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Kolumne von Edwin Beeler

31.07.2011

Wo meine Liebsten sind, ist mein Zuhause

HEIMAT-DEBATTE (5) - Heimat, ein strapazierter Begriff. Diffus tauchen neben ihm bedeutungsschwere, teils aus historischen Gründen auch schwer belastete Wörter auf wie Nationalismus, Nationalheld, Patriotismus, Denkmal, Landeshymne, Schweizerkreuz, Guggerzytli, Geranientrögli. Heimat, die ich meine, hat damit nichts zu tun.


Wo meine Liebsten sind, dort bin ich zu Hause. Ich habe nur ein Zuhause. Es steckt in mir drin, lässt mich gleichzeitig leben, träumen, feiern, hadern, schimpfen und auch oft verzweifeln. Mit mir und meinem Zuhause. Dort wohne ich nicht nur, dort lebe ich. Dorthin möchte ich wieder hin, wenn ich über längere Zeit in der Ferne war, auf Reisen war, Gast in der Heimat anderer war.

Heimat hat mit individuellen Gefühlen zu tun

Vielleicht könnte man das auch die eigenen inneren vier Wände nennen, mit denen ich machen kann, was ich will. Nägel einschlagen, neu streichen, leer lassen oder mit Bildern behängen, möblieren, aber auch niederreissen und neu aufbauen. Ohne, dass ein Eigentümer reklamiert oder mir vorschreibt, was ich damit anstellen darf, beziehungsweise zu unterlassen habe. Vielleicht ist das Heimat: meine eigenen inneren vier Wände, das Zuhause meiner Seele, das Land, wo ich mich wohl fühle, mich meiner selbst bewusst machen kann, womit ich mich identifizieren kann. Heimat, die ich meine, scheint also etwas mit individuellen Gefühlen und dem Selbstverständnis der eigenen Identität zu tun zu haben.

Heimat kommt von innen

Natürlich brauchen diese inneren Wände auch Fenster, sonst wird es stickig, dunkel und eng. Es braucht den Blick nach draussen, die Türe nach draussen, die auf die Quartierstrasse führt, die sich wiederum mit der Hauptstrasse verbindet und mich mit den Nachbarn. Und damit bin ich in der Welt draussen, die auch in mir drin ist, in der ich gleichzeitig Einheimischer, Gast und Fremder bin.

Ich meine also: das Gefühl von «Heimat» ist etwas, was sich in mir drin manifestiert. Und ebensowenig wie Liebe lässt sich auch ein Gefühl von «Heimat» nicht von aussen aufzwingen, in eine bestimmte, etikettierte Schublade einordnen, geschweige denn mit angestrengt patriotischen Gesten inszenieren.

Wer bestimmt, wer Schweizer ist?

Mir graut vor jenen Politikern und Politikerinnen, die (vor allem in Zeiten der Wahlen oder rund um den 1. August) ihre angeblich heimatlich orientierte Gesinnung mit patriotischem Pathos den Wählerinnen und Wählern verkaufen wollen, indem sie sich vor National-Denkmälern beispielsweise in Altdorf, Bauen, Morgarten oder Stans in Pose werfen, mit verkrampfter Hand auf der Brust, den Blick am Fotoobjektiv vorbei fest in eine imaginäre Ferne gerichtet, kostümiert mit der Tracht einer Entlebucher Bäuerin beispielsweise, ohne je selber als Landwirtin im Entlebuch gelebt und gearbeitet zu haben oder dort auf einem Bauernhof aufgewachsen zu sein. Mir graut es deshalb, weil diese Pose so verlogen ist: «Seht her, wie patriotisch und schweizerisch ich bin, wählt mich!» Mir gruselt davor, weil sie so nationalistisch, so autoritär ausgrenzend ist: «Wer sich nicht so verhält wie ich und denkt wie ich, ist keiner von uns, ist keine Schweizerin, kein Schweizer.» Wie aus ferner, brauner Zeit scheint hier ein Echo nachzuhallen: «Wer Schweizer ist, bestimme ich!»

