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11.10.2015

Ottilia Scherer über Yoga, Respekt und das C im Namen ihrer Partei

Eine Yoga-Lehrerin, die als Nationalrätin kandidiert: Ottilia Scherer aus Hitzkirch hat klare Vorstellungen von einer Politik, die menschliche Werte hochhält. Respekt und Fairness im politischen Alltag liegen ihr besonders am Herzen, erklärt die CVP-Kandidatin, die den Berufsverband Yoga Schweiz präsidiert.


Ottilia Scherer (Hitzkirch) ist Unternehmerin, diplomierte Yogalehrerin YS und Kirchgemeindepräsidentin.

Sie sind seit Jahrzehnten öffentlich aktiv, vor allem im kirchlichen und sozialen Bereich. Dennoch dürfte Ihre Kandidatur für den Nationalrat manche Leute überrascht haben?

Ottilia Scherer: Die Anfrage kam auch für mich selber unerwartet. Doch sie kam zur richtigen Zeit. Ich konnte über Jahre in ganz verschiedenen Aufgaben Erfahrungen sammeln. Jetzt traue ich mir ein Mandat auf Bundesebene zu. 

Was hat Sie letztlich zu diesem Schritt motiviert?

Spontan war es mein Wunsch, mit meiner Kandidatur auf der CVP-Liste als Frau meine engere Heimat, das Seetal, zu vertreten und dazu beizutragen, dass die Partei der Wählerschaft eine voll besetzte und breit abgestützte Liste anbieten kann. Den letzten Anstoss gab jedoch meine Überzeugung, dass unsere Demokratie von der aktiven Teilnahme der Bürgerinnen und Bürger am politischen Geschehen lebt. Diese Verpflichtung nehme ich ernst.

Der Entscheid zur Kandidatur benötigt ja nicht nur Bereitschaft zum Engagement, sondern auch Zivilcourage. Hat man das einfach so?

Nein, aber man lernt es im Lauf der Jahre. Ich stamme aus einer politischen Familie. Bei uns war Politik jeden Tag ein Thema am Familientisch. Das hat mir geholfen, mich mit dem öffentlichen Leben vertraut zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Zivilcourage halte ich übrigens für eine der wichtigsten Tugenden, die man nicht genug trainieren kann. Ich versuche es täglich.

Beeinflusst Ihre berufliche Tätigkeit als Yoga-Lehrerin und -Therapeutin Ihr Denken und Ihre politische Haltung?

Ganz gewiss. Yoga bedeutet ursprünglich «verbinden»: Alles, was dem Leben dient, wird einbezogen und in Zusammenhang gebracht. Daraus folgt ein ganzheitliches, verbindendes Denken und Handeln jenseits von Gewalt und Zwang. Dank Yoga bin ich offen für unterschiedliche Haltungen und betone das jeweils Verbindende.

Ihnen sind der persönliche Stil, der menschliche Umgang und die Fairness in der Politik sehr wichtig. Stehen Sie da nicht auf verlorenem Posten?

Steter Tropfen höhlt den Stein! Ich mache mir allerdings keine Illusionen. Lieber stehe ich auf verlorenem Posten, als dass ich mich einfach anpasse und mir untreu werde. Ebenso entschieden glaube ich aber, dass der Einsatz für Fairness, Anstand und Respekt nie umsonst ist. 

Als amtierende Kirchgemeinde-Präsidentin und Mitglied der Synode stehen Sie auch als Politikerin klar zur Institution Kirche und zu den christlichen Werten. Sehen Sie Chancen, der heutigen Gesellschaft und damit den Wählerinnen und Wählern diese Werte in der Politik schmackhaft zu machen?

Zurzeit ist es Mode, den Kirchen mit viel Kritik und Vorbehalten zu begegnen. Ich bin aber überzeugt, dass die Gesellschaft im Grunde froh ist über alle Institutionen, die Halt bieten und verlässliche Werte pflegen. Selbstverständlich gibt es klare Grenzen zwischen Kirchen und Staat, zwischen Verkündigung und Politik. Diese Grenzen halte ich hoch. Die religiöse Überzeugung ist für mich in der Politik nicht das Rezept, sondern ein Fundament und eine Quelle. Daraus schöpfe ich Ideen und Impulse.

