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Kolumne von René Regenass

22.06.2019

Als Roman Bussmann auf seine 28 Jahre im Grossen Rat zurückblickte

Als Vertreter des Landesrings der Unabhängigen war Roman Bussmann während 28 Jahren Mitglied des Luzerner Kantonsparlaments, das damals noch Grosser Rat hiess. Als er 1986 zurücktrat, traf er sich mit Redaktor René Regenass von den «LNN» und zog Bilanz. Am 13. Juni 2019 ist Bussmann in Sursee im Alter von 91 Jahren gestorben. Das erinnerte Regenass an jenes Gespräch, das hier zu lesen ist.


Roman Bussmann ist am 13. Juni 2019 in Sursee im Alter von 91 Jahren gestorben. Siehe unter «In Verbindung stehende Artikel».

Bild: Eveline Beerkircher

René Regenass (1935) war Redaktor der «LNN» und von «Luzern heute». Er beobachtete und beschrieb während Jahrzehnten die kantonale Politik. Bussmann und er lernten sich in jungen Jahren als Orientierungsläufer kennen.

Bild: Herbert Fischer

Dies ist der Beitrag, den Redaktor René Regenass für die Ausgabe vom 16. Mai 1986 der «Luzerner Neusten Nachrichten» geschrieben hat.

28 Jahre wirkte Landesring-Grossrat Roman Bussmann im Luzerner Grossen Rat. Am vergangenen Dienstag gab er seinen Rücktritt bekannt. Er habe etwas genug von den ausschweifenden, worteichen Debatte, meinte er im Gespräch mit den LNN. Und ohne Grossen Rat bleibt etwas mehr Zeit für das Archiv, für die historisch-biographischen Werke, die Bussmann für den Kanton Luzern bearbeitet.

Das ist typisch für den Journalisten und langjährigen LNN-Mitarbeiter Roman Bussmann: Als wir uns zum Gespräch treffen, sagt er zuerst, er müsse einen Teil seines Archivs zügeln, Schachteln voller Zeitungen und Zeitschriften, voller Bilder auch. Sein Archiv, die Zentralbibliothek, das Staatsarchiv, das städtische und das kantonale Parlament, und bis vor kurzer Zeit auch der LSC-Sportplatz und die Wälder um Luzern, das waren und sind die dominierenden Arbeits- und Lebensräume des 58jährigen Stadtluzerners und Bürgers von Egolzwil.

Roman Bussmann und sein Archiv, das ist nahezu eine Legende. Damit könnten sich drei fähige Journalisten gut und gerne ihren Lebensunterhalt verdienen ... wenn sie das Material zuerst etwas ordnen würden. Da gibt es die Luzerner Tageszeitungen: «Vaterland» und «Luzerner Tagblatt», vollständig seit etwa 1940. Da gibt es die «Schweizer Illustrierte», Ausgabe für Ausgabe, ebenfalls seit den vierziger Jahren, oder die französische Sportzeitung «L`Equipe», das vollständigste Sportorgan der Welt, und Schachteln voller Leichtathletik- und Orientierungslauf-Fachschriften, teilweise von Roman Bussmann selbst herausgegeben.

Der Sport und die Sportberichterstattung sind in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten. Dafür erhielt die politisch-biographische Seite des Archivs mehr Bedeutung. Roman Bussmann arbeitet für den Kanton an historisch-biographischen Werken über die Luzerner Politiker – Regierungs- und Grossräte – von 1831 bis zur Gegenwart. Die Daten für diese Riesenarbeit trägt er vorwiegend aus den Luzerner Tageszeitungen zusammen.

Roman Bussmann verfügt, ausgehend von seiner politischen Arbeit und seinem Archiv, über Hintergrundwissen wie kaum ein anderer Parlamentarier im Raum Luzern. Da müsste es doch eigentlich interessant sein, mitzuwirken, mitzustreiten, Zusammenhänge aus der Vergangenheit und Parallelen zur Gegenwart aufzuzeigen.

Doch Roman Bussmann ist in den letzten Jahren ruhiger geworden im kantonalen Parlament, zu ruhig für seine gute Art des Einwands, der Kritik. Vielleicht fehlte dazu auch der kollegiale Rahmen, der Impulse gibt: Die Fraktion des Landesrings ist kleiner und kleiner geworden. Heute sind es noch zwei Sitze, welche diese Partei belegt. Roman Bussmann hat sie in der Glanzzeit erlebt, mit 13 Grossräten.
Gibt es konkrete Gründe für den Rücktritt? Er sei 1983 erneut in den Grossen Stadtrat und den Grossen Rat gewählt worden und habe damals schon gesagt, dass er nicht volle vier Jahre in beiden Parlamenten mitmachen wolle. «Um auch andern eine Chance zu geben und weil mir der wortreiche Betrieb im Grossen Rat etwas verleidet ist.»