Testfall Rothenturm

Lange ist es her, als ich den Film «Rothenthurm – Bei uns regiert noch das Volk» gemacht habe. Der Film wollte den Widerstand der – damals vorwiegend bäuerlichen – Dorfbevölkerung gegen ein Waffenplatz-Bauprojekt der Eidgenossenschaft dokumentieren. Das Vorhaben wäre mitten in ein Hochmoor hineingebaut worden und hätte das Land dutzender alteingesessener Personen, Familien und Körperschaften aufgefressen. Diese ihre Heimat, wie sie meinten, wollten sie sich aber nicht abkaufen lassen. Man drohte mit Enteignung. Die Annahme der Initiative zum Schutz der Moore hat das Bauvorhaben schliesslich beerdigt – zum Missfallen der damals tonangebenden politischen und militärischen, mithin sich patriotisch gebärdender Kreise.

Schützenhilfe eines Urner Ständerats

Einige Politiker, die sich für solche Patrioten hielten, waren damals empört, dass dieser Film vom Kanton Luzern und vom Bund mit bescheidenen Mitteln mitgefördert worden war. Sie liefen bei den Behörden Sturm, bekämpften mich und meinen Filmerstling, ohne ihn aber selber gesehen zu haben. Einer jener Politiker kommentierte, ich sei gegen die Landesverteidigung und würde auf Kosten der Allgemeinheit studieren; das, obschon er selber einen Doktortitel führte. Auf der anderen Seite gab es aber auch besonnene Politiker wie jenen damaligen Urner Ständerat, der sich selber ein Bild machen und diesen Film anschauen wollte. Nach der Visionierung meinte er zu mir: «Es muss möglich sein in einer Demokratie und in unserem Land, solche Filme staatlich zu fördern und zu machen.»

Nach diesen Ereignissen habe ich mein Studium abgeschlossen – auf Kosten meiner Eltern, ohne grosszügige Stipendien. Ich bin heute noch stolz auf meinen Titel, den mir damals die Universität Zürich nach bestandenen Prüfungen verliehen hat; es soll ja eine angeblich besonders senkrechte Wahl-Schweizerin geben, die mit dem Verkaufen von Phantasie-Uni-Titeln reich geworden und damit ihre Nationalrats-Wahlkampagnen finanziert.

Nein, Heimat, die ich meine, braucht keinen Zwang zum Herunterleiern der Nationalhymne. Sie braucht keinen Hurrah-Patriotismus, braucht kein Kostüm, keine Denkmalkulissen, braucht keinen hohlen Pathos, keine Gesinnungsdiktatur, sonst verkümmert und stirbt sie. Heimat braucht ein inneres Zuhause, und ein Zuhause ohne Freiheit gibt es nicht. Die Freiheit, die es braucht, um eine Heimat zu haben, die gibt es nur, wenn man sie sich nimmt – und nicht nehmen lässt.

Ich denke heute oft mit Respekt an jenen Urner Ständerat und seine freiheitliche Gesinnung zurück. Leute dieses Formats fehlen heute leider nur zu sehr in der Schweizer Politik. 

Edwin Beeler, Historiker und Filmer, Luzern


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Über Edwin Beeler:

Edwin Beeler (* 1958) schloss sein Studium in Allgemeiner Geschichte und Geschichte der Deutschen Literatur an der Universität Zürich mit dem Lizentiat ab. Seit rund 25 Jahren arbeitet er hauptsächlich als Filmemacher. 

1988 gründete er zusammen mit Marlon Heinrich und Guido Paul Denzler die Filmproduktionsfirma Calypso Film AG, welche unter anderem seine Kino-Dokumentarfilme produziert: «Arme Seelen» (2011), «Gramper und Bosse - Bahngeschichten» (2005), «Grenzgänge - Eine filmische Recherche zum Sonderbundskrieg 1847» (1998, realisiert zusammen mit Louis Naef), «Bruder Klaus» (1991), «Rothenthurm - Bei uns regiert noch das Volk» (1984). 

Die Stadt Luzern hat ihn 1992 mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet. Beeler arbeitet im Vorstand des Vereins Film Zentralschweiz mit. Er ist Vater von zwei Töchtern und lebt zusammen mit seiner Partnerin in Luzern.

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