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Kolumne von Pirmin Meier

18.11.2017

Philipp Anton von Segesser – Demokrat zwischen Stühlen und Bänken

Am Dienstagabend (21. November) veranstaltet die Universität Luzern einen Anlass zu «200 Jahre Philipp Anton von Segesser». Es sprechen Professor Markus Ries, Kirchenhistoriker, und Dr. Pirmin Meier, Historischer Autor.


Der Flyer zur Tagung (siehe auch unter «Dateien»)

Der Luzerner Staatsmann und Rechtshistoriker Philipp Anton von Segesser (1817-1888) gilt als einer der bedeutendsten konservativen Politiker und Denker der Eidgenossenschaft des 19. Jahrhunderts. Seine Prägung durch die historische Rechtsschule begleitete auch sein politisches Wirken und fand im Spannungsfeld zwischen liberalem Katholizismus und konservativer Politik einen vielfältigen Widerhall.  

Anlässlich des Gedenkens zu seinem 200. Geburtstag organisieren das Institut für Juristische Grundlagen – lucernaiuris – und die Akademische Verbindung Semper Fidelis eine kleine Tagung. Im Rahmen dieses Austausches werden sich die beiden Referenten der Person von Segessers aus politischer und kirchengeschichtlicher Sicht nähern.  

Dr. Markus Ries ist Professor für Kirchengeschichte und Prorektor der Universität Luzern. Von 2001 bis 2006 wirkte er als Rektor der Universität Luzern, 2013 bis 2014 als Dekan der Theologischen Fakultät. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Schweizer Kirchengeschichte, speziell der Neuzeit, sowie die Bildungsgeschichte und die Biographien prägender Gestalten des Schweizer Katholizismus. 

Dr. Pirmin Meier ist Historiker und Schriftsteller. Er war als Redaktor des Aargauer Volksblatts, Bezirkslehrer im Aargau und Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Beromünster tätig.

Die Einleitung und Moderation wird am Segesser-Anlass durch Dr. Michele Luminati erfolgen, Professor für Rechtsgeschichte, Juristische Zeitgeschichte und Rechtstheorie an der Universität Luzern. 

Zur anstehenden Tagung schreibt hier Pirmin Meier, seit Jahren auch Kolumnist auf www.lu-wahlen.ch.

Nachdem sein Biograph – der über Jahrzehnte im Raum Luzern führende Kirchenhistoriker Victor Conzemius (1929 bis 2017) – in diesem Jahr verstorben ist, kam der 200. Geburtstag des wohl bedeutendsten katholisch-konservativen Gelehrten und Politikers, Philipp Anton von Segesser, sowohl in den Medien wie auch im Bereich Bildung und Hochschule eindeutig zu kurz. Es ist aber auch für historische, zeitgeschichtliche und politische Auseinandersetzungen keine Kleinigkeit, sich mit den massgeblichen Gründervätern luzernischer und schweizerischen Politik auseinanderzusetzen. 

Noch heute spürbar sind zum Beispiel die Spätfolgen des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert.

Dass ich dies zusammen mit meinem Historikerkollegen Josef Lang auf eine gegenseitig erhellende unpolemische Art und Weise im Buch «Kulturkampf 1841 bis 2016» (Verlag hier+jetzt) anpacken durfte, ergab ein erfreuliches und weiterführendes Echo. Desgleichen dufte das vor fünf Jahren von der Studentenverbindung Zofingia wie auch den Luzerner Liberalen in die Wege gesetzte Jubiläum des liberalen Revolutionärs Jakob Robert Steiger (1801 bis 1862) als ein Stück politische Aufklärung realisiert werden.

Mit Philipp Anton von Segesser, dem wohl bis heute bedeutendsten Luzerner Rechtshistoriker, soll ein «Demokrat zwischen den Fronten» (Conzemius) vorgestellt werden.

Viel zu wenig ist bekannt, wie stark Segesser in kirchenpolitischen Fragen als konservativer Politiker das Gegenteil eines Reaktionärs war, wie kaum ein zweiter Repräsentant einer «freien Kirche im freien Staat». Er bekämpfte nämlich nicht nur radikalliberale Einmischung in Kirchenfragen, sondern desgleichen einen katholischen Absolutismus und jedwelche geistige Bevormundung. Deswegen drohte Rom, sein Buch über den «Culturkampf» auf den Index der verbotenen Bücher zu setzen, und in Fribourg polemisierte die katholische Zeitung «Liberté»: «Wir fühlen uns verpflichtet, vor der Broschüre des Herrn v. Segesser zu warnen, weil sie eigentlich nur der lebendige Ausdruck des katholischen Liberalismus ist, welcher sich darin gefällt, dem Heiligen Geist über die Leitung der Kirche Ratschläge zu erteilen.»

Bei genauerem Hinsehen hat Segesser, der seinerzeit auch die Sonderbundsführer Siegwart Müller und Bernhard Meyer scharf kritisiert hatte, mit einem herkömmlichen fundamentalistischen Konservativismus nichts am Hut.

