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Kolumne von René Regenass

31.03.2011

Die Leiden der Zentralbibliothek unter dem Hüst und Hott der Politik

Was gegenwärtig rund um die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern abläuft ist haarsträubend.


Mit solchen Behältern hatte der Umzug des ZHB-Bestandes nach Entlebuch im Februar bereits begonnen, als bekannt wurde, dass die dringende Renovation verschoben wird. Die Auslagerung wird erst Ende Mai vollzogen sein und nachher für die Bücherausleihe in Luzern täglich mindestens zwei Lastwagenfahrten nötig machen.<br><br>Bild: Herbert Fischer

Mit solchen Behältern hatte der Umzug des ZHB-Bestandes nach Entlebuch im Februar bereits begonnen, als bekannt wurde, dass die dringende Renovation verschoben wird. Die Auslagerung wird erst Ende Mai vollzogen sein und nachher für die Bücherausleihe in Luzern täglich mindestens zwei Lastwagenfahrten nötig machen.

Bild: Herbert Fischer

Um die 4 000 Luzerner und Luzernerinnen haben bis jetzt die Petition gegen das schockierende «Aus» für die Sanierung der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) in Luzern unterschrieben. Sie fordern damit eine «sofortige Realisierung des Umbaus und keine leerstehende Bauruine». Die Forderung hat Auftrieb  bekommen durch den positiven Abschluss der Staatsrechnung des Kantons Luzern: 82 Millionen Franken Überschuss! Jetzt will die Regierung den Umbau nur noch um ein statt zwei Jahre verschieben.

Maulkorb für das ZHB-Personal

Die Geschichte wirft ein haarsträubendes Licht auf das Gespür für politische Verantwortung bei den kantonalen Behörden. Das Kantonsparlament hatte im Juni 2010 mit beachtlicher Mehrheit beschlossen, die ZHB für 19 Millionen Franken umzubauen: Baubeginn im Sommer 2011. Im November jedoch stimmte das gleiche Parlament in der Budgetdebatte einer Finanzplanung zu, welche eine Plafonierung der Hochbauausgaben auf 50 Millionen Franken pro Jahr verlangte. Der Regierungsrat hatte 65 Millionen beantragt. Als Folge davon legte der Regierungsrat der Verkehrs- und Baukommission eine korrigierte Liste der Hochbauvorhaben vor, ohne Ausbau der ZHB. Dazu hatte der Kantonsrat nichts mehr zu sagen, weil die Regierung einfach den Beschluss aus der Budgetdebatte umsetzte. Sie muss sagen, wie sie die bewilligten Mittel einsetzen will.

Genau so unverständlich wie diese Geschichte verlief der Kommunikation gegenüber den Betroffenen. Am 11. Januar 2011 hatte die Regierung den Verzicht zum Ausbau der Bibliothek beschlossen. ZHB-Direktor Ueli Niederer erfuhr zuerst an einer departementsinternen Veranstaltung von diesem schockierenden Entscheid. Eine offizielle Information durch die Regierung gab es nicht, das heisst, die Medienmitteilung vom 9 .Februar hätte vielleicht diesen Zweck erfüllen sollen. Das Peinliche dabei: Dem ZHB-Personal wurde zwischen dem Beschluss der Regierung und der Sitzung der zuständigen Kommission des Kantonsrates Ende Januar mehr oder weniger ein Maulkorb verpasst. «Wir hätten nach aussen schweigen müssen, bis die Kommission vom Entscheid in Kenntnis gesetzt worden ist», sagt Ueli Niederer.

Seit dreissig Jahren in Planung

Die Renovation und der Ausbau der Zentralbibliothek sind seit rund 30 Jahren hängig und auch versprochen. «Wir stehen in der ZHB im 32.Jahr der Umbauplanung», sagt Direktor Ueli Niederer. Vor 32 Jahren hat der damalige Erziehungsdirektor Walter Gut eine Arbeitsgruppe zur Lösung der Platzprobleme in der Zentralbibliothek eingesetzt. «Wir sind immer noch mit der gleichen Frage beschäftigt, und die Wechselbäder für das Personal sind einmalig», so Niederer weiter.

