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Kolumne von Felix Kaufmann

11.03.2019

«Wir müssen die Stadt insgesamt als Raum begreifen, den wir selber gestalten und einrichten wollen»

Der 66-jährige Felix Kaufmann ist ein klassischer «68-er». Er ist aber erst mit 58 der SP beigetreten. Und zwar, weil er fand, bei den Eidgenössischen Wahlen 2011 sei das Parlament nach rechts gerückt. Jetzt ist er einer der Köpfe im Widerstand gegen die Stadtautobahn Spange Nord und kandidiert deswegen am 31. März 2019 für die SP in Luzern als Kantonsrat. Hier erzählt er, wie ihn sein Lebenslauf politisiert hat.


15. März 2019: Felix Kaufmann an der Klima-Demo vor der Kapellbrücke.

Bild: Herbert Fischer

Wer Felix Kaufmann fragt, wann und wie er politisiert worden ist, hört detailreichen Geschichtsunterricht vom Feinsten. Denn hier erinnert sich ein Gesprächspartner nicht einfach seines Lebens, sondern er erklärt auch gleich, wie jene Jahre auf ihn gewirkt und was sie in ihm bewirkt haben. Und das in Worten und Sätzen, die druckreif sind, wie sich beim Abschreiben des Gesprächs mit ihm ab Tonband zeigt. Man könnte meinen, hier rede einer, der ein Leben lang bloss politisiert und Interviews gegeben hat. Dabei ist Kaufmann ein klassischer Späteinsteiger, trat der SP erst 2011 bei, als ihn der Rechtsrutsch bei den Eidgenössischen Wahlen alarmierte. Doch der Reihe nach.

«Jene Jahre»: Im legendären Revoltejahr war Sekundarschüler Felix ganze 15 Lenze jung und wuchs im stockbürgerlichen «Söiliamt» auf, zusammen mit Bruder Alfred bei der alleinerziehenden Mutter. Eines der zentralen Feindbilder der «jungen Wilden» waren der «US-Imperialismus» und die Aussenpolitik der USA, vor allem auch ihre Rolle in Vietnam, wogegen nicht allein in den europäischen Metropolen, sondern auch in mehreren Schweizer Städten lautstarker Protest aufflackerte.

Herbert Fischer: Das hat auch sie elektrisiert?

Felix Kaufmann: Die Schweiz war damals ein ausgesprochen konservatives Land. Der Zorn der jungen Leute der «68-er-Bewegung» mit ihren langen Haaren und der lauten Musik war voller Symbole, welche die herrschenden Werte hinterfragten. Es wurde versucht, aus ihnen auszubrechen – das war auch eine sehr kreative Zeit. Gerade auf dem Land waren wir wie eine verschworene Gemeinschaft von Eingeweihten; wer ebenfalls so aussah, gehörte dazu!

Herbert Fischer: War denn auch schon ihr Elternhaus politisch?

Felix Kaufmann: Meine Mutter war sehr offen und ausgesprochen liberal. Ich bin ohne prägende Vaterfigur aufgewachsen. Viele meiner damaligen Freunde hatten sehr autoritäre und sogar gewalttätige Väter. Zweifellos hat mich auch das geprägt.

Eine Berufslehre als Hochbauzeichner hat Felix schon bald abgebrochen. Er jobbte bei der Post und reiste nach England. Unter anderem arbeitete er dort in einem Kinderheim und auf dem Bau. Zurück in der Schweiz hat er nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nicht bereit ist, Militärdienst zu leisten.

Herbert Fischer: Waren sie deswegen «in der Kiste»?

Felix Kaufmann: Nein, ich bin als untauglich befunden worden. Das hat mir einen Prozess vor Divisionsgericht und somit auch den damals üblichen Strafvollzug erspart. Aber das hätte ich auf mich genommen, wenn es denn hätte «sein müssen». Meinem Bruder ging es anders: er musste als Dienstverweigerer sieben Monate ins Gefängnis.

Mit 22 begann Felix Kaufmann in Zürich die kantonale Maturitätsschule für Erwachsene und startete danach ein Germanistik- und Anglistikstudium, das er mit dem Lizentiat abschloss. In diese Zeit fielen die «autofreien Sonntage» als Antwort auf die Ölkrise, was sein Sensorium für Verkehrs- und Energiepolitik schärfte.

