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Kolumne von Rolf T. Spörri

13.06.2018

Wenn Niederlagen Rolf T. Spörri zerstören könnten, wäre er nicht mehr sich selber

Er war Entwicklungshelfer, Kleinklassenlehrer, Oberleutnant der Radfahrertruppen und SP-Grossstadtrat. Er ist fünffacher Vater, sechsfacher Grossvater, unerschütterlicher Linker und unverbesserlicher Optimist. Im Interview sagt der 71-jährige Rolf Theodor Spörri, warum er auch für politische Anliegen kämpft, die eigentlich chancenlos sind.


Für die «Vollgeld-Initiative» war Rolf T. Spörri in den letzten Monaten mehrere hundert Stunden unterwegs. Immer gab er sich als Unterstützer zu erkennen, wie hier mit diesem Button.

Oder mit diesem Anhhänger, den er eigens für diese Kampagne mietete und mit dem entsprechenden Plakat ausrüstete.

Mit den JungsozialistInnen pflegt Spörri regelmässige Kontakte. Er engagierte sich heftig für deren «Inseli-Initiative», welche im Herbst 2017 beim Stadtluzerner Souverän auf Zustimmung stiess.

Bilder: Herbert Fischer

Teppichklopfer als Synonym für böse Frauen: Mit solchen Plakaten ist gegen die Einführung des Frauemstimmrechts gekämpft worden, das im Kanton Luzern und im Bund erst 1971 Tatsache wurde.

Herbert Fischer: Die Vollgeld-Initiative ist am 10. Juni wuchtig abgeschmettert worden. Bist du jetzt am Boden zerstört?

Rolf T. Spörri: Sicher nicht. Wenn ich nach jeder politischen Niederlage am Boden zerstört wäre, wäre ich nicht mehr mich selber: Es geht weiter! Es gibt so viele politische Anliegen, auf Bundesebene ebenso wie hier im Lokalen, die nicht im ersten Anlauf realisiert worden sind. Viele gehen sogar auf den Generalstreik von 1918 zurück, sind aber heute selbstverständlich, weil längst erfüllt und bestens bewährt (Frauenstimmecht, Proporz bei den Nationalratswahlen, Höchstarbeitszeit). Eine Mehrheit der Stimmberechtigten ist offensichtlich noch nicht so weit einzusehen, wie richtig und wichtig die «Vollgeld-Idee» war, ist und – mehr noch – sein und bleiben wird.

Trotzdem: es gab im Vorfeld des 10. Juni 2018 Stimmen, die dieser Initiative 35 Prozent Ja-Stimmen zugetraut hatten. Jetzt sind es bloss 25 Prozent.

Spörri: Ich erwartete sogar 40 Prozent. Ich finde: wenn wir mit unserer Initiative und unserem Abstimmungskampf dazu beigetragen haben, dass die Botschaft nachhaltig verbreitet worden ist, dass die Nationalbank bloss einen kleinen Teil unseres Geldes herausgibt und demgegenüber die Geschäftbanken fiktives Geld (Buchgeld) zuhauf «produzieren», dann haben wir sehr wichtige Aufklärungsarbeit geleistet. Darauf lässt sich aufbauen und genau das werden wir machen.

Klar ist aber auch, dass die Angstkampagne der Gegner – allen voran die Nationalbank, der Bundesrat mit der Bankiervereinigung und die bürgerlichen Parteien – ihre Wirkung erzielt und viele Leute verunsichert hat. 

Es ist übrigens interessant, welche Weltuntergangsszenarien in diesem Land schon eh und je erfunden und beschworen worden sind, wenn die Verwirklichung bestimmter Forderungen bekämpft wird. Ich erinnere hier an das legendäre «Teppichklopfer-Plakat», mit dem gegen das Frauenstimmrecht Stimmung gemacht worden war. Oder mit der Drohung, wenn die Kinderarbeit abgeschafft werde, gehe die Wirtschaft unter. Es gäbe diesbezüglich weitere Beispiele und ich stelle einfach fest: In keiner Gemeinde, keinem Kanton und auch nicht im Bund regieren irgendwelche Teppichklopfer. Und die Wirtschaft blüht und gedeiht fantastisch; sie, die schon so oft untergegangen sein soll.

Aktuell wird dieses Muster in der Debatte über den Vaterschaftsurlaub beschworen: auch hier soll die Wirtschaft untergehen, falls ein vierwöchiger «Papi-Urlaub» eingeführt wird. 

Erst recht auch als aktives Mitglied der Gewerkschaft VPOD bin ich es längst gewohnt, beschimpft zu werden. In der Arbeiterbewegung, meiner politischen Heimat, gibt es eine uralte Weisheit: Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Jetzt hat die «Vollgeld-Initiative» gesamtschweizerisch nur gerade 24,7 Prozent Ja-Stimmen erreicht. Das ist ungefähr so wenig, wie der Wähleranteil von Rot-grün zusammen. Das muss dich doch beschäftigen!