Wie wirkt sich diese von christlichen und humanitären Werten geprägte Haltung konkret auf Ihre politischen Ideen und Schwerpunkte aus, zum Beispiel im Gesundheitswesen?

Leben ist für mich das höchste Gut. Die Politik hat diesem Gut zu dienen. Jedes Leben ist lebenswert. Auch Menschen mit Einschränkungen können ein glückliches Leben haben, wenn Gesellschaft und Politik den entsprechenden Rahmen schaffen.

In diesem Sinn liegt mir beispielsweise die Palliativpflege sehr am Herzen. Der vom Tod gezeichnete Mensch darf nicht ausgegrenzt werden. 

Das Flüchtlingsdrama im Nahen Osten bewegt auch viele Menschen in der Schweiz. Hat es Ihre Ansichten zur schweizerischen Asylpolitik verändert?

Eher bestätigt als verändert! Die jüngsten Ereignisse zeigen den dramatischen Ernst der Lage, woran der Westen nicht unbeteiligt ist. Dass damit auch auf unser Land schwierige Vollzugsfragen zukommen, ist mir klar. Doch nicht die Angst soll den Ton angeben, sondern Entschlossenheit zum verantwortungsvollen Handeln. Ich bin stolz darauf, wie offen sich Gemeinde und Pfarrei Hitzkirch gegenüber Flüchtlingen und Ausländern überhaupt seit jeher zeigten. Das humanitär gesinnte Gastland Schweiz soll es auch in Zukunft geben. Aber auch die aussenpolitischen Bemühungen, die Hilfe vor Ort und die Bekämpfung von Missbrauch und Schlepperwesen müssen verstärkt werden. 

Die Sicherung der Sozialwerke für die nächsten Jahrzehnte ist auf Bundesebene ein grosses Zukunftsthema. Wie denken Sie darüber?

Die Reform der Altersvorsorge gehört in meiner politischen «Rangliste» zu den Schwerpunktanliegen. Ich befürworte das gleiche Rentenalter wie auch Lohngleichheit für Frau und Mann sowie Möglichkeiten zur flexiblen Wahl des Altersrücktritts. 

Sie kandidieren für die CVP. Fühlen Sie sich da gut aufgehoben?

Ich wüsste keine andere Partei, in der ich politisieren möchte. Ich kann offen meine eigene Meinung einbringen. Die Suche nach dem Konsens, nach dem gemeinsamen Nenner ist eine Daueraufgabe in dieser Partei, und das entspricht mir. Zudem wird die CVP aufgrund ihrer Bezeichnung und ihres Programms stets auch an christlichen und demokratischen Werten gemessen. Das ist nicht immer angenehm, aber nötig.

Gibt es Dinge, die Sie in dieser Vorwahlzeit nerven?

Ich fühle mich quicklebendig, auch wenn mich die eine oder andere Sache befremden mag. So sollten nach meinem Empfinden echte Wahlen nicht primär vom Budget oder von einer «sauglatten» Kampagne abhängig sein. Doch ich vertraue auf die Wählerinnen und Wähler, dass sie vor allem Person und Inhalte auf die Waagschale legen.

Wird es bei Ihnen hektisch werden in den letzten Wochen und Tagen vor dem Wahltermin?

Seit Ende Juni bin ich heftig am Ball, und bis am 18. Oktober wird es wohl so bleiben. Das ist eine einmalige Erfahrung für mich, für die ich meine Kräfte einsetze. Letztlich empfinde ich diese Vorwahlzeit sehr bereichernd. Und in eine Mühle pressen lasse ich mich ohnehin nicht.

Interview: Hans Moos, Ballwil

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Siehe dazu weiter unten: ein Kommentar von Pirmin Meier.

Dieses Interview ist erstmals am 2. Oktober online gestellt worden. 