Die Sparübung des Kantonsrates steht im direkten Zusammenhang mit der Steuersenkungseuphorie der bürgerlichen Parteien. Der Irrsinn daran: Mit der Verschiebung des ZHB-Umbaus wird gar nichts gespart. Der Kanton verschiebt einfach Ausgaben von 19 Millionen Franken, jetzt nur noch um ein statt zwei Jahre, mit der absoluten Gewissheit, dass die Verschiebung einige hunderttausend Franken kosten und der Umbau später teurer werden wird. Das Fazit: es müssen mehr Steuergelder eingesetzt werden. Noch etwas wirft ein besonderes Licht auf diese zum Teil verlogene Sparpolitik der bürgerlichen Parteien. Während die Ausgaben im Hochbau um rund 15 Millionen pro Jahr gekürzt wurden, ist das Budget im Strassenbau im Jahre 2010 um 7,5 Millionen Franken aufgestockt worden.

Das ist die finanzielle Seite. Daneben gibt es sehr grosse logistische und strukturelle Schwierigkeiten für die bedeutendste Bibliothek im kantonalen Raum, welche auch die privaten Nutzer und vor allem die Studenten und Studentinnen spüren werden. Ausserdem mussten wegen der Verschiebung  drei Kongresse mit je etwa 300 bis 400 Besuchern und Besucherinnen abgesagt werden.

In den Räumen der ehemaligen Tuch Ackermann AG in Entlebuch befindet sich das aktuelle Aussenlager der ZHB, als Sammelstelle für den ganzen Bücherbestand während der Bauarbeiten. Rund 800 000 Bände werden jetzt bis Ende Mai nach Entlebuch transportiert. In wenigen Monaten gibt es in der Bibliothek beim Vögeligärtli praktisch kein Buch mehr. Der Hauptgrund dafür liegt beim Verdikt der kantonalen Gebäudeversicherung, welche schon seit Jahren reklamiert, weil der Magazintrakt in der ZHB den Vorschriften in keiner Art und Weise mehr entspricht. Die Versicherung verlangt den Umbau, sonst müssten Notausgänge und Sprinkleranlagen eingerichtet werden.

Täglich zwei Lastwagenfahrten mit Büchern von Luzern nach Entlebuch und zurück

Hier folgt der zweite Irrsinn: Wegen der Verschiebung des Umbaus durch die Politik, müssen jetzt über drei statt nur zwei Jahre sämtliche Bücher, die in der Ausleihe der Bibliothek bestellt werden, mit dem Lieferwagen von Entlebuch nach Luzern und nach der Rückgabe wieder zurückgekarrt werden. Das macht mindestens zwei Fahrten pro Tag aus. Sobald die Bibliothek in der neuen Universität im Sommer betriebsbereit ist, reduziert sich dieser Aufwand minimal. Dort wird der wissenschaftliche Teil der Bibliothek platziert werden.

Bei den Büchertransporten könnten auch Kapazitätsprobleme auftreten. Die ZHB hat etwa 150 000 physische Ausleihen pro Jahr. Etwa fünfzig Prozent davon betreffen den eher kleinen Bestand an neusten Büchern. Dazu Direktor Ueli Niederer: «Wenn wir diesen Bestand nicht hier an der Hirschmattstrasse haben, gibt es unweigerlich Kapazitätsprobleme bei den Hin- und Rückfahrten von Entlebuch. Die geplanten zwei Fahrten pro Tag garantieren uns lediglich eine Kapazität von etwa 1000 Bänden.» Deshalb überlegt sich die ZHB jetzt, diesen Bestand an neusten Büchern an der Hirschmattstrasse in einer grössereen Freihandbibliothek aufzustellen, wie dies in der Stadtbibliothek der Fall ist. Das Erdgeschoss und das Untergeschoss (und für interne Zwecke auch das erste Obergeschoss) dürfen gemäss Gebäudeversicherung weiterhin, beschränkt auf die Dauer der Verschiebung des Umbaus, genutzt werden.  

Kantonsrat Michael Töngi von den Grünen kritisiert die Regierung, welche in der Antwort auf eine Anfrage verschweige, dass die Verzögerung zu massiven Mehrkosten bei der Beschaffung von Provisorien für die Bibliothek führen werde. «Die Verwaltung, die Ausleihe und der Lesesaal sollten während der Umbauzeit in die heutige Rechtsbibliothek am Hirschengraben gezügelt werden. Diese selbst zügelt im Sommer in die neuen Uni-Gebäude.» Weil der Umbau jetzt verschoben wird, bleiben die fünf Stockwerke am Hirschengraben ein Jahr leer, damit sie dann für die ZHB immer noch zur Verfügung stehen, oder man gibt diese Miete auf und versucht, für den Beginn der Sanierung im Jahre 2012 neue grosse Räume zu finden. Ob dies für die kurze Zeit von zwei Jahren gelingen wird, ist wohl eher fraglich. 