Spörri: Es gab innerhalb der SP und unter den Grünen Leute, welche die «Vollgeld-Initiative» schlicht und ergreifend nicht verstanden haben. Zum Beispiel die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer, die aber öffentlich dagegen aufgetreten ist. Wir müssen in unseren eigenen Reihen unbedingt mehr Bildungsarbeit leisten, vor allem zum Thema Volkswirtschaft. 

Dass eine Abstimmungsvorlage kompliziert sein kann, das gibt es immer wieder. Dann liegt es aber an den Initianten, ihr Anliegen einem breiten Publikum verständlich zu machen und ihm die Meinungsbildung zu erleichtern. 

Spörri: Es ist keineswegs so, dass wir in der Meinungsbildung nichts erreicht hätten. Tatsache ist einfach, dass die SchweizerInnen während Jahrzehnten gar nicht wussten, dass die Geschäftsbanken in erschreckendem Ausmass mit Geld arbeiten, das es gar nicht gibt. Dass dies nicht besser bekannt ist, ist das «Verdienst» genau dieser Geschäftsbanken, die kein Interesse daran haben, dass dies möglichst öffentlich und damit möglichst breit bekannt ist. 

Wie viele andere UnterstützerInnen dieser Initative habe auch ich in unzähligen Gesprächen beim Flugblätterverteilen, an Veranstaltungen und bei anderen persönlichen Begegnungen immer wieder festgestellt: Sehr viele Leute konnten diese Tatsache schlichtweg nicht glauben! 

Unser Verdienst ist es demgegenüber, dass genau dies inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat und dass wir darauf aufbauen können. Ich verspreche hier und darf dies gewiss auch im Namen unzähliger MitaktivistInnen deutlich sagen: das Anliegen kommt wieder auf den Tisch, entweder früher oder später. Ich erinnere übrigens an das Jahr 1891: Damals liess der Bundesrat darüber abstimmen, ob weiterhin 40 Banken 40 unterschiedliche Notenserien drucken durften, oder ob ein Notenmonopol zu schaffen sei, für das später die Nationalbank gegründet wurde.

Oder 1951: Damals verlangte die «Freigeld-Initiative» die Abschaffung der Golddeckung für die Banknoten. Diese Initiative erreicht nur 12,5 Prozent Ja-Stimmen, erfüllte sich allerdings etwa 20 Jahre später, weil die Nationalbank im Nachvollzug einer amerikanischen Massnahme dies verfügt hatte.

Klar ist aber: Ein paar Monate Kampagnenarbeit, wie wir sie soeben für die «Vollgeld-Initiative» geleistet haben, reichen tatsächlich nicht aus, um in den Köpfen zu korrigieren, was sich dort während Jahrzehnten eingenistet hat, nämlich dass kein Hahn danach kräht, dass die Geschäftsbanken Zinsgewinne mit Geld machen, das es real gar nicht gab. 

Offensichtlich betrifft dieser bittere Befund auch den «Heimmarkt» der Initianten, also SP und Grüne. Wäre dem nicht so, hätte das Anliegen «Vollgeld» am 10. Juni 2018 weitaus mehr Stimmen erreicht, als dieses Lager Wähleranteile hat, also etwa 25 Prozent. Eigentlich sollte das Anliegen bei SP und Grünen offene Türen einrennen, weil es ein «Gerechtigkeits-Anliegen» ist. Damit spricht es zumindest theoretisch ein Potential von mehr als 25 Prozent Abstimmenden an.  

Spörri: Da kann ich nicht wirklich widersprechen. Tatsächlich waren selbst Köpfe wie Daniel Lampart, immerhin Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, auf die Idee fixiert, eine höhere Eigenkapitalquote reiche aus, um das «too big to fail-Problem» zu lösen.

Nochmals: keine Geiss leckt weg, dass es Euch Initianten nicht gelungen ist, Euren Hausmächten, also der SP und den Grünen, diese Materie nachhaltig zu vermitteln und sie zur aktiven Kampagnenarbeit zu bewegen. Unter dem Strich bist du von der SP und den Grünen sicher enttäuscht?

Spörri: Ich konnte und kann noch immer nicht verstehen, dass unser Anlegen in diesen Kreisen nicht mehr Unterstützung fand; ja, ich bin enttäuscht.

Du bist 71-jährig und gehörst vor Wahlen und Abstimmungen zum Stadtbild, weil du dann unermüdlich bei Wind und Wetter Flugblätter verteilst, Unterschriften sammelst, mithilfst, Veranstaltungen und andere Aktionen zu planen und durchzuführen. Meist geht’s dabei um «linke» Anliegen, beim «Vollgeld» allerdings nicht; selber hast du stets von einer «ordnungspolitischen Absicht, nicht von einer linken Idee» gesprochen. Wie positionierst du dich eigentlich selber? Es gibt ja bei den Selbstdeklarationen so viele Farbtöne und Schattierungen.

Spörri: Es ist ganz einfach. Mir geht es gut, meiner Familie mit fünf Kindern und sechs Enkelkindern geht es gut, was vielleicht – wer weiss es? – zu einem kleinen Teil auch mein Verdienst ist. Ich bin seit zehn Jahren als Kleinklassenlehrer im Luzerner Maihofschulhaus pensioniert und betrachte es als Verpflichtung und Verantwortung, mich sozial zu engagieren. Das mache ich vor allem bei Fragen der Verkehrspolitik, des Wohnungsbaus, der Arbeitswelt, der Ökologie und damit der Lebensqualität.