Was hat sich denn seit 1955 im Parlament verändert? Roman Bussmann erwähnt die Fülle der Vorstösse, die nicht mehr bewältigt werden können. «Früher reichte ein Grossrat ein Postulat oder eine Interpellation ein, und andere sprachen zu diesem Thema, wenn es traktandiert wurde. Heute werden oft zum gleichen Fragenkreis drei bis vier Vorstösse eingereicht.»

Unnötig sind für Bussmann jene Vorstösse – hauptsächlich von der Poch (***) –, die nicht auf die kantonale Ebene gehören, eidgenössische oder gar internationale Politik betreffen. «Das macht den Ratsbetrieb mühsamer und irgendwie auch wirkungsloser.» Meinen Einwand, dass Auswirkungen unserer Politik über die Kantonsgrenzen hinaus wirken, lässt Roman Bussmann nicht ganz gelten: «Ich setze voraus, dass die meisten Grossräte solche Zusammenhänge, beispielsweise hinsichtlich Umweltbelastung kennen. Das konsequente Handeln aufgrund dieser Kenntnisse lässt sich nicht erzwingen, indem man den Leuten x-mal das gleiche Grundwissen zu erklären versucht. Und sehr viele dieser Probleme lassen sich gar nicht auf Kantonsebene lösen.»

Da wird deutlich, wie Roman Bussmann in all den Jahren politisch wirksam war: Er suchte nach praktischen Lösungsmöglichkeiten. Er wollte den Leuten keine politischen Theorien verkaufen. «Sonst hätte ich mich einer andern Partei anschliessen müssen, die einer bestimmten Ideologie verpflichtet ist.»

Wo hat Roman Bussmann eine Art Befriedigung in seiner politischen Arbeit erlebt? Die Antwort fällt ihm sichtlich schwer. Dann erinnert er sich an die Auszählung der Wahlresultate im Jahre 1971, als er beim Schreiben eines Zeitungsartikel auf Resultate aufmerksam geworden sei, die ihm nicht ganz geheuer erschienen.

«Da war etwas faul. Und dann habe ich mit Beharrlichkeit erreicht, dass sämtliche Wahlzettel im Wahlkreis Luzern-Stadt noch einmal gezählt werden mussten.» Bussmanns Einsatz führte zu einer nachträglichen Mandatsverschiebung von der Nationalen Aktion zum Landesring. Und mit einer gewissen Genugtuung erinnert sich Roman Bussmann auch an das Wahljahr 1967 zurück, als er für den Landesring die Wahlideen lieferte und die Sitzzahl im Grossen Rat von fünf auf zwölf anstieg. Ein schlafender oder fauchender Luzerner Löwe war damals originelles Werbe- und Plakatsujet, das man einfach nicht übersehen konnte.

Das bringt unser Gespräch auf naheliegende Spekulationen: Steht der Landesring vor einem neuen Aufbruch, kann er wieder Wähler mobilisieren? Roman Bussmanns Antwort ist einfach: «Das ist dann denkbar, wenn die Partei die entsprechenden Leute findet. Das hängt nicht vom Parteiprogramm an, sondern von guten engagierten Köpfen, die etwas unkonventionell Politik machen wollen, auf einer freiheitlichen Basis denken, aber trotzdem kritisch sind.»

Wir sprechen noch vom sozial-liberalen Standort des Landesrings, mit dem Roman Bussmann etwas Mühe hat. «Ich halte wenig von solchen Programm-Grundsätzen. Ich möchte mit praktisch realisierbaren, guten Vorschlägen etwas verändern, verbessern. Das ist meine Vorstellung von politischer Arbeit.»

Wir verabschieden uns. Roman Bussmann geht sein Archiv zügeln.

René Regenass

***: «POCH» hiessen in den Siebziger und Achtziger Jahren die Progressiven Organisationen der Schweiz, die sich klar links von der SP positionierten. Siehe auch unter «Links».

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Kaserne ins Entlebuch verlegen?

re. Ein paar Tage vor seinem Rücktritt reichte Roman Bussmann ein Postulat ein, das sein praktisches und unkonventionelles Denken gut zum Ausdruck bringt. Bussmann verlangt darin eine Verlegung der Kaserne Allmend ins Entlebuch. Als Begründung führt er unter anderem an, ein Waffenplatz im Entlebuch trage zur wirtschaftlichen Erstarkung bei und verschaffe den Rekruten eine Ausbildung in einem Gelände, das eher dem schweizerischen Durchschnitt entspreche. Ausserdem werde die Allmend vom Schiesslärm entlastet und könne als Erholungs- und Messeraum besser genutzt werden. Und schliesslich sei eine Kasernenverlegung ein praktischer Finanzausgleich zwischen Stadt und Land.


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Über René Regenass:

René Regenass (Luzern) war während mehr als 30 Jahren Redaktor der «LNN» und nachher von «Luzern heute».