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Gastbeitrag von Michel Ebinger

Über den Autor:

Michel Ebinger
(* 1961) ist aufgewachsen in Rotkreuz in der Gemeinde Risch ZG). Er studierte Rechts-wissenschaften, wurde Rechtsanwalt und Notar. Ebinger arbeitete zuerst in der Kanzlei Schweiger und Wild in Zug, bis er sich 1995 selbständig machte. Von 1998 bis 2004 vertrat er die FDP im Zuger Kantonsrat. Beim Attentat auf das Zuger Parlament am 27. September 2001 erlitt er lebensgefährliche Verletzungen, die ihn seither stark einschränken. Inzwischen ist er Sekretär der Grünliberalen Partei des Kantons Zug (glp).

07.06.2014

Die Amerikaner haben Europa nicht gerettet

Ich rege mich ab der fehlenden Geschichtskenntnis unserer heutigen Medien auf. Der D-Day vor 70 Jahren war nicht im Geringsten der Beginn des Niederganges des Dritten Reiches. Hitler hat den Krieg im Osten verloren – dank eines genialen strategischen Streiches Churchills, namens «Schweinerei auf dem Balkan», der den Krieg gegen Russland in den Winter verschob.

Es waren die Russen, die mit einem Blutzoll von fast 20 Millionen Menschen dieses Unrechtsregime in die Knie zwangen. Der Beginn des Niederganges ist in Stalingrad zu suchen und nicht in der Normandie. Aber das passt in der amerikahörigen Zeit nicht ins Bild der Medien, also wird Amerika weiterhin als Retter bezeichnet; vergessend, dass Amerika sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg erst in den Krieg eingriff, als es direkt angegriffen wurde (im Ersten Weltkrieg durch deutsche U-Bote, die amerikanische Schiffe versenkten, und im Zweiten Weltkrieg, als Japan in Pearl Harbour Amerika demütigte). 

Wenn man schon jemanden loben sollte: dann bitte auf die Grössen der Länder achten. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl stehen England und Australien zuoberst. Amerika hat 300 000 Soldaten geopfert (wovon allein am D-Day 1400). Das ist viel, aber im Vergleich zu den Russen und Australier nichts. 

Das Einzige was wir den Alliierten zu verdanken haben ist, dass sie verhinderten, dass die Rote Armee ganz Europa eroberte. Man darf jedoch hierbei nicht vergessen, dass sie sich mit der  völlig übertriebene Bombardierung der Zivilisten in den deutschen und japanischen  Städten massivster Kriegsverbrecher schuldig gemacht haben. 

Wir sollten also vorsichtig sein, denn wir heben Kriegsverbrecher auf das Podest.

Fazit: Alle haben geholfen, Hitler zu besiegen, nicht nur die Amerikaner. Mit diesen Zeilen sei auch gesagt, dass es keinen «sauberen Krieg» gibt, Kriegsverbrechen gehören wohl immer zum Krieg; nicht zuletzt , weil der Krieg selber ein Verbrechen ist. 

Wir sollten endlich ein wenig unserer Naivität ablegen.

Michel Ebinger, Rotkreuz

Siehe dazu auch weiter unten den Kommentar des Historikers Dr. Pirmin Meier.


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Kommentare:
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Pirmin Meier aus Rickenbach

Montag, 09.06.2014, 14:18 · Mail

Lieber Ebinger!

Ihre kurzen Gedanken - habe immer Mühe, mich so kurz zu fassen - sind in dieser Knappheit bewundernswert.

Ihrem Jahrgang entnehme ich, dass Sie den Kalten Krieg nicht selber erlebt haben. Ich verfolgte ihn ab dem Tod Stalins, in zartem Alter täglich, zählte im Kindergarten die Namen Dulles, Bidault, Eden und Molotow auf, ging in den Fünfziger Jahren davon aus, dass es ab 1960, der Enthüllung des 3. Geheimnisses von Fatima, ganz brenzlig würde. 1961 zündete ich an Weihnachten in Solidarität mit den Ostdeutschen jenseits der Berliner Mauer auf Empfehlung von Bundeskanzler Adenauer eine Kerze an.

Was Sie über Kriegsverbrechen schreiben, ist weder einfach falsch noch realistisch, es ist so, wie wenn ein Abtreibungsgegner über die Tötung von Menschen schreibt. Napoleon sagte: Für die Kollektivverbrechen ist niemand haftbar. Wir denken nicht mehr so. Aber es war das Denken der vergangenen Kriege.

Das Schlimmste ist, dass die Opfer millionenfach vergeblich waren. Auf keine Schlacht kam es an. Der Krieg wäre so oder so im August 1945 zu Ende gewesen. Carl Friedrich von Weizsäcker, der sehr wohl geholfen hätte, für die Deutschen eine A-Bombe zu machen, wenn Hitler wirklich daran geglaubt hätte, erklärte mir persönlich einiges.

Der Krieg wäre auch ohne die gewaltigen Opfer des Ostens, die Sie zurecht respektieren, im August 1945 zu Ende gewesen. Wie in Japan hätte die Atomwaffe wie überhaupt das Nuklearzeitalter relativ wenige, aber unbegreifliche Opfer gefordert, so wie «Fukushima» kaum den Ertrag eines Flugzeugabsturzes hergibt. Da hätten natürlich Atombomben über Deutschland ganz anders «eingeschenkt».

Aber ein Ende des Krieges in Europa «dank» der Nuklearwaffe hätte endgültig auch nicht vor der Schweiz Halt gemacht, man stelle sich eine Bombe im süddeutschen Raum vor. Mehr als drei Bomben wären für eine bedingungslose Kapitulation bestimmt nicht nötig gewesen.

Das nukleare Gleichgewicht des Schreckens hat uns wohl vor dem Dritten Weltkrieg bewahrt. Mein Onkel, Vizeammann von Würenlingen, war als fast einziger im Dorf auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie. Er riskierte mit dem Wort «Atomseich» seine Abwahl aus dem Gemeinderat.

Wie weit die Bombardierung Japans im August 1945 ein Kriegsverbrechen war - ich war sehr bewegt vom Film «Rhapsodie im August» - will ich indessen offen lassen. Bestreiten würde ich es sicher nicht, hätte aber deswegen weder den Piloten noch den US-Präsidenten aufgehängt haben wollen.

Wir Nachgeborenen müssen froh sein, damals keine Verantwortung getragen zu haben. «Wir sollten endlich ein wenig unserer Naivität ablegen»: Wie wahr!

Ich halte Sie für eine eindrucksvolle Person.

Pirmin Meier, Autor, Rickenbach

 
 
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