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Kolumne von Hasan Candan

16.10.2019

«Ich bin ganz klar ein grüner Roter»

Der Biologe, Betriebswirtschafter, Sportwissenschafter und SP-Kantonsrat Hasan Candan will Nationalrat werden. Seine Themen sind eigentlich «grüner als rot». Aber ein «Sozi« ist er trotzdem.


Bruder Kemal Candan, Deutsch- und Sportlehrer für Flüchtlinge, unterstützt Hasan Candan in seinem Wahlkampf.

Am Fusballturnier Kich-n-Rush spielte Hasan für die Mennschaft Industriestrasse.

28. September 2019: Am «Soli-Lauf» für Flüchtlinge auf der Lidowiese.

Vater Enver Candan - Soziologe, Übersezter und jurisitscher Berater - vertritt die SP im Grossen Stadtrat.

Zusammen mit Holzbauingenieur und Unternehmer Pirmin Jung (Eschenbach, links), CVP-Kantonsrat Hanspeter Bucheli (Sursee, zweiter von links) und Sägewerkbesitzer Martin Dahinden (Hellbühl, rechts) engagiert sich SP-Kantonsrat Hasan Candan dafür, dass das neue Verwaltungsgebäude auf dem Seetalplatz mit Luzerner Holz gebaut wird.

Bilder Herbert Fischer

Herbert Fischer: Sie rennen für ihren Wahlkampf durch den ganzen Kanton. Sind sie ein Endorphin-Junkie (siehe unter «Links»)?

Hasan Candan: Ich mag ausgefallene Ideen und Herausforderungen. Und ich bin ein Bewegungsmensch – im wahrsten Sinn des Wortes: körperlich, geistig, persönlich.

Was bringt denn diese «Secklerei» konkret?

Hasan Candan: Sie meinen «wahkampftechnisch»? Wir Politiker*innen leben in unseren eigenen Blasen, oder «Bubbles», wie man heute sagt; also in unseren eigenen Mikrokosmen. Der Austausch zwischen den Lebensrealitäten und Lebenswelten ist aber wichtig. Erst dadurch verstehen wir, wie andere Menschen denken und vor allem auch fühlen und damit letztlich funktionieren. Durch mein «Laufprojekt» komme ich mit unzähligen Menschen im ganzen Kanton ins Gespräch und finde heraus, was sie beschäftigt und bewegt.

Zudem entspricht das ganz meinem Stil, Wahlkampf zu machen. Als Umweltpolitiker möchte ich meinen CO2-Ausstoss so minimal wie irgendwie möglich halten.

Als sie 2011 gewählt worden sind, trugen sie in der Unterlippe ein Piercing, das seither irgendwie zu ihrem Logo wurde – ein gepiercter Kantonsrat, ungeheuerlich! Jetzt aber fehlt dieses Teil in ihrem Konterfei. Was ist passiert? Wollen sie vermeiden, dass potentielle WählerInnen auf der Luzerner Landschaft durch sie erschreckt werden. Unter dem Motto: «Und so einer will nach Bern»?

Hasan Candan: Ich hatte das Piercing schon, bevor ich 2011 gewählt wurde. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dieses Piercing zu entfernen, weil ich als Kantonsrat gewählt worden bin. Vor etwa einem Jahr wurde ich in einem Luzerner Ausgehlokal darauf angesprochen, wie ich wohl ohne dieses Piercing aussehen würde. Dann habe ich das abgenommen und nicht wieder «montiert».

Sie haben zwei Universitätsstudien abgeschlossen und je einen Mastertitel als Biologe und Betriebswirtschafter. Und jetzt arbeiten sie als Kellner im «Parterre».

Hasan Candan: Den Bachelor in Sportwissenschaften habe sie vergessen (lacht). In der Tat habe ich viel Zeit und Energie in meine universitäre Ausbildung investiert. Alles in allem habe ich knapp zehn Jahre in Bern studiert, aber immer auch gearbeitet, um meine Studien und mein Leben zu finanzieren.

Ich möchte meinen Weg als selbständiger Stadtökologe gehen und wie das halt so ist, braucht man anfänglich zwechs Finanzierung eine Nebenbeschäftigung, die Geld einbrigt. Jetzt arbeite ich allerdings nicht mehr im «Parterre».

Es war aber eine sehr gute Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Auch all die Leute, die im Gastgewerbe arbeiten, tragen zum Funktioniere unserer Gesellchaft und der Wirtschaft bei – gleich wie Ärzt*in oder Busfahrer*in; es braucht alle. Die Arbeit als Kellner gefiel mir sehr, weil ich so in Kontakt mit sehr unterschiedlichen Menschen gekommen bin und sie kennenlernen durfte.