Was kann die Petition bewirken?

Was vermag die Petition des Freundeskreises der ZHB auszurichten? Sie wird vermutlich der für das ZHB-Geschäft zuständigen Verkehrs- und Baukommission des Kantonsrates vorgelegt werden,  welche die Petitionäre anhören muss. Viel bewirken wird die Petition als solche kaum. Die Mehrheit des Parlaments aus den bürgerlichen Reihen wird die Verschiebung des ZHB-Umbaus nicht rückgängig machen wollen. Und SP und Grüne allein können da nichts ausrichten.

SP-Fraktionschefin Silvana Beeler Gehrer weiss, dass Petitionen wenig Wirkung haben: «Wenn der Kantonsrat wirklich will, kann er den ZHB-Umbau problemlos bewilligen. Der Kanton hat aktuell rund 500 Millionen Franken Eigenmittel.» Am meisten ärgert sich Silvana Beeler an der schizophrenen Haltung der bürgerlichen Parteien: «Sie brüsten sich mit dem Bildungs- und Universitätskanton Luzern und lehnen die Mittel für den Umbau der ZHB ab. Das ist nur noch peinlich und lächerlich.» Nino Froelicher, Fraktionschef der Grünen gibt der Petition volle Unterstützung: «Ich meine, dass die Petition und die Reaktionen aus dem Volk bei der Regierung bereits ein kleines Umdenken bewirkt haben.» 

Die Petition und der positive Rechnungsabschluss des Kantons zeigen ihre Wirkung. Noch vor der Bekanntgabe des Rechnungsüberschusses von 82 Millionen sagte Bruno Schmid Fraktionspräsident der CVP im Kantonsrat: «Die Petition ist  nicht entscheidend. Doch angesichts des Millionen-Überschusses werden wir auf die Kürzungen im Hochbau zurückkommen müssen. Das Volk wird es nicht verstehen, wenn wir einst bewilligte Hochbauvorhaben aus Spargründen verschieben und anderseits Millionengewinne ausweisen.»

«Beim Sparen bleibt halt immer etwas auf der Strecke»

Bei den Fraktionspräsidenten von FDP und SVP bleibt man dabei. «Wir können doch jetzt nicht wegen einer Petition das Ganze wieder auf den Kopf stellen», sagt Rolf Born (FDP), Gemeinderat in Emmen. Die operative Verantwortung liege bei der Regierung. Und Guido Müller von der SVP meint: «Der Finanzplan der Regierung soll eingehalten werden. Beim Sparen bleibt immer etwas auf der Strecke.»

Die Regierung hat jetzt ihre operative Verantwortung leicht zugunsten der ZHB korrigiert. Ob der zeitliche Vorzug der Hochbauvorhaben in der Budgetdebatte im Juni vom Parlament so bewilligt werden wird, bleibt immer noch offen.


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Kommentare:
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Thomas Jurt aus Luzern

Montag, 16.05.2011, 15:42 · Mail

Das darf doch nicht wahr sein! Bildung und Kultur werden wieder mal sträflich venachlässigt! Und das scheinbar schon seit Jahrzehnten! Und wo liegt hier das Sparpotenzial?

Ich gehe in die ZB, bestelle ein Buch, bekomme die Mitteilung, dass dieses im Aussenlager Entlebuch liegt und zuerst noch geliefert werden muss, ich muss ein paar Tage warten und kann dann das Buch entgegennehmen. Ich besichtige das Buch zum Beispiel im Lesesaal und gebe es dann zurück. Das Buch muss nun wieder zurück nach Entlebuch transportiert werden. Ist das nicht alles Schwachsinn?

Die Kosten, die dadurch entstehen, könnten problemlos eingespart werden, wenn der nötige Umbau schnellstmöglich begonnen würde. Auch mir als Ausleiher entstehen eventuell zusätzliche Kosten aufgrund der langen Wartezeit.

Jaja, sparen ist immer gut, vor allem, wenn es «nur» eine Minderheit betrifft.

Wann beginnt ihr endlich mit der Sanierung?

 
 
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Über René Regenass:

René Regenass (Luzern) war während mehr als 30 Jahren Redaktor der «LNN» und nachher von «Luzern heute».