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Pirmin Meier aus Rickenbach

Montag, 05.10.2015, 23:03 · Mail

«Selbstverständlich gibt es klare Grenzen zwischen Kirchen und Staat, zwischen Verkündigung und Politik. Diese Grenzen halte ich hoch. Die religiöse Überzeugung ist für mich in der Politik nicht das Rezept, sondern ein Fundament und eine Quelle. Daraus schöpfe ich Ideen und Impulse.»

Dieser Satz ist stark formuliert, das würde nicht jedes Parlamentsmitglied so hinkriegen. Noch gut fand ich übrigens, dass Papst Gregor XVI., Papst Pius IX. und noch Papst Leo XIII., der Begründer der katholischen Soziallehre, die Bezeichnung «katholisch» oder «christlich» als Parteinamen verboten. Erst im 20. Jahrhundert kamen die politischen Missverständnisse auf diesem Gebiet auf. «Entschlossenheit zum verantwortungsvollen Handeln» tönt auch gut.

Noch interessant ist, dass Asylpolitik im modernen Sinn, wiewohl es dies seit dem Mittelalter gab, eigentlich erst bei der Polenkrise 1830/32 aufkam. Entgegen der Meinung, dass sich Asylanten damals selber versorgen mussten (was zwar um 1848 der Normalfall war), kostete die Asylpolitik schon damals ein Heidengeld. Nämlich die Republik Bern 35 000 Gulden. Der Luzerner Philosoph Troxler bezeichnete damals das Asylrecht als «die Blüthe der Neutralität», das heisst eine klar politische Angelegenheit. Dies traf im Fall der Polen zu. Von diesen 35 000 Gulden, welche Bern noch auf andere Kantone mitabwälzen wollte, hatten die Polen ihrerseits 7000 Gulden zu bestreiten. Es war klar, dass in Sachen Asylpolitik gerechnet wurde und dass diese Politik nie mit freier Einwanderung und noch nie freier Einbürgerung zu verwechseln war.

Insofern lässt sich einiges lernen. Im Sinne der Bergpredigt wäre ohnehin nur die freie Aufnahme von Asylbewerbern eine personale ethische Handlung, der Rest ist Politik. Es empfiehlt sich ein zurückhaltender Gebrauch des Begriffs «Asyltradition». Die Schweiz bot zur Zeit des Zweiten Weltkrieges 300 Personen Asylrecht, praktisch nur solchen, die sich wie die Familie des polnischen Staatspräsidenten selber unterhalten konnten. Die übrigen erhielten bloss den Ausländerstatus. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges beherbergten wir ohne die illegal Versteckten um 235 000 Flüchtlinge, also etwa gleich viel wie in Bayern in den letzten zehn Wochen Aufnahme beantragten. Angesichts dieses Bevölkerungsdrucks ist in der Tat «Sauglattismus» derzeit kein Rezept für den Wahlkampf.

Die letzte CVP-Nationalrätin im Amt Hochdorf war meine Jahrgängerin Rosmarie Dormann, die sich vom «Fasnachtshuhn», wie sie sich am Tag ihrer Wahl nannte, zu einer beachteten Politikerin emporschwang. Der Konsens war für sie wie auch für ihre Kollegin Judith Stamm weniger wichtig als die Treue zu sich selbst auf verlorenem Posten, wie Ottilia Scherer sich ausdrückte. Dies bedeutete dann allerdings, dass die Sitze von Stamm und Dormann mit der Zeit postwendend zur SVP wanderten. Wohl auch aus diesem Grund vertritt Nationalrätin Ida Glanzmann-Hunkeler, nach zwei Amtsperioden nun eindrucksvoll eingearbeitet, eine wieder stärker den Realitäten des Luzerner Landvolkes angepasste Politik.

Ottilia Scherer wird es insofern mit einer Wahl nicht leicht haben, wiewohl die Wahl von Rosmarie Dormann ebenfalls eine grosse Überraschung war.

Pirmin Meier, Rickenbach

 
 
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