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Gastbeitrag von Hans Widmer

Über den Autor:

Dr. phil. Hans Widmer
unterrichtete an der Kanti Alpenquai während 36 Jahren Spanisch, Religionswissenschaften und Philosophie. Er war während zweier Jahre Präsident der Philosophischen Gesellschaft der Schweiz. Von 1996 bis 2010 vertrat er die Gewerkschaften und die SP im Nationalrat. Zuvor war er auch Grossrat und Grossstadtrat.

26.09.2017

Warum Bundesrat Cassis nicht so reden sollte

Wer – wie der neugewählte FDP-Bundesrat Ignacio Cassis – im Zusammenhang mit politischen Prozessen das Wort «Reset-Taste» in den Mund nimmt, der bewegt sich in der Welt des Knöpfedrückens und damit letztlich im Umfeld von Mechanik und Robotik.

Ungefährlich ist das nicht. Warum? Ganz einfach deswegen, weil politische Prozesse immer, auch im Zeitalter der Digitalisierung, von konkreten Einzelmenschen und von Gruppierungen von Menschen vollzogen werden. Das heisst, sie sind Ausdruck menschlichen Geschehens und damit auch menschlicher Geschichte und diese kann nicht einfach per Knopfdruck ungeschehen gemacht werden. 

Politik als Prozess ist somit der spezifisch menschlichen Zeit unterworfen und kann nicht mehr in ihrem Wesentlichen passieren, wenn sie sich in ihren konkreten Abläufen von den Gesetzmässigkeiten der digitalen Welt vorführen lässt.

Daher rate ich dem neuen Bundesrat Ignacio Cassis dringend, in Zukunft auf die Tasten-Metaphorik zu verzichten. 

Er hat in seiner neuen Funktion auch im Hinblick auf die von der Gesellschaft gebrauchte Sprache einen grösseren Einfluss als er es sich vorstellen mag. 

Bundesrätinnen und Bundesräte haben zwar in unserer direkten Demokratie nicht den Status von Halbgöttinnen oder Halbgöttern, aber ihre Vorbildfunktion beim Sprechen ist dennoch nicht zu unterschätzen. Ihre Formulierungen dringen leichter in den Sprachschatz der Medien und der durch sie beeinflussten Sprache der Gesamtgesellschaft durch, als Sprachfetzen von Menschen mit Funktionen, die kaum in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Wer bezüglich eines politisch noch laufenden Prozesses von «Reset» spricht, kann andere dazu verführen, die Vorstellung der «Deleat-Taste» via vorgespurter, bundesrätlicher Bildsprache ins allgemeine Bewusstsein träufeln zu lassen. 

Bereits hat übrigens auch die Punkt-Metaphorik in die Moderatorensprache von Moderator Jonas Projer in der «Arena» Einlass gefunden. Sein Hinweis in der letzten «Arena» (vom 22. September), es gebe immer auch einen Punkt, quittierte das Publikum mit Applaus. Das ist auch verständlich, denn mit diesem rhetorischen Kniff wollte er den in der Diskussion kaum zu bremsenden Ständerat Thomas Minder (parteilos / SH) endlich zum Schweigen bringen. 

Trotzdem möchte ich auch Moderatoren zur Zurückhaltung mit solchen Metaphern aus dem Bereich der Schreibkunst und der digitalisierten Tastatur aufrufen, denn politisches Argumentieren und politische Meinungsäusserung sind der gesprochenen Sprache und nicht der sie abbildenden Schriftlichkeit verpflichtet.

Sage mir, welche Bilder und Vergleiche du brauchst, und ich sage dir, aus welchem Bewusstsein und damit aus welcher Denkungsart sie stammen.

Das spezifisch Politische, wie es sich im Verhandeln und im  Aeussern von Meinungen zeigt, verdient unser aller Respekt und darf nicht durch eine Metaphorik aus Welt digitalisierter Schriftlichkeit innerlich angeknackt werden.

Hans Widmer, alt SP-Nationalrat und Bildungspolitiker, Luzern 


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