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02.09.2017

«Weltwoche» - Tamedias unmöglicher Spagat

Die Neuorganisation der Redaktionen im Tamedia-Konzern läuft auf einen Abbau der publizistischen Leistung hinaus. Dabei könnte sich das Unternehmen eine langfristige Strategie leisten.


Karl Lüönd ist 1944 einer Arbeiterfamilie in Flüelen entsprossen. Er startete Ende der Sechziger Jahre beim «Luzerner Tagblatt» eine steile Karriere und hat nachher ganze Generationen von JournalistInnen ausgebildet. Für sein Lebenswerk ist er 2007 mit dem Zürcher Journalistenpreis geehrt worden.

Dieses Bild entstand am 16. November 2016, nachdem Karl Lüönd in der Luzerner Matthäuskirche an der Trauerfeier für Hans Peter Jaeger, Redaktor des Luzerner Tagblatts, teilgenommen hatte, einem seiner Lehrmeister. Siehe unter «In Verbindung stehende Artikel».

Bild: Herbert Fischer

Darüber schreibt in der «Weltwoche» vom 31. August Karl Lüönd, einer der präzisesten Kenner der Schweizer Medienlandschaft, ihrer Geschichte und Geschichten, ihrer Entwicklungen, ihrer Fakten und Figuren. lu-wahlen.ch stellt diesen hochinteressanten Beitrag mit seiner persönlichen Bewilligung online, wofür ihm auch hier allerbestens gedankt sei. Hier ist er zu lesen.

Der grösste Zeitungsverlag der Schweiz übt den Spagat. Wegen des dramatischen Anzeigenrückgangs muss gespart werden. Aber wo denn, bitte? Das Papier hat Commodity-Preise, die der einzelne Verleger höchstens über die abgenommene Menge beeinflussen kann. Die Kapitalkosten sind schwer zu bewegen, ebenso wie der Kostenblock Vertrieb. Die Vorstufenherstellung ist stark von Fixkosten abhängig, desgleichen IT und Druck. Wer in einem Verlag wirklich sparen muss, ist also schnell bei der Redaktion, die bei einer Tageszeitung etwa 22 bis 30 Prozent der Gesamtkosten beansprucht. 

Die erste Stufe der Sparmanöver ist erfahrungsgemäss die Fokussierung durch Zusammenarbeit. Der Verleger kauft überregionale Inhalte ein und spielt Geld frei für seine Kernkompetenz im Lokalen und Regionalen. Das ist vernünftig. Der Tages-Anzeiger hat sich mit der Süddeutschen Zeitung zusammengetan, um Auslandkorrespondenten gemeinsam zu nutzen. Praktisch unbemerkt blieb bisher, dass diese Vernunft seit Jahren ohne Rücksicht auf die Urheberrechte der freien Mitarbeitenden durchgesetzt wird. Wer für den Tages-Anzeiger schreibt, findet ein paar Tage später seine Arbeit – möglicherweise noch inhaltlich verändert – zum Beispiel im Bund wieder. Freie Autoren, die auf ihrem Recht beharren, kommen auf eine Sperrliste. 

Weil die Synergieeffekte der Stufe eins zu wenig bringen, folgt jetzt Stufe zwei des Sparmanövers: eine Zentralredaktion mit den Bereichen Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport für alle deutschsprachigen Tamedia-Titel. Was ist mit der Kultur? Wird sie inskünftig nur noch auf der lokalen Ebene abgehandelt? Trittligasse ja, Salzburg kein Thema? Der Krähwinkel als neuer kulturpolitischer Standort . . . 

Wer so radikal bei den Redaktionen spart, legt die Axt an die Qualität an. Der Leser verlangt eine vollwertige publizistische Leistung.

Vollwertig bedeutet: glaubwürdig, individuell, auf seine Interessen als Bewohner einer Region, eines Kantons im föderalistischen Staat zugeschnitten. Vor diesem Hintergrund wird die mit besänftigenden Flötentönen angekündigte «Neuaufstellung» der Redaktionen für jeden Praktiker zur unlösbaren Aufgabe. Die Kolleginnen und Kollegen, die diesen Auftrag jetzt annehmen, werden es erleben. 

Nehmen wir als Beispiel die Nachrichtenlage am Mittwoch, dem 23. August, dem Tag, an dem Tamedia ihre Stufe zwei gezündet hat. Die andere wirklich grosse Zürcher Nachricht dieses Tages ist der Bundesratsbeschluss über das neue Anflugsregime zum Flughafen Kloten. Es drohen Südanflüge – seit Jahren ein heisses Streitthema in Gross-Zürich. Tamedia hat Zeitungen südlich, westlich, nördlich und östlich des Flughafens. Werden Zürichsee-Zeitung und Landbote – heute respektierte Stimmen ihrer Regionen mit gegensätzlichen Positionen in dieser Frage – in Zukunft die gleiche Soft-Version der Laufgeschichte bringen? Den Lokalaspekt – so werden die Controller einwenden – können die Redaktionen dann ja im Lokalteil nachliefern. Also zwei Versionen, womöglich sich widersprechende, im gleichen Blatt? Oder Verzicht auf einen Kommentar im «Konzernteil»? 