Herbert Fischer: Rückblickend war das ein triviales Ereignis von praktisch bloss symbolischem Charakter. Warum hat das denn sie damals derart geprägt?

Felix Kaufmann: Ich wohnte damals bereits in Zürich und ich erinnere mich, wie wir über die Hardbrücke Richtung Rosenberstrasse spazierten und weit und breit kein Auto zu sehen war. Das war eine wichtige Erfahrung; allein schon das Gefühl, dass etwas anders als der tägliche Verkehrsirrsinn möglich ist.

Herbert Fischer: Wäre es eigentlich an der Zeit, so etwas wie diese «autofreien Sonntage» zu wiederholen, um den Verkehrsirrsinn und die Energieverschwendung zu geisseln?

Felix Kaufmann: Die vielen weltweiten Klimademos der Jungen machen mir Mut und geben mir Zuversicht. Ja, ich bin überzeugt, dass grosse Veränderungen vor uns stehen, auch was unsere liebgewonnenen Mobilitätsansprüche angehen. Autofreie Sonntage waren damals die richtige Antwort; in der nahen Zukunft werden wir eine andere, neue und innovative Mobilitätstechnologie einsetzen können, die das traditionelle Autofahren überflüssig machen wird.

Nach dem Studium arbeitete Felix Kaufmann während ein paar Jahren im Dokumentationszentrum des Medienkonzerns Ringier (RDZ) und wechselte dann ins Informationszentrum der Swiss Re. In seiner neuen Vaterrolle waren ihm die oft sportbedingten Spät- und Wochenenddienste im RDZ zu viel geworden.

Felix Kaufmann: Die Zürcher Bewegungsjahre waren aufregend und intensiv, machten dann aber auch einem eher bleiernen Gefühl Platz. Maggie Thatcher und Ronald Reagan regierten die Welt, das Wettrüsten spitze sich zu, «Tschernobyl» führte uns die atomare Apokalypse vor Augen und der Brand in Schweizerhalle bewies, dass dies alles ziemlich nahe bei uns stattfand. Der Jobwechsel zur Swiss Re hatte irgendwie auch damit zu tun; ich musste etwas loslassen, hinter mich bringen, vorwärts schauen.

Auf alle Fälle gefiel es mir dort, denn ich blieb bis zu meiner Frühpensionierung 2010. Es war auch eine spannende Zeit, bei einem wirklichen Global Player zu arbeiten, Berufskollegen auf der ganzen Welt verstreut zu haben und überhaupt: an diesem multikulturellen Umfeld teilzuhaben; rein beruflich eine absolute Bereicherung.

Herbert Fischer: Gab es eigentlich ein klassisches Schlüsselereignis, das sie damals zum Linken gemacht hat, oder geschah das «schleichend»?

Felix Kaufmann: Nein, ein eigentliches Erlebnis gab es nicht: «There was revolution in the air», wie Bob Dylan in den 70-er-Jahren sang; politische Themen waren einfach überall: Befreiungskriege in Asien, Lateinamerika, der Kalte Krieg mit seiner atomaren Bedrohung, die Frauenbefreiungsbewegung, Waldsterben, und so weiter. Alles war politisch, griff in den Alltag und in die privaten Beziehungen ein; nächtelange Diskussionen in den WGs eingeschlossen. Ich verstand mich klar als Teil der APO, also der Ausserparlamentarischen Opposition. Ich erlebte endlose Diskussionen über die Frage, ob man sich der (damaligen) POCH (Progressive Organisationen der Schweiz) anschliessen und so den «Marsch durch die Institutionen» einschlagen sollte; oder ob man – Variante zwei – in die SP beitreten sollte; oder ob man – dritter Weg – im Sinne von Bürgerinitiativen einzelne ganz spezifische Themen befeuern sollte. Ich entschied mich für den dritten Weg. Wir erreichten auf diesem Weg mehrere Erfolge. Zum Beispiel kaufte die Stadt Zürich Häuser, die wir zuvor besetzt hatten und bewahrte sie vor dem Abbruch. In mehreren Quartieren setzten wir verkehrsfreie Strassen, zum Teil «Tempo 20» durch. Und wir setzten Druck auf bezüglich des Parkplatzregimes.

