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Gastbeitrag von Ruedi Lötscher

Über den Autor:

Ruedi Lötscher
(*1953 in Luzern geboren) ist gelernter Schriftsetzer und hat bis 2006 alle einschneidenden Umwälzungen dieser Branche miterlebt. Seit 2006 braucht ihn der Arbeitsmarkt nicht mehr. Als Erwerbs-, aber nicht Arbeitsloser hat er nun vermehrt Zeit, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.

30.04.2012

1. Mai: Nicht nur Lohnarbeit ist Arbeit

Viele Gewerkschaften – erfreulicherweise nicht alle – verschnarchen die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wirklich bahnbrechende Ideen sowie Forderungen nach neuen Regeln für eine digitalisierte, automatisierte und globalisierte Welt des Überflusses und der Ungerechtigkeiten werden von anderen Bewegungen vorgebracht.

Wenn es darum geht, ihre Kampfbereit-schaft zu demonstrieren, sind die Gewerk-schaften schnell und lautstark zur Stelle; vor allem die mitgliederstärkste, die Bau- und Industrie-Gewerkschaft unia. Die Debat-te über den Wert der Arbeit und vor allem über die Zukunft der Arbeit jedoch ver-schnarchen fast alle von ihnen.<br><br>Bild: Herbert Fischer

Wenn es darum geht, ihre Kampfbereit-schaft zu demonstrieren, sind die Gewerk-schaften schnell und lautstark zur Stelle; vor allem die mitgliederstärkste, die Bau- und Industrie-Gewerkschaft unia. Die Debat-te über den Wert der Arbeit und vor allem über die Zukunft der Arbeit jedoch ver-schnarchen fast alle von ihnen.

Bild: Herbert Fischer

Man kann natürlich lapidar - wie der Luzerner Gewerkschaftsbund zum 1. Mai 2012 - «Mehr Schutz Lohn Rente» fordern und gleichzeitig bei den wirklich relevanten Themen abseits stehen. Das weckt dann allerdings den Verdacht, man wolle vor allem vermeiden, seine eigene Klientel zu vergraulen. 

Bedeutende Teile dieser Klientel wollen ja keine andere Welt – sondern «Kaviar für alle». Mit diesem Denken kommen wir nicht mehr weit. Es erzeugt weltfremden Aktionismus; wie die absurde Idee, die Krise der Autoindustrie und die Stagnation der Autoverkäufe durch Abwrackprämien zu bekämpfen, um so die Arbeitenden der Auto-Branche «in Arbeit zu halten». 

Ein zentraler blinder Fleck der (meisten) Gewerkschaften ist der, dass sie nur Lohnarbeit als Arbeit sehen. Natürlich gibt es Äusserungen in anderer Richtung. Aber wenn man die Nagelprobe macht, sieht es anders aus. Die Gewerkschafter finden immer noch, das Geld der Menschen «klebe» an der Lohnarbeit: Alle haben ein Recht auf Arbeit. Ein Recht auf Arbeit kann es aber nicht geben, wenigstens nicht in einer computerisierten, roboterisierten Welt, in der täglich Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Hingegen muss ein Recht auf Einkommen gefordert werden. Denn auch wer im Arbeitsmarkt keinen Unterschlupf mehr findet, muss leben können: Dies ist ein Menschenrecht und nicht Arbeit. Übrigens: Mehr als 50 Prozent aller Arbeit wird heute schon im ehrenamtlichen Bereich erledigt.

Überschüssige Arbeitskräfte des postindustriellen Zeitalters

Heute sehen wir, dass im Sektor der industriellen Produktion «am Ende der Befriedigung der Bedürfnisse noch überschüssige Arbeitskraft vorhanden ist». Aber wir sehen vor lauter Arbeits-Moralin die vernünftigste Lösung nicht: Nämlich, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Damit würden diejenigen Menschen, die bereit sind, bescheiden zu leben, nicht mehr stigmatisiert, sondern sie könnten das bGE als Verzichtsprämie betrachten, als Belohnung dafür, dass sie das Wirtschaftswachstum nicht ankurbeln – und so die Umwelt schonen. Leider will nicht einmal der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart, ernsthaft darüber nachdenken. Auf seinem Blog (siehe dazu weiter unten auf dieser Seite unter «Links») schreibt er von einem Betrag von 2200 bis 2500 Franken. Dabei heisst es im Initiativtext wörtlich, dass das Grundeinkommen «ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen» muss. Einem Ökonomen sollte eigentlich klar sein, dass die Höhe sich folglich am Warenkorb orientieren muss. 