So gebe ich der Gesellschaft zum Teil zurück, was sie mir gegeben hat. Zudem bin ich, wie bereits gesagt, seit zehn Jahren pensioniert und habe dafür Zeit.

Nochmals: Wie «links» ist Rolf Spörri? Werden wir konkret. Wie sind deine Positionen zu folgenden Fragen, über die wir abgestimmt haben oder abstimmen werden?

«Konzernverantwortungs-Initiative»: «Klar dafür, ich habe bereits eine entsprechende Flagge bestellt! Warum zum Teufel sollen die Menschenrechte nicht in allen Ländern gelten?»

Parkhaus Musegg: «Nein, unter keinem Titel. Ich half bereits 1977 mit, dass ein Parkhaus-Projekt, ebenfalls im Musegghügel, mit 78 Prozent Nein-Stimmen versenkt worden ist».

Spange Nord: «Nein. Ich habe mich übrigens bereits in den 80-er-Jahren gegen die damalige „Nordtangente“ (Verkleinerung des Pausenplatzes des Maihofschulhauses) gewehrt»».

«1:12-Initiative»: «Ja».

Eigene Wirtschaftsfakultät für die Uni Luzern: «Nein».

«Inseli-Initiative» der JungsozialistInnen: «Ja».

Initiative «No Billag»: «Nein».

Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht: «Ja».

Beschaffung Kampfflugzeug Gripen: «Nein».

Abschaffung der Armee: «Ja, obschon ich bei den Radfahrertruppen Oberleutnant war.».

Gesetz über die Sozialdetektive: «Nein. Ich habe für dieses Referendum übrigens 250 Unterschriften gesammelt, mindestens.»

Es stehen ein paar Abstimmungen bevor, die Dich bestimmt besonders interessieren. Etwa die «Konzerverantwortungs-Initiative», die «fremden Richter» und eben das «Schnüffelgesetz» mit den Sozialdetektiven: Ist mit Dir als Akteur auch bei diesen Kampagnen zu rechnen?

Spörri: Mit jeder Garantie.

Bei allem Respekt vor deiner Unerschütterlichkeit und Geradlinigkeit: Du wirst auch in Zukunft häufiger verlieren als gewinnen. Hast du eine masochistische Ader?

Spörri: Mein Umfeld weiss, wie ich ticke, aber das wird akzeptiert und meine Positionen werden respektiert: Wenn ich von einer Idee überzeugt bin, stehe ich im Rahmen meiner Möglichkeiten auch dafür ein – egal, ob ich reale Chancen habe, zu siegen. Bei jenen Leuten, die mich kennen, gelte ich als das, was auch ich zu sein glaube: als authentisch, auch als einer, der wieder aufsteht, wenn er gestürzt ist. 

Du warst für die SP sechs Jahre im Grossen Stadtrat (1979 bis 1985). Jetzt bist Du Rentner, hast viel Zeit. Wirst Du 2019 als Kantonsrat oder 2020 als Grossstadtrat kandidieren? Du würdest mit jeder Garantie glanzvoll gewählt.

Spörri (lacht herzhaft): Nein, das ist definitiv kein Thema! Ich wirke lieber so weiter, wie ich das in den letzten Jahren gemacht habe. Ich bin lieber auf der Strasse als im Parlament, also unterwegs als Unterschriftensammler für Initiativen und Referenden und als Flugblattverteiler vor Abstimmungen. So bin ich nahe an den Menschen und kann mit ihnen diskutieren. Daneben bleibe ich aktiv in der Gewerkschaft VPOD und widme mich meinen fünf Kindern und ihren sechs Kindern. Das reicht mir und das gefällt mir.

Zudem haben wir in der SP, bei den Juso und in den Gewerkschaften viele gute junge Leute, die ich lieber unterstütze und fördere, als dass ich ihnen einen Platz versperre.

Besten Dank Rolf, für dieses Gespräch.

Interview: Herbert Fischer

Der Interviewer duzt den Interviewten, weil sie sich seit Mitte der 70-er-Jahre näher kennen.


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Über Rolf T. Spörri:

Rolf T. Spörri (* 1946) lebt in Luzern. Er ist ausgebildeter Hochbauzeichner, Primarlehrer und diplomierter Heilpädagoge. Spörri wirkte als Freiwilliger in der Entwicklungszusammenarbeit in Kathmandu (Nepal), Varanasi (Indien) und Tjachiv (Ukraine). Er ist Vater von vier erwachsenen Töchtern und eines ebenfalls erwachsenen Sohnes sowie Grossvater von fünf Enkeln. Bis zur Pensionierung im August 2008 war Rolf T. Spörri während vieler Jahre Kleinklassenlehrer im Luzerner Maihofschulhaus. Von 1979 bis 1985 vertrat er die SP im Grossen Stadtrat.