Herbert Fischer: Und das alles in dem so verhassten «Schweinestaat» mit seinem «repressiven System»?

Felix Kaufmann: Aus heutiger Sicht kann man sich kaum vorstellen, wie rückständig und wertkonservativ die Schweiz damals war. Wir wurden ja alle vom Staat überwacht, «fichiert», wie das hiess. Die Veränderungen geschahen dann vor allem in den Städten, was als eine Spätfolge der sogenannten 80-er-Bewegungsjahre gesehen werden muss.

Die selbstverwaltete Rote Fabrik oder das Kanzleizentrum in Zürich, zum Beispiel, waren wichtige Orte für diese einsetzenden Veränderungen: für das Zusammenleben verschiedener Kulturen, für die alternative Kultur insgesamt, für ein neu entstandenes städtisches Lebensgefühl. So veränderte sich «das System» – allen Unkenrufen zum Trotz!

Herbert Fischer: Besonderes Interesse weckte bei ihnen offenbar das weitverzweigte Thema Stadtentwicklung, Urbanität, Lebensraum. Warum?

Felix Kaufmann: In den 80-er-Jahren begann eine Entwicklung, welche die Städte immer attraktiver machte. Immer bessere Bildungs- und Kulturangebote, ein stets verbesserter ÖV, steigende Löhne und andere Verbesserungen, welche die Lebensqualität in den Zentren steigerten, zogen immer mehr Leute an. Dies erkannte die Linke, im Unterschied – beispielsweise – zum Zürcher Freisinn, der daran eigentlich seine helle Freude hätte haben müssen. Mit dem Resultat, dass die Linke in der Stadt Zürich immer stärker wurde. Es ist übrigens bittere Ironie, dass ausgerechnet Avenir Suisse in einer Studie unlängst genau dies belegt hat (siehe unter «Links»).

Herbert Fischer: Schützenhilfe «von rechts» also für «linke Botschaften»?

Felix Kaufmann: Die Studie zeigt vielleicht auch, dass «rechts» und «links» keine tauglichen Begriffe mehr sind und keine wirklichen Positionen beinhalten. «Rechts» und «links» kann man noch gebrauchen, wenn es zum Beispiel um Nationalismus oder Rassismus geht, aber gerade Umweltthemen oder die Städtepolitik zeigen, dass diese Dichotomie überholt ist. Die Studie von Avenir Suisse zeigt, dass die Bürgerlichen in den Städten die falsche Politik machen. In einem Artikel mit dem Titel: «Bürgerliche Stadtpolitik ohne “Urban Groove”» halten die Autoren fest: «Das bürgerliche Lager politisiert dadurch sowohl atmosphärisch als auch inhaltlich an den Bedürfnissen der urbanen Bevölkerung vorbei». Autsch – deutlicher geht es wohl kaum!

Dieses ewige Gejammer der Bürgerlichen wegen zuwenig Parkplätzen für das Gewerbe zum Beispiel, oder die hartnäckige Weigerung, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben, verrate ihre «ländliche DNA», wie Avenir Suisse etwas despektierlich schreibt. Denn, so weiter, «das Auto mag das Transportmittel der Wahl im ländlichen Raum sein, aber viele Stadtbewohner fahren aus Zeitersparnisgründen lieber mit dem ÖV oder dem Velo». Na also! (Siehe unter «Links»).

Herbert Fischer: Hoppla! Das sind für sie als vehementer Gegner der Spange Nord wohl so etwas wie feinste Schalmeienklänge?

Felix Kaufmann: Sicher – das tut gut! Auch hier im Kanton Luzern politisieren die Bürgerlichen total am Volk vorbei. Und speziell fahren der Luzerner Regierungsrat und sein bürgerlich dominiertes Kantonsparlament einen harten Kurs gegen die Stadt Luzern, deren neue politische Ausrichtung ihnen wohl ein Dorn im Auge ist. Nach Jahrzehnten beliebiger Willfährigkeit und des Wirtschaftopportunismus scheint nun auch hier ein neues urbanes Bewusstsein erwacht  zu sein. Plötzlich ist die Stadt nicht mehr einfach eine Geldmaschine, ein Profitcenter, sondern auch, ich betone auch eine Wohnstadt, ein Lebenszentrum, Rekreationsraum. Wir müssen die Stadt insgesamt als Raum begreifen, den wir selber gestalten und einrichten wollen.

