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Gastbeitrag von Sandro Frefel

Über den Autor:

Sandro Frefel
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Luzerner Stadtarchiv. Zusammen mit Otti Gmür und René Regenass ist er Autor des Buches über den genossenschaftlichen Wohnungsbau in Luzern.

15.07.2012

Die Geschichte des genossenschaftlichen Bauens in der Stadt Luzern

Das Zusammenleben und das Wohnen beschäftigen die Menschen seit jeher ganz besonders intensiv. Die aktuellen Debatten über den Wohnraum in der Stadt Luzern stehen in einer Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Die Luzerner Wohnbaugenossenschaften etablierten sich in den letzten gut hundert Jahren als wichtige Stimmen dieser Diskussionen.

Enge Wohnverhältnisse in einem Hinterhof der Rössligasse, 1910 (Quelle: Stadtarchiv Luzern)

Zugang zur Dorfsiedlung der Eisenbahner Baugenossenschaft, 1922 (Quelle: Stadtarchiv Luzern)

Neubauten der Gemeinnützigen Baugenossenschaft auf der Friedberghöhe, 1922 (Quelle: Stadtarchiv Luzern)

Standartküche der ABL mit Gasherd in der Siedlung Himmelrich, 1928 (Quelle: Stadtarchiv Luzern)

Feier zum 20jährigen Bestehen der ABL im Kunsthaus mit Genossenschaftskindern aus allen Siedlungen, 1944 (Quelle: ABL)

Die Wohnkolonie Wartegg der Holzbaugenossenschaft kurz nach dem Bezug, 1947 (Quelle: Stadtarchiv Luzern)

Am 17. Juni hat die Stadt Luzern die Wohnbau-Initiative von Mieterverband, SP und Grünen mit 58 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Im Vorfeld dieser Abstimmung ist, warum auch immer, praktisch nicht thematisiert worden, welche Geschichte der genossenschaftliche Wohnungsbau in Luzern eigentlich hat. Dieses Defizit ist umso erstaunlicher, als genau zu diesem Thema seit 2008 ein Buch vorliegt, herausgegeben von der Stadt Luzern, verfasst von Otti Gmür, René Regenass und Sandro Frefel.

Letzterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv. Er hat für lu-wahlen.ch dieses Buch freundlicherweise zusammengefasst und stellt auch historische Fotos zur Verfügung, wofür sich die Redaktion bei ihm bestens bedankt.

Co-Autor Otti Gmür - Architekt, Lehrer und Publizist - wird übrigens im Oktober den Luzerner Kulturpreis entgegennehmen; Co-Autor René Regenass war während 30 Jahren Redaktor der «LNN», nachher von «Luzern heute» und betreut seit mehreren Jahren die Hauszeitung der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL). Er schreibt auch Kolumnen für lu-wahlen.ch.

hrf.

Hier also der Beitrag von Sandro Frefel:

 

Unwürdiges Wohnen am Ende des 19. Jahrhunderts

Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Wohnsituation für viele Luzernerinnen und Luzerner miserabel. Zum einen konnte die bauliche Stadtentwicklung nicht mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen mithalten. Die Fremdenindustrie florierte, die Zuwanderung von Arbeitskräften war in jenen Jahren enorm. Allein zwischen 1888 und 1900 stieg die Bevölkerungszahl um 44 Prozent von 20 000 auf 29 000 Personen. Im April 1889 lag die Leerwohnungsziffer bei 0,6 Prozent (2011: 1,21 Prozent). Die 26 freien Wohnungen waren jedoch durchwegs komfortabel und überstiegen die bescheidenen finanziellen Mittel der Handwerker, Arbeiter und Angestellten. Zudem waren viele Wohnungen überbelegt und in einem schlechtem Zustand. Eine 1897 durchgeführte Wohnungsenquête brachte düstere Zustände ans Tageslicht. Im Untergrundquartier war fast ein Sechstel der Wohnräume feucht, nur 17 Prozent aller Toiletten verfügten über eine Wasserspülung. Fünfmal mehr Menschen starben dort an Lungentuberkulose als im nobleren Hofquartier.

Wohnungskrise nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg führte in Luzern nicht nur zu einer wirtschaftlichen Krise des Tourismus und zu verschärften sozialen Problemen durch die steigende Arbeitslosigkeit, sondern auch zu einem völligen Erliegen der Bautätigkeit. 1916 bis 1918 wurden praktisch keine neuen Wohnhäuser gebaut. Gemäss behördlichen Berechnungen fehlten 1920 fast 700 Wohnungen. Im gleichen Jahr standen 289 Wohnungsgesuchen lediglich 10 Angebote gegenüber. Um das drängende Problem obdachloser Familien zu entschärfen, richtete der Stadtrat in leerstehenden Wohnhäusern und Hotels Notwohnungen ein, etwa im früheren Hotel Helvetia an der Waldstätterstrasse 9. 1921 verfügte die Stadt über insgesamt 84 Notwohnungen, wovon 79 belegt waren. Erst 1930, als sich der Wohnungsmarkt weitgehend entspannt hatte, konnten die letzten Notwohnungen aufgehoben werden.