Was ist denn das: ein Stadtökologe?

Hasan Candan: Der Stadtökologe sieht den urbanen Raum gleichzeitig als Lebensraum für den Menschen und die einheimischen Pflanzen und Tiere. Wir sollten sie Städte so planen, dass Menschen und Tiere genug Platz haben. Unzählige Studien beweisen, dass es den Menschen besser geht, wenn sie in einer naturnahen Umgebung aufwachsen und leben.

In unserem täglichen Leben entstehen aber immer mehr Brüche, die Natur verschwindet schleichend aus unseren Städten. Wir müssen sie immer mehr suchen und dafür oft weite Wege gehen. In Holland zum Beispiel werden Hausfassaden so gebaut, dass sie auch Unterschlupf für Fledermäuse und Mauersegler bieten. Oder es werden Pflegekonzepte angepasst, damit das ganze Jahr Blütenpflanzen Nahrung für verschiedene einheimische Wildbienen bieten.
Zusammen mit Investoren oder Entscheidungsträgern wie Genossenschaften, Gemeinden, Architekten oder anderen Gestaltern des urbanen Raumes möchte ich die Natur in der Stadt erhalten und die Lebensqualität erhöhen.

Angefangen habe ich meine Arbeit als Stadtökologe mit der Gründung des Vereins Nature Inclusive Urban Design (siehe dazu unter «Links»).

Artenvielfalt – gibts das denn in der Stadt?

Hasan Candan: Es ist sogar so, dass in den Städten eine grössere Artenvielfalt vorzufinden ist, als im ländlichen Raum. Wenn ich – zum Beispiel – mit dem Zug von Sursee nach Bern fahre, sehe ich lauter flache, grüne Wüsten ohne einen Strauch oder eine Blume. Das sind hochintensiv genutzte Flächen. So verschwinden laufend Lebensräume. Und dies, obwohl unser Umweltbewusstsein eigentlich steigt. Überall wird alles zuasphaltiert, begradigt und säuberlich und reinlich gepflegt. Das ist Gift für die Artenvielfalt und damit auch für unsere Lebensräume.

Apropos Stadt und Ökologie: In den Ballungszentren war es diesen Sommer noch heisser als in den ländlichen Räumen. Sind die Städte falsch gebaut?

Hasan Candan: Jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt. Mit der Klimaerwärmung wird es in den Städten im Sommer zuweilen tatsächlich unerträglich heiss. Die Anzahl Tropennächte ist im letzten Jahrzehnt stark gestiegen und Untersuchungen haben gezeigt, dass die Sterblichkeit, vor allem der älteren Bevölkerung, während den Tropennächten höher ist. Indem wir der Natur wieder mehr Raum geben, können wir die Hitze aus den Städten nehmen.
Verantwortlich für die kühlende Wirkung von Bäumen ist nicht alleine die Baumkrone, die Schatten spendet.

Auch die Fähigkeit des Baumes, Wasser zu verdunsten, trägt massgeblich dazu bei. Beim Verdunsten entzieht der Baum der Umgebungsluft Wärme. Unmittelbar unter dem Baum entsteht eine kühleres Mikroklima. Zudem wird, je grösser ein Baum ist, umso mehr turbulente Luft zum Boden hinunter gemischt, sodass ein angenehmes Lüftchen weht. Wenn wir begrünen, statt zu asphaltieren, reduzieren wir die Hitze in den Städten, halten Wasser zurück und sparen gleichzeitig Kosten beim Unterhalt. So werden die urbanen Räume attraktiver für uns Menschen.

Sie sind eigentlich mehr ein rot-grüner Praktiker und Pragmatiker als ein Visionär?

Hasan Candan: Klar habe auch ich Visionen. Wenn es darauf ankommt, sie umzusetzen, bin ich allerdings mehr daran interessiert, uns alle einen Schritt weiter zu bringen, statt sich zu verkeilen. Ich suche also stets den Dialog mit politisch Andersdenkenden.

Allerdings gibt es Grundpositionen, die für mich nicht verhandelbar bin. Etwa, wenn es um Gleichberechtigung und Chancengleichheit geht.

Also: Rechte müssen für alle Menschen gleich gelten; egal, welche sexuelle Orientierung sie haben. Eine sehr hohe Bedeutung hat für mich die Frage, wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Anders gefragt: Sind sie eigentlich roter als grün oder grüner also rot?