Ich sage manchmal spöttisch zu meinen Kollegen: «Die Stadt Luzern ist halt mehr, als das, was Regierungsrat Robert Küng sieht, wenn er aus seinem Bürofenster schaut! Genau das nämlich ist der Fall beim Thema Spange Nord.

Herbert Fischer: Was läuft genau falsch bei der Spange Nord?

Felix Kaufmann: Unsere Kritik konzentriert sich auf drei zentrale Themen.

Erstens: Die Bevölkerung ist nie in die Projektplanung einbezogen worden und wird es wohl auch nie. Das hätte viel, viel früher geschehen sollen.

Aber da die Spange Nord eine Vorbedingung des ASTRA (des Bundesamtes für Strassen) war, um den Bypass zu bauen, konnte es nicht schnell genug gehen. Nun verzichtet das ASTRA auf diese Vorleistung, was die Spange Nord arg in Schieflage bringt.

Zweitens: Der Projekt-Perimeter, also die Ausdehnung des Strassenbauprojekts Spange Nord, ist viel zu eng gefasst.

Hier muss der Kanton nochmals total über die Bücher; das jetzige Projekt kann nicht einmal seine selbstgestellte Aufgabe lösen, nämlich das Zentrum vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Ausser man sieht die Stadt wie RR Küng....

Wir fordern einen vollständigen Verzicht auf dieses Strassenbauprojekt, denn es geht nicht mehr, von linearen Verkehrswachstumszahlen der vergangenen Jahrzehnte auszugehen, weil

drittens, neue Technologien und ein verändertes Mobilitätsverhalten, wie das auch im Rahmen von Klimamassnahmen kommen muss, die bisherige Verkehrsplanung verändern wird.

Es wird in Zukunft weniger Strassen brauchen; es ist darum total unsinnig, jetzt noch Projekte aus dem letzten Jahrhundert umzusetzen, die dann über die nächsten 100 Jahre die Quartiere nachhaltig zerstören. Ein neues, umfassendes Projekt muss darauf abzielen, sich vom traditionellen Auto zu verabschieden.

Herbert Fischer: Wie geht’s weiter? Eigentlich müsste die SP jetzt die bürgerlichen KantonsratskandidatInnen an einem «Ja» oder einem «Nein» zur Spange Nord festnageln. Warum tut sie das nicht?

Felix Kaufmann: Mit der öffentlich zugänglichen Website «Smartvote» lässt sich eine Wahlempfehlung erstellen. Dort werden die Kandidierenden nach ihrer Haltung zur Spange Nord befragt; ihre Antworten lassen sich dann filtern. Im Wahlbezirk Stadt Luzern sind mehr als 120 Kandidierende gegen die Spange Nord, was eine schöne Auswahl bedeutet. Und tatsächlich sind auch ein paar Bürgerliche dabei!

Aber mit der Gretchenfrage nach der eigentlichen Haltung in Sachen Spange Nord berufen sich viele Bürgerliche auf die Tatsache, dass immer noch eine «Variante Verzicht» als Option im Raum stehe und man nun warten müsse, bis die externen Ingenieure eine definitive Variante vorschlagen werden, was auf den Herbst vorgesehen ist.

Für mich ist klar, dass dies nur ein Feigenblatt ist, um vor den Wahlen keine klare Position beziehen zu müssen. Dazu haben sie ein Zauberwort zur Hand, das sie gerne brauchen, sie reden dann von «Denkverbot», wenn sie Ja oder Nein zur Spange Nord sagen sollten. Aber leider verfängt dieses Argument auch bei den Grünen und der GLP: dort herrscht vorauseilender Gehorsam. Und darum verhalten sich die Grünen bezüglich der SP-Initiative gegen die Spange Nord wie ein schmollendes Kind.

Interview: Herbert Fischer


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Über Felix Kaufmann:

Felix Kaufmann (1953) kandidiert im Wahlkreis Luzern Stadt für die SP als Kantonsrat.