Augenhöhe, absichtslos Zeit haben, ohne Vorurteile auf sie zugehen, lange zuhören können. 

Es braucht eine Compassion. Diese hat nichts zu tun mit Mitleid sondern mit einer Leidempfindlichkeit, mit einer Wahrnehmungspflicht von fremdem Leid. Das alles ist nicht billig zu haben. Das braucht Zeit, das braucht genau diese Kontinuität in der Arbeit und in der Beziehung, die Ihr in diesem Jahr besonders pflegen wollt.

Ich weiss, dass «Nähe und Distanz» in der Sozialarbeit heiss diskutiert wird und grossmehrheitlich die Distanz in der Arbeit empfohlen wird. Ich plädiere für Nähe, für die heilende Berührung. Jesus ist auch ohne Berührungsängste auf die Menschen zugegangen, hat sie in die Arme genommen, den Aussätzigen berührt, sich von der blutflüssigen Frau berühren lassen, den Mann mit der verdorrten Hand in die Mitte gestellt, undoweiter.

Die Menschen, die uns anvertraut sind in unseren Betrieben, sind hungrig nach Zuneigung, nach Zärtlichkeit und absichtsloser Umarmung. Ich höre ihren Schrei nach Akzeptanz, nach Verständnis, nach echter Lebenshilfe, nach Gespräch. Und dieser Prozess bedingt, und ich wiederhole mich gerne, eine Kontinuität im Beziehungsgeflecht. Meine über 30-jährige Erfahrung ist, dass gerade über die Kontinuität in der Beziehungsarbeit kleine Wunder möglich sind. Das sind keine Mutmassungen sondern persönliche Erfahrungen und Feststellungen.

Die Anfrage und auch der Wunsch nach Kontinuität gehen in zwei Richtungen.

Einerseits an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und hierin ist der Verein Jobdach vorbildlich. Ich denke an Eure Betriebe. Die Leiter sind schon viele Jahre an der Arbeit, in einer grossen Verbindlichkeit. Ihr kennt Eure Leute beim Namen und kennt auch ihre Schlitzohrigkeit. Diese Treue dem Verein gegenüber, aber noch mehr den anvertrauten Menschen gegenüber, ist die beste Voraussetzung für echte Hilfe, damit sie ihr Leben in Sucht in den Griff bekommen und – wenn es sein darf – ein suchtfreies Leben beginnen können.

Andererseits hat es im Vorstand, seit der Gründung des Vereins Jobdach vor 17 Jahren, kaum neue Gesichter gegeben. Das ist in meinen Augen echte Sozialverantwortung. Das ist eine Kontinuität, die auch und gerade für die Verhandlungen auf der politischen Ebene mit Stadt und Kanton von grosser Bedeutung ist.

Die goldene Nadel, die Du Annemarie Käch von der Stadt bekommen hast, ist eine Auszeichnung, die gerade die Kontinuität anspricht und noch mehr, sie belohnt! Du hast diese Nadel, zusammen mit all Deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, redlich verdient! Ich mag sie Dir und Euch von Herzen gönnen!

Ihr habt das Stichwort Kontinuität als Motto gewählt. Für mich ist es ein wichtiges Grundelement für die Arbeit mit sucht- und armutsbetroffenen Menschen, mit Menschen, die nur zu oft verletzte Seelen in sich tragen. Sie brauchen unsere Zuwendung, unsere heilende Berührung. Nicht schnell und «husch-husch», sondern in einer grossen Kontinuität!

Dazu wünsche ich Euch viel innere Energie und Stabilität.

Sepp Riedener


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Über Sepp Riedener:

Sepp Riedener ist Theologe und Sozialarbeiter. Seit 37 Jahren ist er in der Katholischen Kirchgemeinde Luzern tätig: zehn Jahre Aufbau der kirchlichen Jugendarbeit in der Stadt Luzern, seit 1985 beim Aufbau des Ökumenischen Vereins Kirchliche Gassenarbeit («Gassenküche», medizinisches Ambulatorium, aufsuchende Gassenarbeit, «Paradiesgässli», Seelsorge bei Randgruppen). 

Pensionierung im Jahr 2008. Seither noch Seelsorger auf der Gasse in einem Teilzeitpensum. Freiwilliges Engagement im Verein Hôtel Dieu (Treffpunkt Stutzegg) und bei den Sans Papiers.

Der 71jährige Sepp Riedener gilt als Pionier in der Gassenarbeit. Für sein jahrzehntelanges und erfolgreiches Wirken ist er unter anderem mit der Ehrennadel der Stadt Luzern und durch die renommierte Herbert Haag-Stiftung ausgezeichnet worden.

Mehr über Wirken und Werke des schweizweit bekannten und anerkannten Sepp Riedener: siehe auf dieser Seite weiter oben unter «Dateien» und unter «Links».