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Gastbeitrag von Markus Boyer

Über den Autor:

Markus Boyer
Dipl. Architekt EHT/SIA (Luzern), war als Vertreter der Kommission für bildende Kunst der Stadt Luzern Mitglied der Wettbewerbs-Jury, welche dem «Klotz» des Luzerner Künstlers Felix Kuhn den ersten Preis zuerkannt hat.

16.02.2011

«Klotz» sei Dank

Die Diskussion über den Ideenwettbewerb Kunst im öffentlichen Raum Vorzone Allmend Luzern findet statt.

So soll die Idee von Felix Kuhn dereinst aussehen.<br><br>Bild: pd

So soll die Idee von Felix Kuhn dereinst aussehen.

Bild: pd

«Kunst im öffentlichen Raum» ist eine eigenständige Kategorie künstlerischer Tätigkeit, geschaffen für eine bestimmte Situation, entwickelt aus den Gegebenheiten des Ortes. Im Gegensatz zur Kunst im «geschützten Raum» von Museen und Galerien richtet sich Kunst im öffentlichen Raum nicht an den freiwilligen Besucher und Betrachter, sondern an die Allgemeinheit. Sie dringt (ungefragt) in unseren Alltag ein, prägt den Ort, zwingt zur Auseinandersetzung und hinterlässt Spuren oder Irritationen in der täglichen Wahrnehmung.

Öffentliche Kunst braucht die öffentliche Auseinandersetzung

Kunst bewegt, irritiert, provoziert, sie regt an oder auf, löst Reaktionen und Diskussionen aus. Wenn Kunst öffentlich ist und alle betrifft braucht es diese öffentliche Auseinandersetzung. Die Reaktionen auf den Jury-Entscheid und den siegreichen Wettbewerbsvorschlag «der Klotz», waren bisher jedoch – boulevardwirksam geschürt durch die Medien – wenig differenziert, sehr heftig und vorwiegend negativ. Auffällig und schade ist, dass Fehlinformationen, unnötige Polemik und Nebengeräusche die eigentliche Diskussion über «Kunst im öffentlichen Raum» verhinderten und der «Klotz» nur als plumper, sperriger Beton-Würfel wahrgenommen wurde, dessen Symbolgehalt und künstlerisches Potential sowie dessen räumliche Reaktion und Beziehung zur Vorzone Allmend jedoch ausgeklammert blieben.

Der «Klotz»

Er ist zuallererst ein geometrisches Volumen und wirkt durch seine körperhafte Präsenz als architektonisches Element, als Platzhalter und Raumbildner auf dem weiten Gelände der Vorzone Allmend...Was den «Klotz» auszeichnet ist seine Vielschichtigkeit, die vielfältige und unterschiedliche Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten erlaubt, von der klotzig simplen Vordergründigkeit bis zur subtil hintergründigen Provokation.

Er ist ein Mahnmal oder Denkmal, das auf die Inbesitznahme und Überbauung der (früher unbebauten) Allmend hinweist und als bleibender „Gedenkstein“ daran erinnert...

Er ist wie ein verdichtetes Modell Abbild und Schau-Stück der auf der Allmend verwendeten Bau-Materialien und ihrer prozentualen Anteile...

Er ist Fingerzeig und in Stein gegossene Gesellschaftskritik wenn er das Verhältnis zwischen Allmend-Gesamt-baukosten und Kunstbudget dreidimensional abbildet und sichtbar macht...

Er ist auch einfach Skulptur mit unterschiedlichen Oberflächen, natürlich-lebendiger Textur, Licht und Schatten sowie vorgezeichneter, interessanter, farblicher Veränderung durch den Oxydationsprozess des Stahls.

Das Umfeld

Der «Klotz» wird erst verständlich, wenn man sich die spezielle Situation der Vorzone Allmend – für die er erschaffen wurde und auf die er sich unmittelbar bezieht – räumlich vorstellen kann.

Durch die Dimensionen von 450 x 60 Meter wird die Vorzone zum grössten Platz in Luzern, rund doppelt so gross wie der Bahnhofplatz. Das ebene Gelände wird gestaltet als asphaltierter Platz mit 220 PW-Parkplätzen, mit Veloabstellflächen, Verkehrs- und Manövrierflächen, strukturiert durch einen regelmässigen Baum-Raster und «überdacht» durch das Laubwerk der über 100 hochstämmigen Sumpfeichen. Flankiert und dominiert wird der riesige Vorplatz durch die ebenso aussergewöhnlichen Grossbauten der Messe und des Stadions mit 145 m, beziehungsweise 170 m Fassadenlänge und 18 m Fassadenhöhe.

In dieser Situation und vor dieser Kulisse hat sich die Kunst zu behaupten, im menschenleeren Alltagszustand genau so wie im Fall von Massenveranstaltungen. Auch der massive «Klotz» mit seinen respektablen 6x6x6 m wird in diesem Umfeld nur als «Klötzli» wirken.

Die Schwächen

Der «Klotz» hat auch Schwächen, lässt Verschiedenes offen, gibt Anlass zu Fragen und Kritik. Kommt die interessante Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit genügend zum Ausdruck? Sind die verschiedenen Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten für den Betrachter erkennbar? Sind die versteckten Botschaften, die Zahlen und Fakten (ohne Anleitung) entzifferbar? Kann die spröde Sachlichkeit beim Passanten Neugier und Interesse wecken? Fehlt nicht die Prise Poesie oder Ironie, die auch dem kritischen Gegner ein Schmunzeln entlockt?

Von der Wettbewerbs-Idee zum Kunst-Werk

Im Gegensatz zu einem Projektwettbewerb ergibt der Ideenwettbewerb kein fertiges und ausführungsreifes Projekt, sondern erst eine Idee, ein Konzept. In der folgenden Phase wird die Wettbewerbs-Idee weiter bearbeitet und konkretisiert, verändert und modifiziert, eventuell vereinfacht und reduziert oder ergänzt und erweitert, allfälligen Auflagen oder Vorschriften angepasst, technisch-konstruktiv geklärt und so zum definitiven, ausführungsreifen Kunstwerk entwickelt.

Auch der «Klotz» ist vorläufig erst eine Idee, ein Konzept, entstanden in drei Monaten unter Wettbewerbsdruck. Realisiert wird der «Klotz» frühestens im Jahr 2013, nach Fertigstellung der Messehalle 1 und der Zentralbahn-Haltestelle im Rahmen der letzten Allmend-Bau-Etappe. Für die künstlerische Weiterbearbeitung der Wettbewerbs-Idee zum fertigen Kunst-Werk stehen somit rund zwei Jahre zur Verfügung.

Genügend Zeit für den Künstler, den «Klotz» kreativ weiter zu entwickeln, das künstlerische Potential voll auszuschöpfen und aus der groben Idee ein ausgereiftes Kunstwerk zu formen.


Dateien:
pdf Jury-Bericht 2.9 M
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