Nachdenken über das Sozial- und Gesundheitswesen

Auch über den Dienstleistungssektor scheint Daniel Lampart zu wenig nachgedacht zu haben: Bei der Müllabfuhr beispielsweise oder im Betreuungs- und Krankenwesen gibt es eindeutig genügend Arbeit. Dort aber laufen die Kosten aus dem Ruder und wir finden zu wenig Arbeitswillige. Die ganze Schweiz rätselt, warum dies so ist. Krankenkassen, Ärzte- und Konsumentenorganisation schieben sich den Schwarzen Peter zu: Alle sagen, die andern seien schuld. 

Ganz neue Forschungen aus der Verhaltensökonomik könnten uns nun die Erklärung liefern. Sie haben gezeigt, dass Menschen in zwei sozialen Feldern agieren. Das eine ist das Feld der Sozialnormen, das andere das ökonomische Feld. Unter den Bedingungen der Sozialnormen achten die Menschen sehr genau darauf, einander nicht auszunützen; wer die Hilfe eines anderen beansprucht, trachtet danach, sich mindestens ebenso grosszügig zu revanchieren. Unter den Bedingungen der Marktnormen schauen alle eigennützig auf den eigenen Vorteil. Die Hemmungen, jemanden zu übervorteilen sind gering. 

Brisant ist in diesem Zusammenhang folgendes: Wenn wir einen Bereich, der bisher durch Sozialnormen geregelt wurde, den Marktnormen unterstellen, wird die Leistung bedeutend teurer. Ausserdem kann dieser Bereich nachträglich kaum mehr in den sozialen Bereich zurückgeführt werden. Genauso lief es aber im Gesundheitswesen: Früher war es im sozialen Feld angesiedelt (Hausärzte mit Idealismus und wenig Marktbewusstsein sowie Ordensschwestern statt Pflegepersonal). Heute wird das Gesundheitswesen als Markt wahrgenommen: Es wechselte also ins ökonomische Feld. Da man die Zeit nicht zurück drehen kann, könnten sich die Gewerkschaften dieser Problematik annehmen.

Einzig die Gewerkschaft syna hat gründlicher nachgedacht

Kurt Regotz, Präsident der Gewerkschaft syna, hat am Lancierungsfest als Gastredner für das bedingungslose Grundeinkommen (bGE) geworben. In der «Arena» des Schweizer Fernsehens vom 27. April 2012 wies er darauf hin dass das bGE den Arbeitnehmern zusätzliche Auswahlmöglichkeiten und mehr Freiheit bringe. Siehe dazu weiter unten auf dieser Seite unter «Links».

Im Internet habe ich die Meinung eines Gewerkschafters gefunden, der es auf den Punkt brachte: «Wenn die Gewerkschaften sich für das bGE einsetzten, wäre das schon mal ein Fortschritt. Durch die Automatisierung wird es immer weniger Arbeitsplätze geben. Der Kampf um die restlichen Arbeitsplätze drückt heute auf die Löhne. Grundeinkommen wird ja jetzt schon ausbezahlt, nur eben mit Zwang zu unterbezahlter Arbeit.»

Folgende Bewegungen befassen sich mit wichtigen Themen, welche von den meisten Gewerkschaften kaum beachtet werden:

-    Verein Monetäre Modernisierung (http://vollgeld.ch/about/)

-    Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen (http://www.grundeinkommen.ch/) (http://www.bedingungslos.ch/)

-    Occupy Switzerland (http://occupy.ch/

-    Attac (http://www.attac.ch:16080/luzern/)

-    Geldreform jetzt (http://www.geldreform-jetzt.de/maerchen.html)

Die Verhaltensökonomik wird in den nächsten Jahren die Ökonomie umpflügen. Vertiefte Informationen zu diesem und verwandten Themen sind in folgenden Büchern zu finden:

-    Dan Ariely: Denken hilft zwar, nützt aber nichts; Knaur http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/843450/

-    Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren; Herder http://www.mathias-binswanger.ch/buecher.html

-    David Graeber: Schulden: Die ersten 5000 Jahre; Klett-Cotta; erscheint im Mai 2012; http://zeitenwende.ch/buch-tipps/schulden---die-ersten-5000-jahre/ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/eurokrise-und-vergib-uns-unsere-schulden-11527296.html

-    Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein; Goldmann http://www.buch.ch/shop/home/artikeldetails/die_kunst_kein_egoist_zu_sein/richard_david_precht/ISBN3-442-31218-3/ID20960991.html

-    Tomas Sedlacek: Die Ökonomie von Gut und Böse; Hanser http://www.buch.ch/shop/home/artikeldetails/die_oekonomie_von_gut_und_boese/tomas_sedlacek/ISBN3-446-42823-2/ID30612609.html

Ruedi Lötscher, Luzern


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