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Gastbeitrag von Ruedi Lötscher

Über den Autor:

Ruedi Lötscher
(*1953 in Luzern geboren) ist gelernter Schriftsetzer und hat bis 2006 alle einschneidenden Umwälzungen dieser Branche miterlebt. Seit 2006 braucht ihn der Arbeitsmarkt nicht mehr. Als Erwerbs-, aber nicht Arbeitsloser hat er nun vermehrt Zeit, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.

27.04.2012

Zweifelhafte Argumente gegen das «bedingungslose Grundeinkommen»

Der Start der Initiative für die Einführung eines «bedingungslosen Grundeinkommens» (bGE) hat umgehend die Gegner auf den Plan gerufen.

Fundierte Argumente sind selbstverständlich willkommen, die Initianten wollen ja eine Diskussion anregen. Aber der hanebüchene Unsinn, der da in Leserbriefen und Blogs zum Teil geäussert wird, darf nicht unwidersprochen bleiben.  

Standard-«Argument» 1 der Gegner: «Der Staat sollte das Geld nicht mit der Giesskanne verteilen, sondern nur denen, geben, die es brauchen.»

Die Grundversorgung muss immer im Giesskannenprinzip erfolgen. Alles andere führt zu administrativen Wasserköpfen. 

Standard-«Argument» 2 der Gegner: «Es ist notwendig, die Bedürftigen wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, damit sie für sich selbst sorgen können.»

Erstens: Wir sorgen schon lange nicht mehr für uns selbst. Was wir alle erarbeiten, füllt gleichsam einen «grossen Topf», aus dem auch alle «gespiesen» werden: Das nennt man Fremdversorgung. Ohne diese Fremdversorgung gäbe es keine Hochkultur. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass nicht nur diejenigen zum Füllen des Topfes beitragen welche einer Lohnarbeit nachgehen. Die unentgeltliche Freiwilligenarbeit füllt den «grossen Topf» zu rund 50 Prozent (Familienarbeit, Jugendarbeit, Nachbarschaftshilfe, Vereinsarbeit, Sterbebegleitung, Behindertenbetreuung, Sanierung von Wanderwegen, Kinderbetreuung in Gastfamilien, Bachbettreinigung, usw.) 

Zweitens: Das Integrieren der Arbeitswilligen in den ersten Arbeitsmarkt (Lohnarbeit) wird immer schwieriger. Zwei Beispiele, die diese Aussage veranschaulichen:

In der «Rundschau» vom 7. März 2012 auf SF1 gab es einen Beitrag unter dem Titel «Es gibt Menschen, die tun so, als ob sie richtig arbeiten würden». Im Beitrag ging es nicht um Faulpelze, die nichts tun wollen, sondern um Übungsfirmen, in denen Menschen zum Schein arbeiten: «Sie arbeiten fiktiv – wickeln Geschäfte ab, wie wenn es dafür Kunden gäbe. Doch der Nutzen dieser Scheinarbeit ist umstritten. Auch die Kosten, denn das Projekt belastet die Arbeitslosenkasse jährlich mit 23 Millionen Franken», schreibt sf.tv auf der Website zu diesem «Rundschau»-Beitrag. Hier der Link zur Sendung: 

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=8b232e18-adda-44f3-bccf-1acf7e2a803b

Die Sendung Eco brachte am 28. November 2011 einen Beitrag über so genanntes «Selfscanning» und «Bezahlautomaten», was nichts anderes heisst, als dass die Kassiererinnen langfristig abgeschafft werden. Hier der Link zur Sendung:

http://www.sendungen.sf.tv/eco/Nachrichten/Archiv/2011/11/28/Uebersicht/Das-Ende-der-Kassierer-Der-Detailhandel-der-Zukunft

So wird der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren kontinuierlich schrumpfen. 

«Alles kein Problem» sagte mir neulich eine junge Frau, «da muss man halt neue Arbeitsplätze schaffen, das ist Aufgabe des Staates und der Industrie.» Das kann man so sehen. Aber die Industrie muss, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, neue Produkte entwickeln. Und da wir ja schon (fast) alles haben, muss sie dazu auch die Bedürfnisse wecken. «Super, das schafft zusätzlich neue Arbeitplätze in der Werbung», denken wir. Aber worauf das hinausläuft, sehen wir beispielsweise in der Pharmaindustrie: Sie entwickelt neue Medikamente und macht sich dann auf die Suche nach der passenden Krankheit. 

In Zukunft wird die Sockelarbeitlosigkeit stetig zunehmen. Und die Kosten, diese Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren, werden exponentiell steigen, denn wenn man etwas erzwingen will, was der Markt nicht leisten kann, laufen die Kosten schnell aus dem Ruder.

Standard-«Argument» 3 der Gegner: «Jungen Menschen tut es nicht gut, wenn sie sich dank eines ‹bedingungslosen Grundeinkommens› ans Herumhängen gewöhnen.»

Junge Menschen laufen nicht Gefahr, durch die Einführung des bGE korrumpiert zu werden. Im Gegenteil. Kinder und Jugendliche haben einen starken inneren («intrinsischen») Antrieb, aktiv zu sein und zu helfen. Neue Forschungen auf dem Gebiet der Verhaltensökonomik haben gezeigt, dass Belohnungen sehr kontraproduktiv sein können, dass aber andererseits bedingungslose Unterstützung zu ebensolchem Verhalten führt (siehe eigener Text weiter unten: «Sozialnormen versus Marktnormen»).