Und obwohl er als Verteidiger der Schweiz als eines «Vaterlandes der Christen» das Gesetz zur Einbürgerung der Juden (1866) ablehnte, distanzierte er sich auch von der demagogischen Kampagne seines Aargauer Gesinnungsfreundes Johann Nepomuk Schleuniger. Kein Wunder, hielt dann nach dem Tode Segessers am 30. Juni 1888 kein Geringerer als Bundesrat Emil Welti die Grabrede. Welti war nämlich wie Segesser der Meinung, dass der Kulturkampf das Vaterland ruiniere. Noch bedenkenswert bleibt, dass Segesser 1857, als die ganze Schweiz zur Kriegsbereitschaft gegen Preussen aufgerufen wurde, als einziger im Parlament eine für ihn allzu chauvinistische Resolution nicht guthiess. Und im Gegensatz zur damaligen katholisch-konservativen Doktrin konnte er sich auch für die Todesstrafe nicht erwärmen. 

Segesser war wohl mit seiner strikten geistigen Unabhängigkeit der vielleicht interessanteste konservative Politiker der Luzerner Geschichte. Sich an ihn zu erinnern, müsste zum Beispiel für die CVP eine geistige Herausforderung bedeuten. Es ist erfreulich, dass sowohl Repräsentanten des Schweizerischen Studentenvereins wie auch der CVP-Kantonalpartei sich für diesen Gedenkanlass engagieren. Notabene war Segesser auch einer der ersten, die sich nicht nur patriotisch, sondern auch historisch-kritisch zum Beispiel mit Bruder Klaus auseinandergesetzt haben. Am Anlass sind alle politisch und historisch Interessierten willkommen. 

Pirmin Meier, Rickenbach

Dienstag (21. November, 18:15h) Hauptgebäude der Universität Luzern (Hörsaal 5): 200 Jahre Philipp Anton von Segesser. 


Dateien:
pdf Der Flyer zur Tagung 2.0 M
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Über Pirmin Meier:

Dr. phil. Pirmin Meier (1947), aufgewachsen in Würenlingen AG und wohnhaft in Rickenbach LU, langjähriger Gymnasiallehrer in Beromünster, war zunächst als Journalist und Herausgeber von Büchern (unter anderem bei Suhrkamp-Insel) tätig, später mehrere Jahrzehnte als Gymnasiallehrer (Beromünster) und Lehrerfortbildner. 

Seine Biographien über Paracelsus (6. Auflage im Jahr 2013), Bruder Klaus (3. Auflage in Vorbereitung) sowie Heinrich Federer und Micheli du Crest gelten als epochal und wurden unter anderem mit dem Innerschweizer und dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet. Zu den Themen, die mit der Innerschweiz zu tun haben, gehören bei Pirmin Meier das Buch «Landschaft der Pilger», unter anderem mit der Beschreibung der Schattigen Fasnacht in Erstfeld und einer ersten Studie über den heiligen Gotthard. Ausserdem setzte er sich mit der Biographie von Pater Alberich Zwyssig – von ihm stammt der Text des «Schweizerpsalms», der Schweizer Nationalhymne – auseinander, eingegangen in das Buch über Wettingen «Eduard Spörri, ein alter Meister aus dem Aargau».  

Stark beachtet, mit rund drei Dutzend öffentlicher Lesungen seit dem Erscheinen, etwa in Altdorf und im Bahnhofbuffet Göschenen, wurde die mit grossem Aufwand betriebene Neufassung des berühmten Jugendbuches «Der Schmied von Göschenen», welche Neubearbeitung erstmals die Bedeutung der Walser für die ältere Schweizer Geschichte unterstreicht.  

Pirmin Meier gehörte auch zu den geistigen Promotoren des Films «Arme Seelen» von Edwin Beeler, zu welchem Thema er sich im Sommer 2012 in einer ganzstündigen Sendung «Sternstunde Religion» auf SRF ausgelassen hat. Er lebt in Rickenbach bei Beromünster, arbeitet derzeit an einem Grossprojekt über Schweizer Mystik und schrieb auch den Text für das Oratorium Vesper von Heiligkreuz mit Musik von Carl Rütti, welches Werk am Wallfahrtsort Heiligkreuz vom 3. bis 5. Mai dieses Jahres seine Uraufführung erfahren hat.

Am 7. September 2013 hielt Dr. Pirmin Meier auf der Rigi die Jubiläumsansprache zum Jubiläum 70 Jahre Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV. Für sein Buch «St. Gotthard und der Schmied von Göschenen» machte er bedeutende, für die Geschichte der alten Wege einmalige Recherchen über die alten Wege vor 1231, auch zusammen mit dem Historiker Dr. Hans Stadler-Planzer. In beratender Funktion ist Pirmin Meier tätig für das Filmprojekt «Winkelried» des in Ebikon wirkenden Filmunternehmers Marcel Wolfisberg. 

Mehr über Pirmin Meier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirmin_Meier

Pirmin Meier erhält Innerschweizer Kulturpreis 2008:
https://kultur.lu.ch/-/media/Kultur/Dokumente/preise_auszeichnungen/meier2008.pdf