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Kolumne von Beat Murer

22.11.2017

Abschied von Thomas Alexander Murer

Am 12. Oktober 2017 nahm eine bewegte Trauergemeinde im Friedhof Berlin Friedenau würdevoll Abschied von Thomas Murer, welcher am 22. September 2017 nach schwerer Krankheit viel zu früh von uns gegangen ist.


Thomas Murer kam am 21. November 1953 als jüngstes von fünf Geschwistern in Luzern zur Welt. Seine Kindheit fiel in die lang entschwundene Welt der schweizerischen Fünfziger- und Sechzigerjahre. Eine sehr strenge und geordnete Welt. Er wuchs im Maihofquartier auf. Ein Lehrer hat ihn als intellektuell Begabten aufs Gymnasium geschickt, wo er aber nicht lange blieb, was auch auf seinen unbändigen Freiheitswillen zurückführen war. Dieser machte es ihm schwer, sich in hierarchische Strukturen einzufügen. Die nächste große Probe erfolgte mit der Wehrdienstverweigerung, wo sich Thomas mit der Militärjustiz anlegte, welche damals jungen Menschen, welche aus Gewissensgründen den Dienst verweigern wollten, unbarmherzig mittels Gefängnis bestraften. Dort - auch dies ein für ihn typischer Zug – tat er wiederum den Gefängniswärtern derart leid, dass sie besonders nett und liebenswürdig zu ihm waren.

In seiner Dienstverweigerungszeit war Thomas als Käser - Spezialität Ziegenkäse - auf einem Bauernhof im Jura tätig, während er sich im Gefängnis als fähiger Gärtner erwies. Der begeisterte Landwirt arbeitete auch in einem Kibbuz in Israel, wo er sowohl beim Avocado-Pflücken wie im Kuhstall eine derart gute Figur abgab, dass man ihn länger behalten wollte. Thomas hatte immer ein starkes Bedürfnis, Verantwortung zu übernehmen und den Beruf des Psychiatrie-Krankenpflegers erlernt. 1978 zog er, seiner Rolle als Dienstverweigerungs-Ikone überdrüssig, nach Osnabrück, wo er sich zum „Werkstattleiter für Behinderten-Werkstätten“ ausbilden ließ und in Abendkursen die Matura nachholte. Drei Jahre später schaffte er das Abitur und begann ein Studium der Soziologie. Thomas war ein begeisterter Soziologe.

Später zog Thomas nach Berlin, wo 1991 sein Sohn Antoni zur Welt kam, der wohl wichtigste und glücklichste Wendepunkt in seinem Leben. Thomas war ein hingebungsvoller Vater. Wie haben sich Schweizer in ihrer selbst gewählten Berliner Diaspora gefreut, einen Mit-Schweizer zu treffen, der schon damals stets als Inbegriff des Innerschweizers erschienen ist. Einer dieser Ur-Eidgenossen, eigensinnig auf dem, was ihm richtig und wichtig schien, beharrend, aber stets um das Gute und Beste für alle bemüht.

In Berlin war Thomas zwei Jahre mit der Betreuung von WGs mit Psychiatrie-Patienten tätig, ehe er sich mit dem ihm eigenen Gespür für das Kommende bei Siemens-Nixdorf einer IT-Umschulung unterzog und damit, in den Anfangszeiten der Digitalen Revolution, zu so etwas wie dem Computer-Orakel seines Freundeskreises wurde. 

Seine Affinität zur Kunst und Architektur zeichnete ihn als ausgezeichneten Kenner auch der Architektur aus. So tauschte er sich u.a. auch mit Peter Zumthor, dem internationalen Schweizer Architekten, aus. Die spannenden Führungen durch Thomas in der geschichtsträchtigen Hauptstadt Deutschlands zeigten seine detaillierten Kenntnisse aus, die weit über übliche Stadtführungen hinausgingen. Die Verfolgung der baulichen Entwicklung Berlins nach dem Fall der Berliner Mauer waren für ihn mehr als ein Hobby. Es spricht für die Weltoffenheit von Berlin, dass Thomas als «einfacher» Bürger und Wahlberliner in unmittelbarer Nähe berühmter Berliner wie Ehrenbürgerin Marlene Dietrich und Helmut Newton beigesetzt wurde. Thomas würde bestimmt schmunzeln.

Die Begleitung durch seinen langjährigen Freundeskreis in den letzten Jahren vor seinem Hinschied hat ihm viel bedeutet und er schöpfte daraus viel Trost. Musste er doch nicht nur den Bauchspeicheldrüsenkrebs im eigenen Leib verkraften, eine Erkrankung von der er, der gelernte Krankenpfleger, nur zu gut wusste, was sie anrichten kann, sondern eine wohl damit zusammenhängende handfeste Depression, die allein schon den Stärksten hätte brechen können. Das ist ihr nicht gelungen. Er hat sich beidem, der körperlichen Erkrankung und der Depression, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln widersetzt und dem Bauchspeicheldrüsenkrebs sechs lange Jahre tapfer widerstanden.

Thomas war fasziniert vom Löwendenkmal und hatte dort auch schon mit seinem dannzumal noch kleinen Sohn und dem älteren Bruder einem Konzert unter freiem Himmel in einmaliger spätsommerlicher Atmosphäre beigewohnt. «Fides» und «Virtus», Treue und Tapferkeit, sind die zwei Eigenschaften, die Thomas stets besonders ausgezeichnet haben. Und so, als versteinerten sterbenden Löwen, möchten wir Thomas Murer in Erinnerung behalten: durch die Krankheit verletzt und gefällt, aber weder von ihr noch vom Leben besiegt. Thomas bleibt uns mit all seinen Fähigkeiten, seiner Gast- und Hilfsbereitschaft und seiner Freude am Lesen und am Diskutieren in bester Erinnerung. 

Für seine Berliner Freunde aus nah und fern
Stephen Tree (Berlin) / Beat Murer (Luzern)


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Über Beat Murer:

Beat Murer (*1949) ist in Luzern aufgewachsen, wo er nach dem Besuch der Zentralschweizerischen Verkehrsschule 23 Jahre bei den SBB diverse Funktionen - vom Betriebsdisponenten bis zum Liegenschaftsverwalter - ausübte. Als Weiterbildungen besuchte er den Verwaltungskurs für Luzernische Verwaltungsbeamte und den SVIT-Fachkurs für Immobilientreuhänder.

Bis zu seiner Pensionierung im Frühjahr 2011 leitete er 17 Jahre das Ressort  Wahlen und Abstimmungen der Stadt Luzern. Dies beinhaltete unter anderem die Organisation und Durchführung sämtlicher eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Wahlen sowie diejenigen der katholischen und reformierten Kirchgemeinden. Zudem war er dort bis 2010 für die Prüfung von Initiativen/Referenden/Volksmotionen zuständig. 1990 bis 1992 vertrat er die SP im Grossen Stadtrat und von 1998-2006 war Beat Murer Mitglied des Grossen Kirchenrates der Katholischen Kirche Stadt Luzern.

Beat Murer kandidierte für die glp 2012 als Grossstadtrat.

Sein Motiv, bei lu-wahlen.ch als Kolumnist mitzuwirken: «Ich will so mithelfen, dass verantwortungsbewusste politische Diskurse möglich werden.»