Ein Beispiel: Wenn man Jugendliche bittet, einem zu helfen einige Stühle in einen anderen Raum zu tragen, helfen sie spontan. Wenn man dieselben Jugendlichen am Tag darauf bittet, einem zu helfen einige Stühle in einen andren Raum zu tragen – sie bekämen dafür einen Kaugummi - helfen sie ebenfalls; aber wenn man dann am dritten Tag die Jugendlichen bittet, einem wieder zu helfen, Stühle in den andern Raum zu tragen, sagen sie «Ja, wenn ich dafür einen Kaugummi kriege». Wenn man also die Kinder im zweiten Fall nicht belohnt hätte, wären sie auch am dritten Tag bereit gewesen, die Stühle «einfach so»  in den zweiten Raum zu tragen. Man hätte ihnen am zweiten Tag besser irgendwann am Tag und ohne zeitlichen Bezug zu ihrer Hilfsbereitschaft einen Kaugummi geschenkt – «einfach so». So wäre ihre Bereitschaft, umsonst zu helfen, erhalten gebelieben.

Ähnlich wirkt das bGE: Wer es erhält, ist stärker motiviert, uneigennützig zu arbeiten.  Die Einführung eines bGE würde also bei Jugendlichen nicht die Tendenz zum Herumhängen erhöhen, sondern es erlaubte ihnen, sich vermehrt in der Welt der Sozialnormen zu bewegen. Dort lernen sie, dass nicht nur Lohnarbeit Arbeit ist, sondern dass auch unbezahlte (unbezahlbare?) Tätigkeiten notwendig, befriedigend und erfüllend sein können.

 

Ruedi Lötscher, bGE-Komitee Luzern

 

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Sozialnormen versus Marktnormen

Die Verknüpfung «Leistung für Lohn» ist ein zweischneidiges Schwert: Die Thematik heisst «Marktnormen versus Sozialnormen». Die Verhaltensökonomik forscht auf diesem Gebiet. 

Vereinfacht kann man sagen: Im Bereich der Sozialnormen kennen wir den Wert der Dinge, aber nicht deren Preis (wenn wir bei Freunden zum Essen eingeladen sind, legen wir nachher kein Geld auf den Tisch – wir laden sie hingegen unsererseits auch mal zum Essen ein; auch Nachbarschaftshilfe basiert auf Sozialnormen).

Im Bereich der Marktnormen kennen wir den Preis – nicht aber den Wert der Dinge. (Bei Versicherungsabschlüssen und Aktienkäufen wird hart kalkuliert (Lohnverhandlungen mit dem Chef basieren auf Marktnormen).

Das Brisante, das die Forschung an den Tag gebracht hat ist aber folgendes: Wenn wir einen Bereich, der bisher durch Sozialnormen geregelt wurde den Marktnormen unterstellen, wird die Leistung häufig (bedeutend) teurer. Das Gesundheitswesen ist ein Beispiel dafür. Ausserdem kann man diesen Bereich auch kaum mehr in den sozialen Bereich zurückholen. 

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Literatur zum Thema

Dan Arley, «Denken hilft zwar, nützt aber nichts». Knaur

Christian Müller / Daniel Straub, «Die Befreiung der Schweiz», Limmat

Richard David Precht, «Die Kunst, kein Egoist zu sein», Goldmann

Götz W. Werner, «Einkommen für alle», Bastei Lübbe

BIEN Schweiz (Hrsg.), «Die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens», Seismo

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Jeden ersten Mittwoch des Monats: bGE-Stamm

Dieser findet von 19.30h bis ca. 22h statt im Restaurant Peperoncini an der Obergrundstrasse 50 in Luzern (siehe auch unter «Links»).


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Kommentare:
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Adrian Engler aus Zürich

Freitag, 18.05.2012, 15:25 · Mail

Ruedi Lötscher schreibt: «Die Grundversorgung muss immer im Giesskannenprinzip erfolgen. Alles andere führt zu administrativen Wasserköpfen.»

Die ideologische Verbortheit der Grundeinkommens-Fanatiker ist bemerkenswert. Ganz treu der neoliberalen Ideologie beten sie das Schreckgespenst der «riesigen Bürokratien» herunter. In der Schweiz gibt es aber für die soziale Sicherung keine riesige Bürokratie. Man soll einfach einmal vergleichen, wieviel man mit der bedarfsabhängigen Unterstützung mit einer sehr kleinen «Bürokratie» erreichen kann und wie extrem klein der Wirkungsgrad wäre, wenn man mit dem Grundeinkommen mehr aufwenden müsste als aktuell die gesamten Staatsausgaben, um letztendlich weniger zu erreichen als mit dem aktuellen Sozialstaat.

Den Sozialstaat kann und soll man verbessern, aber man soll nicht auf «einfache», «radikale» Lösungen wie das Grundeinkommen hereinfallen, wie von den Populisten gerne propagiert. Man muss nur einmal ein wenig rechnen, dann sieht man, dass es vollkommen absurd ist, das Schreckgespenst der riesigen Bürokratien für Bedarfsabklärungen etcetera an die Wand zu malen - die Kosten für ein existenzsicherndes Grundeinkommen, das an alle ausbezahlt würde, wären so immens, dass sie alles andere in den Schatten stellen würden.

Adrian Engler, Zollikon

 
 
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