Reaktion auf die Krise

Der Stadtrat dachte schon in den 1890er-Jahren über Möglichkeiten zur Verbesserung des Wohnungsangebotes nach. Kein Projekt wurde jedoch realisiert. Vorstösse gingen auch von Seiten der Sozialdemokratischen Partei (SP) ein. Der Stadtrat stellte sich jedoch auf den Standpunkt, dass vor allem Wohnungen für die Arbeiter der Industriebetriebe in den angrenzenden Gemeinden fehlen. Der Bau von Wohnungen sei deshalb primär Aufgabe dieser Gemeinden und der dort beheimateten Unternehmen. Ebenso lehnten der Stadtrat und die Stimmbürger 1920 eine SP-Initiative für den Bau von gemeindeeigenen Wohnungen ab. Der Stadtrat attestierte zwar dem Anliegen eine Berechtigung, weil die Wohnungsnot „notorisch“ gross sei. Er schlug jedoch in einem Gegenvorschlag vor, den privaten und den genossenschaftlichen Wohnungsbau finanziell zu unterstützen, was die Stimmbürger deutlich gut hiessen.

Beginn des genossenschaftlichen Wohnungsbaus

Der Volksentscheid löste in Luzern einen beachtlichen Bauschub aus. Zwischen 1921 und 1929 entstanden fast 1700 neue Wohnungen, was einem Plus von 16 Prozent gegenüber dem Wohnungsbestand von 1920 entsprach. Die Mehrheit der Wohnungen waren von Baugenossenschaften erstellt worden, die nach den ersten Anfängen durch die Eisenbahner Baugenossenschaft (EBG) auf dem Geissenstein 1910 eine wahre Gründungswelle erlebten: Beispielsweise wurde 1920 die Gemeinnützige Baugenossenschaft gegründet, die auf der Friedberghöhe 36 Einfamilienhäuser mit grosszügigen Gartenflächen realisierte, und ab 1924 begann die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) mit dem Bau der Siedlung Himmelrich, den ersten ihrer mittlerweile über 1700 Wohnungen auf Stadtboden.

Regeln für das genossenschaftliche Zusammenleben

Damals wie heute musste das Zusammenleben innerhalb der Genossenschaften organisiert und geregelt werden. Hausordnungen legten früher das Anfeuern des Waschkessels oder das wöchentliche Wichsen der Holztreppen fest, heute fordern sie etwa Zimmerlautstärke für Fernseh- und Radioapparate. Und schon in den Anfängen der Baugenossenschaften ging es bei Konflikten zwischen Mietern meist um Kinderlärm und Reinlichkeit. Die ABL ermahnten ihre Mieter 1929: „Auf alle Fälle kann bei einem entsprechenden erzieherischen Einwirken auf die Kinder unnützer Lärm auf ein erträgliches Mass gemindert werden, namentlich dann, wenn es sich um die Geltendmachung des Anspruchsrechtes auf den Gebrauch der Schaukel handelt.“

Die Genossenschaftsidee als Gemeinschaftserlebnis

Wohl stärker als heute versuchten die Genossenschaften früher das Zusammenleben ihrer Bewohner zu gestalten. Beispielsweise feierte die ABL ihr 35-Jahr-Jubiläum 1959 mit einem Ausflug für die Kinder und Jugendlichen in den Tierpark Goldau. Auch die jüngste Generation sollte für die Genossenschaftsidee begeistert werden. Auf dem Geissenstein betrieb die EBG eine eigene Bibliothek und der Frauenverein veranstaltete zu Weihnachten Ausstellungen mit selbstgefertigten Geschenken, die an Bedürftige verteilt wurden. Der 1920 gegründete und ursprünglich polysportiv orientierte Sportclub Obergeissenstein (SC OG) bot und bietet vielen Jugendlichen der EBG-Siedlung und der später daran angrenzenden Quartiere eine sportliche Heimat.

Genossenschaften prägen die Stadt

Luzern entwickelte sich in den vergangenen 100 Jahren zu einer Genossenschaftsstadt: Rund 14 Prozent der Wohnungen unterliegen aktuell einem gemeinnützigen Zweck, was Luzern hinter Biel, Zürich und Thun auf den vierten Platz der Schweizer Städte bringt. Die Bedeutung der Genossenschaften für ein wohnliches Luzern zeigt sich auch optisch. Quartiere wie Elfenau, Himmelrich oder Studhalden sind nicht irgendwie gebaut, sondern folgen einem grösseren Plan, einer übergeordnete Idee. Sie haben einen ganz eigenen Charakter und fallen durch helle und gepflegte Hauszugänge, Gärten und begrünte Umgebungen und Innenhöfe auf. Zugleich nehmen die Genossenschaften verantwortungsbewusst an der weiteren städtbaulichen Entwicklung Luzerns teil, etwa bei der Realisierung der TribschenStadt oder bei den laufenden oder anstehenden Erneuerungen auf Geissenstein oder im Himmelrich.

Sandro Frefel, Stadtarchiv Luzern

 

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Zur Geschichte der städtischen Wohnbaupolitik und der Wohnbaugenossenschaften

Sandro Frefel, Otti Gmür, René Regenass, Genossenschaftlicher Wohnungsbau in der Stadt Luzern (Luzern im Wandel der Zeiten, N.F., Bd. 11), Luzern 2008.

Das Buch kann im Stadtarchiv für Fr. 32.- bezogen werden: stadtarchiv(a)stadtluzern(p)ch oder Tel. 041 208 73 80.


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Kommentare:
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Margrit Grünwald aus 6005 Luzern

Freitag, 20.07.2012, 23:13 · Mail

Es mutet doch eigenartig an, dass dieses interessante und hochaktuelle Buch so lange im medialen Dunkeln der Luzerner Presse lag. Da nun die Abstimmung geglückt ist, sollte es sehr bald auch in der «NLZ» erwähnt werden!

Margrit Grünwald, Luzern

 
 
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