Hasan Candan: Ganz klar ein grüner Roter!

Warum überhaupt sind sie bei den «Sozis» und nicht bei den Grünen?

Hasan Candan: Interessanterweise wurde ich das in den letzten Wochen immer wieder gefragt. Vielleicht, weil ich mich umweltpolitisch stark engagiere. Das zeigen auch Vorstösse (siehe unter «Links»).

Ich habe ein positives Menschenbild und glaube an das Gute im Menschen gemäss Jean Jacques Rousseau (siehe unter «Links»). Die andere treibende Kraft ist der Gerechtigkeitsgedanke gemäss John Rawls (siehe unter «Links»).

Leider aber ist es heute so, dass Leute mit genug Geld grössere Autos fahren. Selbst, wenn dieses Fahrzeug vergleichsweise umweltschonend ist und wenn die Häuser solcher Leute energieeffizient sind und sie «klimafreundliche Reisen» buchen, ist ihre Lebensweise insgesamt alle andere als CO2-neutral. Die beste Klimabilanz haben immer die Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten. Ihr Konsum ist beschränkt, ihre Mobilität meistens eingeschränkt. Wir müssen also aufpassen, welche konkreten Massnahmen gegen die Erderwärmung wie umgesetzt werden.

Ich plädiere für Augenmass und Fingerspitzengefühl. Leute mit hohen Einkommen können problemlos etwas mehr ausgeben für den Umweltschutz, für Leute mit wenig Einkommen, wird der Lebensstandard allerdings gesenkt, wenn umweltpolitische Massnahmen nicht sozial abgefedert sind.

Aus diesem Grund gilt es, in der Klima-Debatte für Klima-Gerechtigkeit zu sorgen. Das gleich gilt für das Roadpricing. Sollen sich nur noch Wohlhabende Mobilität leisten können? Da bin ich entschieden dagegen.

Bei der Planung des neuen Verwaltungsgebäudes  des Kantons auf dem Seetalplatz spielen sie offenbar eine wichtige Rolle.

Hasan Candan: Ein wichtiges Thema meines politischen Wirkens ist die Förderung von Luzerner Holz als einheimischer, nachwachsender, CO2-neutraler Rohstoff, welcher über herausragende bauliche Eigenschaften verfügt. Zudem erhalten und schaffen wir so lokale Arbeitsplätze und können verschiedene Arten fördern. Mauersegler zum Beispiel nisten in Holzdächern und nicht auf Beton-Flachdächern. Ich bin übrigens weder Waldbesitzer, noch mit der kriselnden Waldwirtschaft in irgendeiner Form verbandelt.

Im Kantonsrat stand der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes zur Debatte, ein sehr grosses Bauprojekt am Seetalplatz. Ich dachte: Warum können wir hier nicht ein Zeichen setzen und dieses Gebäude mit Luzerner Holz bauen? Also verfasste ich einen entsprechenden Vorstoss. Der Regierung und vor allem der zuständige Regierungsrat Marcel Schwerzmann hatten daran gar keine Freude und versteckten sich hinter irgendwelchen Vergabe-Bestimmungen. Der Kantonsrat hat meinen Vorstoss aber schliesslich überwiesen und nun geht es darum, der Regierung genau auf die Finger zu schauen, dass sie ihn auch korrekt umsetzt.

Momentan läuft eine «Pestizid-Debatte»: Worum geht’s und welches ist ihre Position?

Hasan Candan: Wir werden bald darüber abstimmen, ob wir Landwirt*innen noch weiter subventionieren sollen, wenn sie bei der Nahrungsmittelproduktion Pestdizide einsetzen. Dazu muss man wissen, dass das Einkommen der Landwirte zu mindestens 20 Prozent aus Direktzahlungen besteht und dies also substanzielle Beiträge sind. Gleichzeitig werden diese Subventionen aus Steuergeldern finanziert. Nun besteht ein immer grösseres öffentliches Interesse, dass Lebensmittel nicht mehr so produziert werden, dass sie unsere Insektenvilefalt und die Biodiversität gefährden oder unsere Gewässer verschmutzen.

Verschiedenen Pestiziden wie zum Beispiel Glyphosat im Produkt Roundop werden krebsfördernde Wirkungen zugeschrieben.

Es geht also um unsere Gesundheit. Die Produktion unserer Lebensmittel muss langfristig ausgelegt sein, unsere Gesundheit schützen und die Biodiversität fördern.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern


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Über Hasan Candan:

Hasan Candan - hier folgt bald sein Steckbrief.