Für die Basisversion bedeutet dies Zwang zur Neutralität, zur Langeweile und null Fokussierung auf das Interesse des Kunden, dem man derzeit 434 Franken (Landbote) für das Abo abnimmt, Tendenz steigend. Dasselbe Problem wird sich bei anderen grossen Themenblöcken stellen, zum Beispiel im Gesundheitswesen, beim Finanzausgleich oder bei der Verkehrspolitik. 

Die Controller haben eben eines nicht auf der Rechnung: dass die Ressorteinteilung ein rein organisatorischer Behelf ist, dass aber alle grossen Themen die Ressortgrenzen sprengen, vor allem, seit von den Zeitungen mit Recht Vertiefung und Hintergrund gefordert wird. Lokalredaktionen werden in Zukunft noch genauso viel wert sein, wie sie in der Lage sind, Kolleginnen und Kollegen dauerhaft an sich zu binden, welche die Dossiers kennen, die richtigen Fragen stellen und ernst genommen werden. 

Die Erfahrung zeigt: Die besten Journalisten werden die Flucht ergreifen und sich irgendwo als Mediensprecher verdingen.

Die abgemagerten Lokalredaktionen sind, vor allem, was die grossen Dossiers betrifft, gekennzeichnet durch abnehmende journalistische Kompetenz. Folglich schwindet das Vertrauen der Abonnenten in ihr Leibblatt. Dies führt zur Aushöhlung der Marke. 

Was die Controller in den Konzernleitungen auch nie begreifen werden: Die Arbeit von Journalisten und Redaktorinnen ist vergleichbar mit intellektuellen Dienstleistungen wie Rechtsberatung, Seelsorge oder Architektur. Man kann sie nur bis zu einem gewissen Grad rationalisieren. Die Quantität der verfügbaren Arbeitsstunden von gutausgebildeten, dossiersicheren redaktionellen Kräften bestimmt direkt die Qualität der Medieninhalte und damit den Wert der Medienmarke. 

Tamedia tut so, als ob der Spagat dennoch zu schaffen wäre. Im Communiqué steht: «Mit der Einführung der neuen Organisation sind keine Kündigungen verbunden.» Das ist, Pardon, Opium für das Volk. Bitte genau lesen: Da steht ausdrücklich nicht, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Denn ohne eine massive Reduktion – also um 30 oder mehr Prozent, auf zwei bis drei Jahre hinaus gerechnet – hätte die ganze Übung ja keinen Sinn. 

Man rechnet mit einer «natürlichen Fluktuation» von 8 bis 10 Prozent. Intern dürfte es einen strengen Anstellungsstopp geben. Verjüngung findet nur noch statt, wenn ein «Alter» endlich zusammenpackt. 

Die gegenwärtige Strategie von Tamedia ist: im Nebel der PR-Floskeln alles aussitzen, langsam zurückfahren und das Kerngeschäft abbauen, das seit 1893 die Firma und deren Besitzerfamilien reich gemacht hat. 

Dieses Kerngeschäft war und ist lokal-regional verankerte Publizistik, überparteilich, frauenfreundlich, konsumentenorientiert. Als der Tages-Anzeiger gegründet wurde, gab es im Kanton Zürich etwa fünfzig Zeitungstitel, die meisten partei- und regionsgebunden. Der neue, marketinggetriebene Ansatz des ausländischen Investors hat den Erfolg gebracht. 

Ein reiches Unternehmen wie Tamedia könnte sich heute eine wirklich langfristige Strategie leisten und sich antizyklisch verhalten: gerade jetzt in die Redaktionen investieren und so den Abstand zur Konkurrenz erhöhen. 

Man ist das bestrentierende Medienhaus der Schweiz und verdient sich eine goldene Nase mit den ganzen Portalen, welche die Anzeigen ersetzen, die jahrzehntelang die wirtschaftliche Basis der Zeitung gebildet haben.

Gleichzeitig lehnt man aber – wieder dieser Controller-Slang! – «Quersubventionierungen» ab. Da man aber nicht weiss, wie man mit publizistischen Inhalten in der digitalen Welt Geld verdient, werden halt die Investitionen in die Inhalte gekürzt. 

Wenn das so weitergeht, kann es gut sein, dass eines Tages der Name Tamedia nicht mehr für kompetente, regional verankerte Publizistik stehen wird, sondern meinetwegen für den Versand von Hundefutter oder für Partnervermittlung. Dies aber können Google, Facebook & Co. definitiv besser. g 

Karl Lüönd, Publizist, Winterthur